Zweifel an Hayeks Erfolgsgeschichte

Der letzte Direktor des Uhrenmischkonzerns Asuag bezweifelt, dass es 1983 bei der Rettung der Schweizer Uhrenindustrie mit rechten Dingen zugegangen ist.

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Jon Mettler@jonmettler

Die offizielle Lesart der Rettung der Schweizer Uhrenindustrie lautet so: Wegen elektronischer Billiguhren aus Japan waren die Konglomerate Asuag und SSIH Anfang der 1980er-Jahre in Schieflage geraten. Die Gläubigerbanken setzten Anfang 1982 einen gewissen Nicolas G. Hayek als Berater dazu ein, die Uhrenindustrie zu sanieren. Dieser leitete als Massnahme die Fusion zwischen Asuag und SSIH zur SMH und späteren Swatch Group in die Wege. Dank des Erfolgs der Swatch-Uhr konnte Hayek die Uhrenindustrie retten.

Wie jetzt bekannt wird, stellen Direktbeteiligte die anerkannte Geschichtsschreibung infrage. Das Schweizerische Wirtschaftsarchiv in Basel hat ein letztes Dokument aus dem Besitz von Peter Renggli für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es handelt sich um ein zehnseitiges Memorandum, das der letzte Generaldirektor der Asuag im Dezember 2006 verfasst hat.

Brisante Thesen des letzten Asuag-Generaldirektors

Rengglis «Betrachtungen zu den Krisenjahren der Uhrenindustrie 1974–1984 und zum Beginn einer neuen Epoche» sind brisant. Darin versucht er aufzuzeigen, dass die Bankgesellschaft und der Bankverein getrickst hätten, um die Fusion von Asuag und SSIH durchzusetzen.

Diese Zeitung hat sich den Bestand zur Asuag im Wirtschaftsarchiv beschafft. Er umfasst neben den erwähnten Erinnerungen auch Briefwechsel zwischen Renggli und Hayek, Sitzungsprotokolle des Asuag-Verwaltungsrats während der Zeit der Sanierung sowie die Absichtserklärung für das Zusammengehen der Asuag und der SSIH.

Die Banken hätten die gesunde Asuag bewusst schlechtgemacht, um einen guten Grund für eine Fusion mit der maroden SSIH zu haben, schreibt Renggli. Die Demontage habe auf zwei Ebenen stattgefunden: über Kritik an der industriellen Leistungsfähigkeit der Asuag einerseits sowie über Zweifel an der finanziellen Situation der Holding andererseits.

Die Asuag habe nur deshalb als sanierungsbedürftig erklärt werden können, weil der Bankverein eine Bewertung der Aktien über die eigene Tochtergesellschaft Schweizerische Treuhandgesellschaft AG vorgenommen habe. Bewerkstelligt geworden sei dies mit «rigorosen Abschreibungen und Rückstellungen».

Renggli wundert sich, dass die Asuag per Ende 1982 innert Jahresfrist in die roten Zahlen gerutscht ist. Das Eigenkapital habe 1981 noch 590 Millionen Franken betragen, ein Jahr später seien es minus 22 Millionen gewesen. «Schon die kleine Zahl an sich erweckte den Verdacht der Manipulation», so Renggli.

Den Vorwurf, die Asuag habe die Elektronisierung in der Branche verschlafen und sei deshalb gegenüber der internationalen Konkurrenz in Rückstand geraten, weist Renggli ebenfalls zurück. Im Wirtschaftsarchiv finden sich Hinweise, dass die Asuag vor der Fusion mit der SSIH ihre Hausaufgaben durchaus gemacht hatte. So betrug der Anteil elektronischer Uhren und Werke in der Produktion aller Asuag-Firmen 1975 total 9,3 Prozent. Acht Jahre später waren es 77,2 Prozent. Zudem war die Asuag schon 1979 in der Lage, die dünnste elektronische Uhr der Welt herzustellen. Die nur 1,98 Millimeter flache Delirium sollte die Grundlage für die spätere Swatch-Uhr werden.

Neu ist der Hinweis in Rengglis Erinnerungen, Hayek und seine Beratungsfirma Hayek Engineering hätten bereits Ende der 1970er-Jahre von der SSIH den Auftrag erhalten, die verlust­reichen Marken Omega und Tissot auf Vordermann zu bringen.

Dieses Vorhaben sei jedoch gescheitert. Deshalb hätten die Banken die SSIH erst recht zu einer Fusion mit der Asuag gedrängt, um den drohenden Konkurs abzuwenden. «Die katastrophale finanzielle Lage dieser Gruppe war nicht nur Insidern und den verschiedenen Bankenaktionären und -gläubigern bekannt», notiert Renggli mit Blick auf die SSIH.

Wenig charmante Abkürzung für Nicolas G. Hayek

Ein Brief vom 16. Juli 2002 des ersten SMH-Generaldirektors Ernst Thomke stützt die Sichtweise von Renggli zu Hayeks Wirken bei der SSIH. Dieses Dokument lagert ebenfalls im Wirtschaftsarchiv. Thomke bezeichnet darin das Scheitern von Hayek bei Omega und Tissot als «vollkommen». Deshalb habe er – Thomke – 1984 zuerst Tissot und dann ein Jahr später Omega persönlich sanieren müssen. Thomkes Zerwürfnis mit Hayek ist im Schreiben spürbar. Thomke umschreibt Hayek mit der Abkürzung «dkd», was für «der kleine Dicke» stehen soll.

Zurück zu Renggli. Ein weiterer Einwand des letzten Asuag-Chefs lautet: Die Banken hätten Hayek und ihm nahestehende Investoren mit der SMH ein «einzigartiges Geschenk» gemacht – zum Nachteil der Asuag-Kleinaktionäre. Hayek und sein Aktionärspool erwarben 1985 die Aktienmehrheit an der SMH.

Die SMH bezeichnet Renggli als «eine völlig sanierte, von allem überzähligen Personal (rund 50%) erleichterte, modernst eingerichtete leistungsfähige Firmengruppe mit neusten Produkten (u.a. Swatch-Uhren), guten Firmenleitern (alle wichtigen Leiter wurden behalten) – und vor allem: das Ganze finanziell völlig saniert und – man kann es rückblickend sagen – zu einem Spottpreis den neuen Aktionären abgetreten».

Ersetzte ein Monopol das andere?

Abschliessend stellt Renggli erstaunt fest, dass das einst staatsnahe Monopol der Asuag durch ein anderes ersetzt worden sei – nämlich durch eine privatwirtschaftliche Alleinherrschaft der SMH respektive Swatch Group. Bemerkenswert sei in diesem Zusammenhang, warum neben den Banken auch der Bund und die Uhrenverbände an der Asuag beteiligt gewesen seien. Eben gerade, um einen Missbrauch der Monopolstellung zu verhindern.

Heute ist die Situation der Swatch Group tatsächlich so, dass sie in der Schweiz über ein faktisches Monopol bei der Herstellung von Uhrwerken verfügt. Mit der Wettbewerbskommission hat die Gruppe deshalb vereinbart, dass der Lieferzwang an die Konkurrenz schrittweise gelockert wird. So sollen die Mitbewerber gezwungen werden, eine eigene Produktion aufzubauen.

Auf Anfrage bestätigte Renggli, Autor des Memorandums zu sein. Verschiedene Mitglieder des Asuag-Verwaltungsrats hätten ihn ermuntert, seine Erinnerungen niederzuschreiben, sagte der 89-Jährige. Weitere Aussagen wollte Renggli nicht machen und verwies auf sein Schreiben. Groll gegen Hayek ist darin nicht ­auszumachen. Renggli betont ­Hayeks Verdienste bei der weltweiten Kommerzialisierung der Swatch-Uhr. «Das Glück lacht den Tüchtigen», bewertet er Hayeks Gesamtbeitrag.

Die Swatch Group hingegen zeigt wenig Verständnis für Rengglis Version der Ereignisse: «Da in den Jahren der Katastrophe Peter Renggli Chef der Asuag war, verstehen wir, dass es schwierig für ihn ist, objektiv über seine eigenen Misserfolge zu sprechen», so Sprecher Bastien Buss.

Im Nachhinein betrachtet war die Fusion zwischen Asuag und SSIH erfolgreich. Die Nachfolgefirma Swatch Group erwirtschaftet heute einen Umsatz von 8,4 Milliarden Franken und beschäftigt weltweit über 35 000 Mitarbeiter.

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