Zieht die SNB bei Hypotheken bald die Schraube an?

Bund und SNB wollen die Immobilienblase entschärfen und dürften deshalb bald einen antizyklischen Puffer für Hypothekarkredite aktivieren. Bei den Banken regt sich Widerstand – zuvorderst steht die Raiffeisen.

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Simon Schmid@schmid_simon

«Wir brauchen den antizyklischen Kapitalpuffer nicht», sagt Pierin Vincenz in der Onlineausgabe von «Finanz und Wirtschaft». Dass sich gerade der Raiffeisen-Chef kritisch zu den geplanten Vorschriften äussert, ist kein Zufall: Die von ihm geleitete Bankengruppe galt zuletzt als Hypothekenturbo unter den Schweizer Kreditinstituten. Gemäss Daten der SNB wuchs ihr Hypothekenportefeuille 2011 um satte 7,4 Prozent. Sollten sich Bund und SNB zur Aktivierung des angesprochenen Kapitalpuffers entscheiden, so müssten diese Kredite mit deutlich mehr Eigenkapital unterlegt werden (siehe Box).

Und das kostet. Oder wie es Sarasin-Ökonom Jan Poser formuliert: «Die Gewinnmarge der Banken würde schrumpfen.» Wie viele Analysten auf dem Finanzplatz hält auch Poser eine baldige Aktivierung des Puffers für wahrscheinlich, sollte sich der Markt nicht von selbst abkühlen. Ob dabei auf Anhieb der Maximalsatz von 2,5 Prozent zur Anwendung kommt, weiss allerdings niemand: Weder Bund noch SNB wollen dazu Stellung nehmen. Dem Vernehmen nach gehen einige Finanzinstitute davon aus, dass erst ein Teil des maximal möglichen Puffers aktiviert wird – beispielsweise ein halbes oder ein Prozent an zusätzlichem Eigenkapital im Verhältnis zu den risikogewichteten Aktiven im Hypothekengeschäft.

Inlandsbanken wären stärker betroffen

Seit Beginn der Finanzkrise hat sich die Nationalbank für eine schärfere Überwachung des Hypothekenmarktes starkgemacht. Grund dafür ist das Zinsniveau, das die SNB auf absehbare Zeit tief halten muss: Es veranlasst Immobilienkäufer zu erhöhter Nachfrage, die Gefahr einer Immobilienblase steigt. In ihrem Stabilitätsbericht vom Juni schreibt die SNB, dass «bei einigen inlandorientierten Kreditbanken Bedarf für eine weitere Stärkung der Widerstandskraft» da sei. Trotzdem wird von einem «vorsichtigen Einsatz dieses Instruments» gesprochen. Mangels Erfahrungen aus der Vergangenheit dürfte die SNB den Banken kaum die volle Ladung antizyklischer Kapitalerfordernisse auf einmal zumuten.

Zumal die SNB bereits im Juni einen Warnschuss in Richtung der Grossbanken abgegeben und die Credit Suisse so zu einer vorgezogenen Kapitalerhöhung veranlasst hat. Von der anstehenden Regulierung wären diesmal vor allem die inlandorientierten Banken betroffen: In ihrem Geschäft nehmen Inlandshypotheken einen ungleich höheren Stellenwert ein. Dementsprechend stiege der Kapitalbedarf dieser Institute mit dem antizyklischen Puffer stärker an. Bezogen auf einen Satz von 2,5 Prozent auf alle Aktiven betrüge er bei der St. Galler Kantonalbank etwa 316 Millionen Franken, wie Mediensprecher Simon Netzle sagt: «Die Bank könnte dieses Kapital aus ihrem Eigenmittelüberschuss bereitstellen.»

Skepsis gegenüber der Wirkung

Bankenanalyst Andreas Venditti zufolge würde ein 2,5-prozentiger Puffer für alle 14 Banken im Researchuniversum der Zürcher Kantonalbank kein Problem darstellen. Dazu gehören die beiden Grossbanken sowie einige Privat- und Kantonalbanken. Nicht dazu gehört die Raiffeisen. «Wir arbeiten generell daran, unsere Eigenmittelbasis weiter zu stärken», sagt Mediensprecher Jens Wiesenhütter auf Anfrage zum Thema. Dem Genossenschaftschef Pierin Vincenz zufolge hätte ein Kapitalpuffer «keine Schockwirkung» für die Bank – auf welches Szenario er sich bei dieser Aussage bezog, bleibt indes unklar. Vincenz legt gegenüber dem antizyklischen Puffer grosse Skepsis an den Tag: In seinen Augen würde die Vorschrift vor allem dazu führen, dass gut kapitalisierte Banken anderen Instituten das Geschäft abluchsen würden.

Auch anderswo werden Vorbehalte geäussert. Ronny Haase vom Beratungsunternehmen Wüest & Partner zweifelt daran, dass zusätzliche Kapitalanforderungen allein den Preisanstieg bei Immobilien bremsen würden. Aber in Kombination mit den im Juni beschlossenen, strengeren Belehnungs- und Tragbarkeitsgrenzen sei von einem preisdämpfenden Effekt auszugehen. Einen ähnlichen Standpunkt nimmt der IWF in seinem Konsultationsbericht zur Schweiz vom Mai ein. Auch Ökonom Jan Poser rechnet aufgrund der Trägheit des Immobilienmarktes nicht mit einer sofortigen Wirkung. Allerdings streicht Poser hervor: «Bereits ein zusätzliches Prozent an Kapitalerfordernis könnte helfen, die Immobilienpreise auf einen nachhaltigeren Wachstumspfad zu bringen.»

Ob sich der Immobilienmarkt von selbst abkühlt, bleibt höchst ungewiss. Anzeichen eines nachlassenden Preisdrucks vermeldete vor Wochenfrist die UBS: Erstmals seit 2008 legt ihr Immobilienblasenindex nicht mehr zu. Sollte sich die Beobachtung nur als «Verschnaufpause» entpuppen, wie es Immobilienanalyst Claudio Saputelli gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz nahelegte, so wäre die SNB so gut wie sicher zur Stelle. Denn aus volkswirtschaftlicher Sicht ist für sie klar: Damit der Puffer seine präventive Wirkung entfalten kann, muss er «seine Maximalhöhe erreichen, bevor die Fehlentwicklungen extrem werden». Als Umsetzungszeitraum gibt die Nationalbank drei bis zwölf Monate an: Für Banken, die bereits jetzt wenig Spielraum haben, dürfte die Luft spätestens dann noch etwas dünner werden.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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