Ypsomed: 700 Millionen in Luft aufgelöst

Das Burgdorfer Medizinaltechnikunternehmen Ypsomed hat an der Börse 700 Millionen Franken an Wert eingebüsst. Weil eine wichtige Gewinnquelle versiegt.

Am Freitagvormittag fiel die Ypsomed-Aktie um 27 Prozent. Bei Börsenschluss stand sie sogar um 29 Prozent schlechter da.

Am Freitagvormittag fiel die Ypsomed-Aktie um 27 Prozent. Bei Börsenschluss stand sie sogar um 29 Prozent schlechter da. Bild: Screenshot finanzen.ch

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135 Franken kostete bei Handelsschluss am Freitag eine Aktie von Ypsomed an der Börse. Am Vorabend waren es noch 190,1 Franken gewesen. Grund für den Einbruch des Börsenwertes von total 2,4 Milliarden auf 1,7 Milliarden Franken ist der Bruch von Ypsomed mit dem US-Unternehmen Insulet.

Die Familie von Firmengründer Willy und Firmenchef Simon Michel ist stark vom Kurstaucher betroffen. Sie hält einen Anteil von 72 Prozent an Ypsomed. Der Kursabsturz bedeutet für sie ein Buchverlust von 500 Millionen Franken.

Gewinnpumpe fällt aus

Dabei tönte der Anfang der Mitteilung so harmlos: Ypsomed löst sich von Insulet. Es ist aber eine Zäsur für das Burgdorfer Unternehmen, das Simon Michel leitet und das dessen Vater Willy Michel auf­gebaut hat. Denn vom US-Unternehmen Insulet erhält Ypsomed seit 2010 die Insulinpumpe Omnipod für den exklusiven Verkauf ausserhalb der USA.

Das Geschäft ist lukrativ. Es steuerte im Geschäftsjahr 2016/2017 rund 120 Millionen Franken Umsatz zum Gesamterlös von 390 Millionen Franken bei. Auf Stufe Betriebsgewinn ist der Anteil noch bedeutender: 24 Millionen von insgesamt 55 ­Millionen Franken.

Verborgenes Klumpenrisiko

Diese Gewinnpumpe fällt bald aus. Insulet verlangte von Ypsomed für eine Verlängerung des Vertriebsvertrags mehr Geld aus den Verkäufen. Die Preisforderungen hätten eine wirtschaftliche Weiterführung des Geschäfts verunmöglicht, teilte Ypsomed mit. Der Vertriebsvertrag läuft damit per 30. Juni 2018 aus.

Leicht und kompakt: Mit der Insulinpumpe OmniPod hat Ypsomed sehr gut verdient. Nun hat der US-Hersteller den Vertriebsvertrag gekündigt. Bild: Guy Jost

Die Anleger reagierten entsetzt. Selbst Analysten waren sich offenbar nicht bewusst, dass ­Insulet ein derart grosses Klumpenrisiko für Ypsomed ist. Prompt tauchte der Aktienkurs am Freitag um 29 Prozent. Der Börsenwert schrumpfte um 700 Millionen Franken.

Ypsomed-Chef Simon Michel versuchte in einer Telefonkonferenz mit Analysten und Investoren zu beruhigen. Er deutete an, dass er die Marktreaktion übertrieben finde. Denn erstens ­erhalte Ypsomed für den Aufbau der europäischen Vertriebsstrukturen des Omnipod von Insulet noch gegen 50 Millionen Dollar. Der definitive Betrag ist von der Zahl der Patienten abhängig, die das Gerät benutzen.

Zweitens sei Ypsomed, die auch Insulinpens, Teile für Infusionssets und Blutzuckermesssysteme im Angebot habe, für die Zukunft gut auf­gestellt, sagte Michel. Mittel­fristig werde die Firma eine ei­gene schlauchlose Insulinpumpe ­namens Ypsopod lancieren. Voraussichtlich Mitte 2020 soll sie bereit sein.

Die Omnipod hat in Europa teilweise über 20 Prozent Marktanteil gewonnen, weil sie an diskreten Stellen wasserdicht auf die Haut geklebt werden kann und dann über genügend Insulin für bis zu drei Tage verfügt. Auf Knopfdruck an einer Fernbedienung führt das Gerät die Nadel ein, durch die das Insulin in den Körper gelangt.

Zurück zu den Wurzeln

Willy Michel gilt als Vater der ­Insulinpumpen. Seine Firma Disetronic hatte Mitte der 1980er-Jahre eine erste Pumpe auf den Markt gebracht. Später verkaufte er dieses Geschäft an Roche. Der Basler Pharmakonzern bedingte sich indes aus, dass sich Michels neue Firma Ypsomed für Jahre aus dem Insulinpumpengeschäft raushält. 2010 stand dann einer Zusammenarbeit mit Insulet ­keine Klausel mehr im Weg.

Jetzt muss Ypsomed die Eigenentwicklung forcieren. Das kostet, bietet laut Simon Michel aber etliche Chancen: Ypsomed werde sehr viel flexibler auf dem Markt agieren können und sei nicht mehr von einem Vertragspartner abhängig. Denn Vertriebsver­träge schränkten die Handlungsfreiheit erheblich ein.

«Wir haben in den vergangenen Jahren an den Erfolg im ­Vertrieb von Insulinpumpen durch Disetronic anknüpfen können.» Diese Akzeptanz und das etablierte Vertriebsnetz seien die ­Basis für künftigen Erfolg, zeigt sich Michel optimistisch. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Willy Michel kürzlich privat 50 Millionen Franken für ein Diabetesforschungszentrum in Bern gespendet hat. Dies auch, um die Grundlage für noch bessere Insulinpumpen zu schaffen.

Eine Zäsur hat Ypsomed bereits erfolgreich überwunden. 2009 hatte der Hauptkunde, der französische Pharmakonzern Sanofi-Aventis, seine Penkäufe bei den Burgdorfern markant reduziert. Ypsomed verlor wichtige Einnahmen und reduzierte den Personalbestand, rappelte sich aber wieder auf. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.07.2017, 19:47 Uhr

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