Wifag angelt sich in Indien einen Millionenauftrag

Damit hat niemand gerechnet: Kaum hat die angeschlagene Berner Maschinenfabrik Wifag ihre Maschinen und die Produktionshalle verkauft, hat ein indischer Verlag eine neue Druckmaschine bestellt.

Hat Grund zur Freude: Der neue Wifag-Chef Peter Ruth – hier in seiner Firma Polytype in Freiburg – kann mehr Wifag-Angestellten Arbeit anbieten als erwartet.

Hat Grund zur Freude: Der neue Wifag-Chef Peter Ruth – hier in seiner Firma Polytype in Freiburg – kann mehr Wifag-Angestellten Arbeit anbieten als erwartet.

(Bild: Philippe Müller)

Philippe Müller

Noch im Juli schien das Schicksal der stark angeschlagenen Berner Traditionsfabrik Wifag besiegelt: Von den einst 650 Stellen sollten nur noch 50 erhalten bleiben, zudem würde die Wifag nie wieder eine Druckmaschine bauen. Das verbleibende Personal sollte einen einzigen Auftrag ausführen: Die Wifag-Druckmaschinen, die bei Zeitungsverlagen überall in Europa und zum Teil in Amerika und Asien stehen, zu warten und für die Kunden Garantieleistungen zu erbringen. Die Produktionshalle am Berner Nordring und den dazugehörenden Maschinenpark hat die Wifag an den inzwischen verstorbenen Freiburger Industriellen Markus Liebherr und dessen Mali-Gruppe verkauft.

Heute, drei Monate später, sieht die Situation bedeutend anders aus. Kaum war der Maschinenpark an Mali verkauft, hat ein indischer Kunde bei der Wifag eine neue Druckmaschine bestellt. Auftragsvolumen: rund 15 Millionen Franken. Die Wifag hat den Auftrag angenommen, wodurch nun mehr Arbeitsplätze erhalten werden können als angenommen.

Mali liefert, Wifag montiert

Allerdings gestaltet sich die Fertigung der Druckmaschine komplexer als früher. Weil die Wifag mittlerweile weder eine eigene Produktionshalle noch die notwendigen Maschinen besitzt, bestellt sie die grossen Teile der neuen Druckmaschine bei Mali. Die Wifag schlüpft damit in die Rolle der Kundin und bezahlt Mali für Arbeit und Material. Das Paradoxe daran: Die Mali-Angestellten, die auf dem ehemaligen Wifag-Areal die Teile fertigen, waren bis vor kurzem bei der Wifag angestellt.

Umzug nach Freiburg

Montiert wird die neue Druckmaschine in Freiburg auf dem Areal des Maschinenherstellers Polytype. Die Fabrikhallen von Polytype werden ohnehin demnächst zum neuen Arbeitsplatz des verbleibenden Wifag-Personals: Sowohl die Büro-Angestellten wie auch die Mitarbeiter des Service- und Kundengeschäfts werden im Verlauf des nächsten Jahres von Bern nach Freiburg wechseln. Polytype war unter dem Dach der Wifag-Polytype Holding bereits bisher eine Schwesterfirma der Wifag. Nun gehen die beiden Firmen eine noch engere Verbindung ein, der Name Wifag bleibe aber bestehen, versichert Polytype-Chef Peter Ruth. Ruth trägt seit sechs Wochen auch die operative Verantwortung für die Wifag. «Ein gewisser Vertrauensverlust lässt sich nach den Entlassungen nicht wegreden, trotzdem steht der Name Wifag nach wie vor für eine starke Marke.»

Ruth geht davon aus, dass dank dem Auftrag aus Indien in Freiburg künftig zwischen 70 und 100 «Wifägler» weiterbeschäftigt werden können. Zudem will Ruth das Ersatzteilgeschäft für die Wifag-Druckmaschinen stärker forcieren. Sollte die Auslastung im Druckmaschinengeschäft nachlassen, ist er zuversichtlich, dass er das Wifag-Personal innerhalb der Polytype anderweitig beschäftigen kann. «Wir sind in verwandten Branchen tätig, auch die Ausbildung der Mechaniker ist vergleichbar», so Ruth. Polytype stellt Maschinen her, mit denen Becher und Tuben bedruckt werden können, und beschäftigt weltweit rund 700 Mitarbeiter.

Berner Zeitung

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