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Wie ich zum Milliardenbetrüger wurde

Wie fühlt sich ein Händler, der Milliarden einer Bank verzockt hat? Der britische Händler Nick Leeson, der 1995 mit unerlaubten Zinsspekulationen die Barings Bank in den Ruin trieb, erklärt es.

Verhaftet und abgeführt: Nick Leeson 1995, nachdem er die Barings Bank in den Ruin getrieben hatte, und Kweku Adoboli 2011, der UBS-Milliarden verspekulierte.
Verhaftet und abgeführt: Nick Leeson 1995, nachdem er die Barings Bank in den Ruin getrieben hatte, und Kweku Adoboli 2011, der UBS-Milliarden verspekulierte.
AFP
Ein unscheinbarer Jüngling trieb die Barings Bank in den Ruin: Nick Leeson auf einem undatierten Foto während seiner Studienzeit.
Ein unscheinbarer Jüngling trieb die Barings Bank in den Ruin: Nick Leeson auf einem undatierten Foto während seiner Studienzeit.
AFP
Gefragter Redner: Nick Leeson 2008 an einem Business-Seminar in Hongkong.
Gefragter Redner: Nick Leeson 2008 an einem Business-Seminar in Hongkong.
AFP
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Die Bilder des festgenommenen UBS-Händlers Kweku Adoboli, der in Handschellen abgeführt wurde, müssen Nick Leeson an seine eigene Verhaftung vor sechzehn Jahren erinnert haben. Wie Adoboli hatte er seinen Arbeitgeber um Milliarden gebracht: Mit riskanten und unerlaubten Zins- und Indexspekulationen verursachte der in Singapur stationierte Händler der britischen Barings Bank einen Verlust von 1,4 Milliarden Dollar und trieb das Finanzinstitut 1995 in den Ruin. Seither ist der Mann, der für sein Vergehen dreieinhalb Jahre im Gefängnis sass, ein gefragter Interviewpartner – nach dem Fall UBS erst recht.

In einem Artikel in der heutigen Ausgabe des «Independent» kommt Leeson allerdings nicht als Finanzexperte zu Wort, gefragt waren von ihm vielmehr psychologische Antworten. In seinem Beitrag für die britische Zeitung beschreibt er, wie man sich als Händler fühlt, der sich verspekuliert hat. «Man glaubt, in den ersten 24 Stunden entdeckt zu werden», schreibt Leeson. «Jedes Mal, wenn die Türe zu deinem Büro aufgeht oder wenn das Telefon läutet, glaubst du, dass nun jemand kommt, der Antworten will.»

Das Herz rast, die Zeit vergeht ereignislos

In dieser ersten Phase lebe man in ständiger Angst. Das Herz rase. Mit der Zeit ändere sich dies. Dann nämlich, wenn der erwartete Anruf, das befürchtete Klopfen an der Tür nicht eintrete. Dann wachse die Zuversicht wieder. «Du beginnst zu glauben, dass du den Verlust korrigieren kannst, dass du zurück auf Feld eins und neu beginnen kannst.»

Auf diese Weise würden zuerst Tage, dann Wochen und schliesslich Monate vergehen. Monate, in denen man den Verlust wettzumachen versuche, sich dieser stattdessen vervielfachen würde. «Schliesslich kam der Anruf. Ich reagierte feige. Ich rannte.» Letztlich sei es aber wie eine Erlösung, wenn der Verlust auffliege. «Dein ganzes Leben war eine Lüge, während mehrerer Jahre», erinnert sich der einstige Händler. Sogar seine Familie, seine Freunde habe er angelogen. Alkohol half.

Nachdem er aufgeflogen sei, habe er viel Anteilnahme erhalten. Nicht nur von seinen engsten Vertrauten, also von jenen, die er jahrelang angelogen hatte, sondern auch von der Öffentlichkeit. Er habe Briefe erhalten. «Heute wäre das wohl nicht mehr der Fall», glaubt Leeson. Banker hätten heute in der Öffentlichkeit ein schlechtes Image, noch nie sei die Achtung so tief gewesen.

Auf einmal ist alles real

Nach seiner Verurteilung, schreibt der heute 44-Jährige, habe er alles akzeptiert, was mit ihm geschehen sei. Sein Leben sei in den Jahren zuvor irrational gewesen. «Auf einmal wurde es rational.» Sein Fall weise unglaublich viele Parallelen zu Kweku Adoboli auf: die lange Zeit, bis der Händler sich verraten habe. Die Geldmenge, um die es ging. Und das junge Alter des Händlers. Adoboli ist 31 Jahre alt, Leeson war 28, als er den Milliardenverlust tätigte.

Auch der Beweggrund mag ähnlich gewesen sein. «Ich bin laut Gesetz ein Krimineller. Aber es war keine kriminelle Absicht vorhanden», schreibt Leeson. «Man stürzt sich nicht in solche Sachen, um ein Krimineller zu werden. Du willst Geld für deine Bank machen, ein guter Händler sein und einen grossen Bonus erhalten.»

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