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Wie die Schweizer Banker im 1MDB-Skandal versagten

Zwei Zürcher Bankkader wurden gebüsst, weil sie schmutziges Geld nicht meldeten. Das ermöglicht einen seltenen Einblick in eine riesige Geldwäsche-Operation.

Demonstranten fordern die Inhaftierung des «Piraten» Jho Low, der ein Leben führte, wovon selbst Superreiche oft nur träumen können. Bild: Keystone
Demonstranten fordern die Inhaftierung des «Piraten» Jho Low, der ein Leben führte, wovon selbst Superreiche oft nur träumen können. Bild: Keystone

Um Milliarden aus einer Staatskasse zu stehlen, braucht es drei Dinge: einflussreiche Freunde, skrupellose Lügen sowie willfährige Banker, die nicht so genau wissen wollen, woher das Geld ihrer Kunden kommt. So ist es dem malaysischen Geschäftsmann Jho Low gelungen, unvorstellbare Summen aus einem Staatsfonds unter seine Kontrolle zu bringen – und damit ein Leben im absoluten Luxus zu führen.

Die Folgen sind verheerend. Mit den Hunderten Millionen, die Low verprasste, hätte man in den armen Regionen Malaysias dringend benötigte Spitäler oder Schulen bauen können. Doch statt in die Entwicklung des Landes zu fliessen, ging das Geld des malaysischen Staatsfonds 1MDB für exklusive Partys mit Stars wie Paris Hilton oder Miranda Kerr drauf, für Penthouses, Jachten und Privatjets – und sogar für den Hollywood-Film «Wolf of Wall Street» mit Leonardo DiCaprio.

4,5 Milliarden Dollar wurden dem Staatsfonds gemäss den Ermittlern gestohlen, vielleicht auch mehr. Schweizer Banken spielten eine zentrale Rolle. Über Konten in Zürich oder Lugano flossen über 7 Milliarden Dollar von 1MDB. Und zwar grossmehrheitlich illegal, sagt die Bundesanwaltschaft.

Wie ist es möglich, dass das niemand stoppte?

Das Recherchedesk von Tamedia hat Zugang erhalten zu einer Strafverfügung des Eidgenössischen Finanzdepartements von letztem September. Sie richtet sich gegen einen Kadermitarbeiter der früheren Bank Coutts in Zürich. Das 50-seitige Dokument zeigt in allen Einzelheiten, wie Jho Low es schaffte, die ersten 700 Millionen durch die Schweiz zu schleusen. Es ist ein selten detaillierter Einblick ins Zentrum einer riesigen Geldwäsche-Operation, bei der die Coutts-Verantwortlichen alle Zweifel über Jho Lows Geschäfte beiseitewischten. Nicht weniger als zehn rote Ampeln hat die Schweizer Bank dabei überfahren.

1. Der wundersame Geldregen

Als Jho Low Mitte 2009 ein Konto bei Coutts eröffnet, ist er 28 Jahre jung und ein unbeschriebenes Blatt. Er gibt an, in den nächsten Jahren würden etwa 10 Millionen Dollar auf dem Konto eingehen. Ende September 2009 überweist der Staatsfonds 1MDB dann plötzlich 700 Millionen Dollar.

Low hält das Konto nicht in seinem Namen, sondern in jenem einer Briefkastenfirma auf den Seychellen. Er legt der Bank einen Vertrag zwischen dieser und dem Staatsfonds vor. Darin heisst es, 1MDB setze die Briefkastenfirma als Vermögensverwalterin ein. Eine Strategie, wie die Firma das viele Geld anlegen soll, gibt der Staatsfonds nicht vor. Hingegen steht im Vertrag, der Fonds wolle die Seychellen-Firma unterstützen, ihren Zweck als angebliche Vermögensverwalterin zu erfüllen.

Tönt schwierig, denkt man sich bei Coutts und sperrt das Konto der Seychellen-Firma erst einmal. Doch schon drei Tage später entsperrt es die Bank nach einem Treffen mit Jho Low wieder. Der inzwischen gebüsste Anti-Geldwäscherei-Chef von Coutts, Daniel Meier*, schreibt in einer E-Mail, es gebe genügend Belege, dass die Zahlung «true and valid» sei – richtig und gültig.

2. Die Warnung vom Rechtsdienst

Am 7. Oktober gibt ein erfahrener Mitarbeiter der Coutts-Rechtsabteilung Gegensteuer. In einer alarmierenden E-Mail hält er fest: «Der Set-up ist alles andere als plausibel.» Der 28-jährige Low habe die totale Kontrolle über das Geld übernommen, was für eine Vermögensverwaltung nicht nötig sei. «Ich habe ein höchst ungutes Gefühl und schliesse nicht aus, dass wir einer Totalfälschung aufgesessen sind.»

Am 9. Oktober kommt es zum zweiten Treffen zwischen Coutts-Bankern und Jho Low in Zürich. Danach schreibt Meier in einem Report, man habe bei Low mangelhafte Kenntnisse über das Vermögensverwaltungsgeschäft festgestellt. Dennoch gebe es grundsätzlich keinen Grund, an seinen Erklärungen zu zweifeln.

3. Mündliche Erklärungen – aber keine Dokumente

Am 28. Oktober reist Jho Low wieder zur Bank Coutts nach Zürich. Diesmal ist er in Begleitung eines 1MDB-Direktors. Mündlich lassen sich Meier und sein Vorgesetzter, der nun ebenfalls gebüsste Reto Schärer*, erklären, dass mit dem Geld alles in Ordnung sei. Dokumente, die das bestätigen würden, bekommen sie aber nicht. «Am Schluss haben wir nicht alles erhalten, was wir initial wollten», sagt Daniel Meier Jahre später anlässlich einer Befragung durch die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma. Der 1MDB-Direktor habe letztlich «kurz bestätigt, dass er Kenntnis vom Set-up hatte und damit einverstanden war».

In der E-Mail vom 7. Oktober hatte der Rechtsdienst zuvor gewarnt: «Wir müssen die Sache verifizieren», aber nicht «mit den uns präsentierten Vertretern» von 1MDB. Denn diese hätten das Geld möglicherweise veruntreut.

4. Das Schmiergeld für den Staatsfonds-Direktor

Hätten Meier und Schärer ein bisschen genauer hingeschaut – sie hätten spätestens jetzt den entscheidenden Hinweis gefunden, dass sie sofort die Reissleine ziehen müssen. Und zwar im eigenen Institut. Der 1MDB-Direktor, der ihnen beim dritten Treffen gegenübersass, hatte nämlich auch ein Konto bei Coutts. Auf dieses Konto überwies Jho Low im August 2009 1,7 Millionen Dollar – nur wenige Wochen bevor die ersten 700 Millionen vom Staatsfonds zu Low hinüberflossen.

5. Die Warnung aus Singapur

Die Coutts-Filiale in Singapur führt ebenfalls Konten von Jho Low. Mitte November 2009 informieren dortige Banker ihre Zürcher Kollegen, dass sie Low der Geldwäscherei verdächtigen, unter anderem wegen hoher Zahlungen für Casinos und Schmuck. Deshalb habe man eine Meldung an die Singapurer Behörden abgesetzt. Die Folgen in Zürich: keine. «Wir glaubten, ein besseres Kundenverständnis zu haben als die in Asien», rechtfertigt sich Daniel Meier Jahre später in der Finma-Befragung.

6. Eine neue Begründung für die 700 Millionen

Im Januar 2010 dann folgende Kuriosität: Jho Low ersetzt die ursprüngliche Begründung für den 700-Millionen-Transfer. Auf dem Papier, das er Coutts nun übermittelt, ist seine Seychellen-Firma nicht mehr Vermögensverwalterin. Stattdessen erhält sie vom Staatsfonds ein 700-Millionen-Darlehen. Dieser Schritt ist offenbar mit den beiden Coutts-Kadern abgesprochen. «Der Kunde ist kooperativ und liefert wie versprochen», schreibt Meier an Schärer.

7. Vertauschte Vertragsparteien

Doch dann fällt Meier noch etwas auf. Der Darlehensvertrag enthält einen kapitalen Fehler. Die Parteien sind vertauscht. Auf dem Papier leiht Low dem Staatsfonds die 700 Millionen. Meier bittet den jungen Mann, das zu korrigieren. Aus «unseren Diskussionen» habe er verstanden, dass es gerade umgekehrt sein sollte, schreibt er Low am 26. Januar 2010 per E-Mail. Es dauert dann fast einen Monat, bis Low eine neue Version des Darlehensvertrags mit getauschten Vertragsparteien einreicht.

8. Erste Medienberichte

Ende Januar 2010 schlägt Coutts Singapur erneut Alarm. Bankmitarbeiter hatten die ersten Zeitungsberichte über Low entdeckt. Darin geht es primär um dessen verschwenderisches Ausgabeverhalten in den Nachtclubs von New York. Der «mysteriöse Malaysier» habe in wenigen Wochen Zighunderttausend Dollar liegen gelassen für Partys und Alkohol. «Niemand gibt so sein eigenes Geld aus», zitiert die «New York Post» einen Szenekenner.

Ein Penthouse im New Yorker Time Warner Center kostete Low 30 Millionen Dollar vom Zürcher Konto.
Ein Penthouse im New Yorker Time Warner Center kostete Low 30 Millionen Dollar vom Zürcher Konto.

«Ich fühle mich höchst unwohl mit diesem Typen», schreibt eine Coutts-Kundenberaterin in Singapur in einer E-Mail, die sie an Meier und Schärer in Zürich weiterleitet. Dann geht die Sache bis nach ganz oben. An einer Telefonkonferenz zwischen Coutts Zürich und Coutts Singapur nimmt Anfang Februar der CEO der Bank persönlich teil. Man hält fest, man müsse besser aufpassen mit den privaten Transaktionen von Low über die Singapurer Filiale. In Zürich könne man weiterfahren wie bisher. Denn da gebe es ja keine solchen Privatausgaben.

9. Die privaten Ausgaben

Doch dem ist nicht so. Ab Juni 2010 zahlt Low direkt ab seinem Zürcher Konto 35 Millionen Dollar für private Vergnügen – Miete von Privatjets und Jachten, Casinobesuche in Las Vegas oder Macau. Schon vorher schaffte es Low, seine Luxusexzesse mit Geld aus Zürich zu finanzieren, einfach über einen kleinen Umweg.

Zwischen Oktober 2009 und Oktober 2010 lässt Low mehr als die Hälfte der 700 Millionen an eine US-Anwaltskanzlei überweisen. Davon kauft er unter anderem ein Fünfsternhotel in Kalifornien für 45 Millionen Dollar, mehrere Luxusapartments in New York und einen Privatjet.

Einen solchen Jet kaufte Low mit 35 Millionen Dollar vom Zürcher Konto.
Einen solchen Jet kaufte Low mit 35 Millionen Dollar vom Zürcher Konto.

Weitere hohe Millionenbeträge aus Zürich landen auf Konten bei anderen Banken, über die Low bestimmen kann, bei Lows Geschäftspartnern – und selbst beim damaligen Premierminister von Malaysia, Najib Razak, dem derzeit in Kuala Lumpur der Prozess gemacht wird. Für die Produktion des Hollywood-Streifens «Wolf of Wall Street» fliessen 10 Millionen.

10. Spuren beseitigen

2011 überweist der Staatsfonds 1MDB noch einmal 330 Millionen Dollar auf Lows Coutts-Konto in Zürich. Im September 2013 verlangt Low die sofortige Schliessung des Kontos – und eine Bestätigung, dass sämtliche Akten zum Konto vernichtet wurden, die nicht zwingend aufbewahrt werden müssen.

Im Februar 2015 beginnt das Onlineportal «Sarawak Report» damit, den 1MDB-Skandal aufzudecken. Erst jetzt reicht Coutts eine Geldwäscherei-Verdachtsmeldung ein. Meier und Schärer arbeiten da schon bei der Konkurrenz. Kurz darauf wird bekannt, dass Coutts in der Schweiz verschwinden wird. 2017 sanktioniert die Finma Coutts wegen schwerer Verstösse gegen die Geldwäschereiregeln und zieht unrechtmässig erzielten Gewinn von 6,5 Millionen Franken ein.

Letzten September hat das Finanzdepartement nun auch Meier und Schärer gebüsst. Weil sie ihrer Pflicht nicht nachgekommen seien, den Behörden einen Verdacht auf Geldwäscherei zu melden. Schärers Strafverfügung ist rechtskräftig. Meier hat rekurriert. Beide wollten für diesen Artikel keine Stellung nehmen. Ihre Nachlässigkeit hat Low und seinen Komplizen entscheidend dabei geholfen, dem malaysischen Volk Milliarden zu stehlen. Schärers Busse beträgt 13000 Franken.

*Namen geändert

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