Weniger Kosmetik, mehr Zuverlässigkeit

Die SBB wollen sich in Sachen Pünktlichkeit verbessern – das ist zumindest ein Anfang.

Das System ist am Limit: Passagiere warten im Bahnhof Bern auf einen verspäteten Zug. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Das System ist am Limit: Passagiere warten im Bahnhof Bern auf einen verspäteten Zug. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Michèle Binswanger@mbinswanger

Um ein Problem zu lösen, muss man es zuerst anerkennen. In dieser Hinsicht war die gestrige Pressekonferenz Balsam auf die gestresste Pendlerseele. SBB-Chef Andreas Meyer verzich­tete nämlich für einmal darauf, seine Erfolge zu besingen, und räumte Fehler ein. Das ist ein guter Anfang.

Das Schweizer Bahnsystem wird nämlich stetig ausgebaut: Man kauft neue, modernere Züge, verdichtet den Fahrplan, bietet neue Ticketsysteme an. Von der Idee her mag das richtig sein – würde es denn auch funktio­nieren. Doch leider ist dies nur beschränkt der Fall, wie die SBB mittlerweile auch selber zugeben. Man habe zu viele Kompromisse zugunsten des Angebots gemacht, die zulasten der Pünktlichkeit gingen, hiess es gestern.

Das trifft zu, wie jeder Pendler weiss: Die Züge sind überfüllt, haben defekte Toiletten, beinahe täglich gibt es Zugausfälle, Stellwerkstörungen, und oft fahren nur die ältesten und abgewetzten Ersatzzüge. Nicht selten wird man darüber aber überhaupt nicht oder nur sehr spärlich informiert – dafür bedanken sich die Zugbegleiter bei der Einfahrt im Ankunftsbahnhof in sieben Sprachen bei den Reisenden.

Natürlich sind das Klagen auf hohem Niveau – aber misst man die SBB an ihren eigenen Ansprüchen und auch den Preisen, die sie für ihre Leistungen verlangen, sind sie angebracht. Denn das Schweizer System hat seine Schwachstelle gerade in diesem Perfektionismus, als Pendler fragt man sich bei jeder begeistert verkündeten Neuerung, ob es nicht klüger wäre, das bisherige System zu stabilisieren, bevor man es immer weiter auszubauen versucht. Man kann Systeme nämlich auch zu Tode optimieren – etwa wenn man seine Kapazitätsgrenzen missachtet. Dann wird das Angebot nicht besser, sondern schlechter.

Was Pendler brauchen, sind nicht noch mehr Züge und Schnickschnack – der Fahrplan ist dicht und komfor­tabel genug. Was hingegen zunehmend fehlt, ist Planungssicherheit. Der Pendler muss darauf zählen können, zur angegebenen Zeit am richtigen Bahnhof einzutreffen, damit er seine Termine einhalten kann. Alles andere ist Kosmetik.

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