Was sich Bahnkunden wünschen

Die SBB haben ein Imageproblem: komplizierte Billettsysteme, volle Züge und steigende Preise. Die Kunden wüssten, wo sich die Bahn verbessern müsste, doch die SBB hinken hinterher.

Fahren im Zug: 68 Prozent der Reisenden wünschen sich Stromanschlüsse für Computer.

Fahren im Zug: 68 Prozent der Reisenden wünschen sich Stromanschlüsse für Computer.

(Bild: Keystone)

Mirjam Comtesse

Ein Billett zu lösen, ist zur Herausforderung geworden. Gemäss einer aktuellen Umfrage des Beratungsunternehmens Accenture haben rund ein Viertel aller Bahnkunden Mühe, das korrekte Billett zu kaufen. Gar zwei Drittel sagen, für sie sei nicht klar, welches Ticket die günstigste Option sei. Viele Pendler beklagen auch, dass sie kaum einen Sitzplatz finden – oder im Zug ihren Computer nicht an den Strom anschliessen können. Gleichzeitig zahlt man immer mehr fürs Bahnfahren. Kein Wunder, ärgern sich viele. Die vier grössten Probleme und was die SBB tun, um sie zu lösen:

E-Ticket würde viel erleichtern

Die Lösung für die verwirrliche Tarifsituation wäre theoretisch simpel: ein elektronisches Ticket, das die Fahrten automatisch erfasst und den günstigsten Tarif berechnet. Die Kunden erhielten monatlich eine Rechnung mit einer Übersicht all ihrer Fahrten. Über eine solche Möglichkeit diskutieren die SBB schon seit Jahren. Im Gespräch sind zwei Arten von E-Tickets, die das Format einer Kreditkarte hätten: einerseits ein Ticket, das der Kunde vor dem Einsteigen an ein Gerät hält. Ein Piep, und schon ist der Passagier erfasst. Solche Systeme gibt es bereits in den Niederlanden und in London.

Die zweite Variante ist für den Bahnfahrer noch einfacher. Er trägt einen Chip auf sich, der bei jedem Ein- und Aussteigen mit Empfangsgeräten in den Zugtüren reagiert. Unter dem Stichwort Bibo («Be in be out») haben die SBB an einer solchen Ticket-Revolution gearbeitet. Bisher haben jedoch einzig die Dresdner Verkehrsbetriebe ein Bibo-System in einem Pilotprojekt getestet. «Erfolgreich», betont das zuständige Fraunhofer Institut. Aber: Das Risiko und die Investitionskosten dafür, alle SBB-Züge umzurüsten, wären beträchtlich. Deshalb müssen Bahnkunden noch lange auf ein elektronisches Ticket warten. Bis 2025 werde sich nichts Grundlegendes ändern, so die SBB.

Die ÖV-Karte, die ab 2015 bestehende General- und Halbtaxabonnemente ersetzen soll, kann man im Übrigen nicht als richtiges E-Ticket bezeichnen. Anstatt sich die Abonnemente anzuschauen, liest der Kontrolleur künftig einfach den Chip auf der ÖV-Karte mit einem Gerät ab. Sie ist aber immerhin ein erster Schritt hin zu einem gemeinsamen Ticket aller öffentlichen Transportunternehmen.

Gratis ins Internet

68 Prozent der Zugreisenden wünschen sich gemäss Accenture Stromanschlüsse für Computer. Rund 80 Prozent hätten zudem gerne drahtloses Internet. Bisher bieten die SBB nicht in allen Wagen Steckdosen an. Drahtlosen Breitband-Internetzugang, der auch in Tunnels nicht abbricht, gibt es nur in den Intercity-Zügen auf den Strecken Bern–Zürich, Genf–Lausanne und Bern–Thun. Und: Die Verbindung kostet.

Das wird sich nicht so schnell ändern. Zwar haben die SBB kürzlich beschlossen, dass Internetverbindungen aus dem Zug besser und schneller werden sollen. Gratis wird der Service aber auch in der künftigen Generation der Intercity-Züge nicht. Dafür will die Bahn bis Ende 2015 in rund hundert Bahnhöfen kostenlosen WLAN anbieten. Die Idee: Passagiere können grosse Datenmengen am Bahnhof herunterladen statt im Zug. Das ist zwar weniger kundenfreundlich, aber für die SBB einfacher zu handhaben.

Ein Sitzplatz für jeden

Kein anderes europäisches Bahnunternehmen bewältigt so viel Verkehr pro Gleiskilometer wie die SBB. Fast eine Million Menschen transportieren sie jeden Tag. Auf den viel befahrenen Strecken in den Stosszeiten am Morgen und am Abend kommt die Bahn an ihre Kapazitätsgrenze. Hier jedem einen Sitzplatz zu garantieren, ist eine fast unlösbare Aufgabe: Man kann nicht einfach weitere Waggons anhängen, weil irgendwann die Perrons zu kurz sind, und man kann im ausgelasteten Fahrplan kaum noch mehr Züge fahren lassen.

Die SBB versuchen unter anderem mit Sparbilletten, die Massen zu lenken: Tickets für weniger ausgelastete Züge sind deutlich günstiger. «Bei der Preisdifferenzierung haben wir noch viel Potenzial», erklärte SBB-Chef Andreas Meyer im Interview mit dieser Zeitung. Zum Beispiel könnten Züge zu gewissen Tageszeiten generell günstiger sein. Doch das nützt den Pendlerinnen und Pendlern, die sich ihre Arbeitszeiten nicht aussuchen können, wenig.

Günstigere Tickets

Jedes Jahr steigen die Billettpreise. Ist das unumgänglich? Sicher ist, die Kunden zahlen mit ihren Tickets je nach Studie nur 50 bis knapp 70 Prozent der anfallenden Kosten. Den Rest berappen Bund und Kantone. Solange die Schweizer immer mehr und weiter fahren wollen und die SBB ihre Infrastruktur noch mehr ausbauen müssen, wird Bahnfahren auf keinen Fall billiger. Der Bund plant allerdings ein neues Finanzierungssystem, in dem die Kunden verursachergerechter bezahlen. Demnach könnte der GA-Besitzer sein Abonnement nicht mehr in den ersten Monaten rausfahren und danach quasi gratis in jeden Zug steigen. «Mobility-Pricing» nennt sich diese Strategie. 2015 will der Bundesrat einen Bericht dazu vorlegen.

Doch was sicher nicht kommen wird: Dass wie in Deutschland ein Ticket nur für einen Platz in einem ganz bestimmten Zug gültig ist. Die SBB wollen laut eigenen Aussagen nicht am Prinzip des offenen Zugangs rütteln. Bahnkunden sollen weiterhin für eine bestimmte Strecke lösen und dann einen Zug ihrer Wahl nehmen dürfen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt