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Warum ein Deutscher der Schweiz schlechtes Wetter wünscht

Nach zwei Jahren im Schweizer Markt hat der deutsche Online-Versandhändler hierzulande bereits eine Million Kunden. Sein Markteintritt hat die Schweizer Anbieter mächtig unter Druck gesetzt.

Keystone

Dominik Rief lebt in Berlin. Dennoch interessiert ihn das Wetter in der Schweiz mindestens ebenso stark wie jenes vor seinem Bürofenster. Nicht aus Heimweh – Rief ist Deutscher. Sondern weil das Wetter einen erheblichen Einfluss darauf hat, wie viele Kleider und Schuhe Schweizer Konsumenten bei Zalando kaufen.

Da Rief beim deutschen Versandhändler für den Schweizer Markt verantwortlich ist, hofft er derzeit auf den ersten regnerisch kalten Herbsttag im Schweizer Mittelland. Denn dann treffen bei Zalando Bestellungen für Mäntel, Pullover, Schals und gefütterte Schuhe im Sekundentakt ein und sorgen für höhere Umsätze. So wie das in allen Kleiderläden der Fall ist.

Onlineshopping von unterwegs

Doch während in den Innenstädten Städten und Einkaufszentrum sich die zufällig anwesende Laufkundschaft vom kühlen Wetter zu Kleiderverkäufen verleiten lässt, profitiert Zalando als Internetladen davon, dass die Kauflust oft auch aufflackert, wenn keine Läden in der Nähe sind oder diese geschlossen haben.

Kleider und Schuhe bestellt werden längst nicht mehr nur am Computer zu Hause. Sondern auch von unterwegs. «Im Vergleich mit anderen Ländern wird in der Schweiz ausserordentlich oft vom Smartphone oder Tablet aus bestellt», sagt Rief.

Dauerpräsenz in Werbeblöcken

Dass auf dem Heimweg im Tram bei Zalando Spontankäufe getätigt werden, zeigt die Marktstellung, die der deutsche Anbieter innert weniger Monate errungen hat. Seit Oktober 2011, als der Eintritt in den Schweizer Markt erfolgte, betreibt Zalando aber auch einen immensen Werbeaufwand.

In den Werbeblöcken am Fernsehen sind die eingängigen Spots mit den Zalando-Boten geradezu omnipräsent. Und auch auf der Internetsuchmaschine Google erscheinen Zalando-Inserate, wann immer Schweizer Nutzer nach irgendwelchen Kleider- oder Schuhmarken suchen oder ein bestimmtes Kleidungsstück als Suchbegriff eingeben.

Gemäss Rief ist Zalando mittlerweile neun von zehn Schweizern ein Begriff. Nach nur zwei Jahren Marktpräsenz ist das ein unglaublich hoher Wert. Dies schlägt sich auch in der Kundenkartei nieder: In Kürze wird der Millionste Schweizer Kunde bei Zalando einkaufen.

Schuhverkäufer auf Expansionskurs

Umsatzzahlen zu einzelnen Ländern gibt Zalando nicht preis. Insgesamt setzte das erst im Herbst 2008 gegründete Unternehmen letztes Jahr 1,15 Milliarden Euro um. Die Hälfte des Umsatzes stammt nach wie vor aus den deutschsprachigen Ländern, wo das Geschäft nach Unternehmensangaben immerhin bereits kostendeckend ist.

Aus Deutschland beliefert Zalando seit 2009 Österreich und seit 2010 die Niederlande und Frankreich. 2011 kamen neben der Schweiz auch Italien und Grossbritannien dazu. 2012 wurde in die skandinavischen Länder, nach Belgien, Spanien und Polen expandiert.

Nur vier Jahre, nachdem das Unternehmen als Onlineversand für Schuhe gestartet war, kann sich Zalando bereits als Europas grösster Anbieter für Schuhe und Fashion im Internet bezeichnen. Für das Unternehmen sind mittlerweile über 1000 Personen tätig, über 2500 weitere arbeiten in den Logistikzentren. Und laufend werden es mehr.

Wachstum wichtiger als Profit?

Angesichts der rasanten Expansion und des hohen Werbeaufwands wird immer wieder darüber spekuliert, ob Zalando Rentabilitätsüberlegungen zugunsten von Wachstum vernachlässigt. Denn hohe Kunden- und Umsatzzahlen könnten den Preis für das Unternehmen nach oben treiben, wenn es dereinst verkauft würde.

Investiert in Zalando haben die auf Internet-Startups spezialisierte Beteiligungsgesellschaft European Founders Fund, die traditionsreiche Risikokapitalgeberin Investment AB Kinnevik und zahlreiche weitere Investmentgesellschaften. Seit August 2013 ist auch Anders Holch Povlsen, Eigentümer der Bestseller-Gruppe, beteiligt. Für den Bau der Logistikzentren – diesen Herbst soll in Mönchengladbach das dritte in Betrieb gehen – hat Zalando zum Teil Bankkredite aufgenommen.

Täglich mehrere Lastwagen in die Schweiz

Dass nicht nur in die Werbung, sondern auch in die Lager- und Verarbeitungszentren viel Geld investiert wird, hängt mit der grossen Bedeutung der Logistik für den Versandhandel zusammen. Diese trägt einen wichtigen Teil zur Kundenzufriedenheit und -bindung bei, wie Zalando-Schweiz-Chef Rief ausführt.

Die Logistik war seinen Angaben zu Folge denn auch die grösste Herausforderungen bei der Expansion in die Schweiz. Denn während Zalando einfach mit dem Lastwagen in andere EU-Länder fahren und die Pakete dort der Post übergeben kann, müssen Lieferungen in die Schweiz verzollt werden.

«Für den Eintritt in den Schweizer Markt musste Zalando deshalb zahlreiche Prozesse anpassen und beispielsweise das Gewicht aller Artikel erfassen», so Rief. Inzwischen fahren täglich mehrere Lastwagen in die Schweiz. In Branchenkreisen ist von mindestens 10'000 Paketen pro Tag die Rede. Offizielle Angaben dazu gibt es nicht.

Gratisversand erhöht Erwartungshaltung

Diese grosse Zahl von Päckchen freut die Post, welche vergangenes Jahr insgesamt 111 Millionen Pakete transportierte – 4,1 Prozent mehr als 2011 und so viele wie noch nie zuvor. Und die Post rechnet aufgrund des aufstrebenden Versandhandels mit einem weiteren Wachstum, wie es bei der Medienstelle auf Anfrage hiess.

Zalandos schnelle Expansion hat aber auch den Druck im Schweizer Markt erhöht. Mehr zu schaffen als die viele Werbung und die hohen Umsätze machen den hiesigen Versandhändlern Zalandos Verzicht auf Gebühren für den Versand und für die Retournierung von Paketen. Dies führe bei der Kundschaft zu einer neuen Erwartungshaltung, sagt Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizerischen Versandhandels (VSV). Einige Anbieter hätten dem Beispiel von Zalando bereits folgen müssen.

Kessler glaubt aber, dass am Schluss alle Anbieter, die online mit guten Konzepten agierten, vom Erfolg von Zalando profitieren dürften. Denn Zalando habe eine junge Zielgruppe überhaupt erst an den Mode-Versandhandel herangeführt. «Kurzfristig widersprechen wahrscheinlich viele Shopbetreiber meiner Meinung», so Kessler. «Ich bin aber überzeugt davon, dass es auch für andere Anbieter weiterhin Platz gibt. Vielleicht nicht in dieser Produktvielfalt, aber in der Nische.»

(SDA)

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