«Viel zu wenige Kunden kaufen Solarstrom»

Linksgrüne Grossräte und bauernnahe Vertreter der SVP wollen die BKW zwingen, für Strom aus Solaranlagen wieder viel mehr zu zahlen. BKW-Chefin Suzanne Thoma kämpft vehement dagegen.

BKW-Chefin Suzanne Thoma weist Ansprüche auf Solarsubventionen aus der Konzernkasse zurück.

BKW-Chefin Suzanne Thoma weist Ansprüche auf Solarsubventionen aus der Konzernkasse zurück.

(Bild: Urs Baumann)

Julian Witschi

Frau Thoma, warum zahlt die BKW für Solarstrom aus Kleinanlagen so ­wenig wie kein ­anderer Energiekonzern der Schweiz?Suzanne Thoma:Weil die BKW niemanden hat, der ihr die Rechnung zahlt. Wir vergüten einen marktgerechten Preis und nicht einen politischen.

Sie haben die Vergütung Anfang Jahr fast gedrittelt. Andere Versorger bleiben viel grosszügiger.Die Situation ist anders bei Energieunternehmen, die Teil einer Gemeinde- oder einer Kantonsverwaltung sind. Dort zahlt letztlich der Steuerzahler die höhere Vergütung für Solarstrom, weil die Gewinnausschüttungen schrumpfen. Anders ist es auch für Versorger, die selber zu wenig Strom produzieren. Diese können Solarstrom kaufen und in die Tarife einrechnen. Dann zahlen die Konsumenten in der Grundversorgung dafür – polemisch gesagt, dann zahlt die alleinerziehende Mutter in einer Kleinwohnung an die Fotovoltaikanlage eines Villenbesitzers.

Und die BKW?Die BKW ist weder Teil einer Verwaltung und kann in einen Steuertopf greifen, noch haben wir zu wenig Strom. Wenn wir Strom von einem Solarstromproduzenten zu einem höheren Preis einkaufen und ihn in die Grundversorgung leiten, dann geht dies voll zu unseren Lasten. Denn wir können nur den Marktpreis geltend machen. Das zahlen dann unsere Aktionäre mit einer Gewinnreduktion. Zudem wird unsere Wasserkraft verdrängt.

Die BKW nutzt doch ihr Restmonopol aus, verlangt von den gefangenen Kunden für Solarstrom 9,4 Rappen pro Kilowattstunde, zahlt den Produzenten aber nur noch 4 Rappen.Für zertifizierten Solarstrom bezahlen wir den Produzenten 8,5 Rappen. Aber es geht um etwas Grundsätzliches: Ob jemand etwas liefern darf oder liefern muss, hat einen anderen ökonomischen Wert. Wir sind Zwangskunde der Solarstromproduzenten. Diese haben das Recht, uns Strom zu liefern, wenn er anfällt; auch wenn wir ihn nicht brauchen. Dagegen sind wir zu den Lieferungen an unsere Kunden verpflichtet: Wir müssen die benötigten Kapazitäten rund um die Uhr an jedem Tag im Jahr zur Verfügung stellen.

Ende 2019 schaltet die BKW das AKW Mühleberg ab und verliert so etwa ein Viertel ihrer Stromproduktion. Brauchen Sie dann nicht mehr Solarstrom?Nein. Das hat damit zu tun, dass Fotovoltaik tendenziell dann Strom liefert, wenn schon genügend Strom da ist – im Sommer und bei schönem Wetter. Unseren Bedarf für die Grundversorgung können wir auch künftig mit unseren Wasserkraftwerken decken. Wir produzieren selber viel Strom und verkaufen heute etwa 85 Prozent davon am Markt.

Sie zahlen für Solarstrom praktisch nur noch den Marktpreis. Dessen Umweltkomponente finden Sie also wertlos?Den Solarstrom, den wir an unsere Kunden verkaufen, ist ökostromzertifiziert. Und er ist aus der Region. Die entsprechenden Herkunftsnachweise vergüten wir mit 4,5 Rappen pro Kilowattstunde, zusätzlich zu den 4 Rappen für den Strom. 80 Prozent der Produzenten profitieren davon. Den restlichen Solarstrom ohne Zertifikate können wir nicht an unsere Kunden weitergeben. Den verkaufen wir am Markt, wir machen also keinen Gewinn darauf.

Im Moment nehmen Sie keine weiteren Herkunftsnachweise von Solaranlagen mehr ab. ­Warum nicht?Dafür haben wir zu wenige Kunden, die Solarstrom kaufen. Wenn alle, die Ökostrom einspeisen, auch Ökostrom beziehen würden, könnten wir wahrscheinlich alle Herkunftsnachweise abnehmen.

«Viele wollten mit Solaranlagen ein Geschäft machen und werfen uns nun vor, wirtschaftlich zu handeln.»Suzanne Thoma

Solarstromproduzenten sind also oft gar nicht so grün, dass sie selber einen Mix mit Solar- und Windstrom beziehen?Davon gibt es viele, ja. Einige beziehen gar unser Stromprodukt Energy Grey, das vorwiegend Kernenergie enthält. Viele wollten ein Geschäft machen und werfen uns nun vor, wirtschaftlich zu handeln.

Wie viel spart die BKW durch die Senkung der Solarstromvergütung auf 4 Rappen?Es geht um einen tiefen einstelligen Millionenbetrag. Man kann aber nicht von Sparen reden, denn es ist weiterhin ein Verlustgeschäft, wir vermindern bloss das Minus.

Sie investieren viel ins Image der BKW, nehmen beim Solarstrom aber für relativ wenig einen Rufschaden in Kauf. Ist es das wert?Wir haben zwar einige Briefe bekommen, aber weniger als gedacht. Und etwa ein Drittel der Rückmeldungen war positiv. So meinten einige, die Solarsubventionitis müsse aufhören. Bei der Imagekampagne geht es uns darum, die BKW als Energiedienstleisterin schweizweit bekannt zu machen und neue Märkte zu erschliessen, und das gelingt uns gut.

Die BKW wirbt seit Jahren für die Installation von Solaranlagen. Jetzt besteht keine Chance mehr, die Investition mit Stromverkäufen vollständig amortisieren zu können. Haben Sie die Kunden hinters Licht geführt?Wer ein sicheres und tolles Geschäft erwartete, hat den Strommarkt falsch eingeschätzt. Dass man im Strommarkt im Moment kein Geld verdient, ist leider Tatsache. Ich bin auch enttäuscht darüber. Die BKW musste 2013 eine halbe Milliarde Franken auf ihren Kraftwerken abschreiben. Die Stromproduktion ist ein Verlustgeschäft geworden!

Im Grossen Rat sind Vorstösse hängig, wonach der Kanton die BKW zwingen soll, mehr für ­Solarstrom zu zahlen. Kommen Sie auf Ihren Entscheid zurück?Nein. Uns geht es in einer schwierigen Marktsituation gut, weil wir betriebswirtschaftlich handeln. Wenn der Kanton die Fotovoltaik fördern will, kann er das tun. Zum Beispiel via Gebühr auf der Stromrechnung, wie der Bund mit der Einspeisevergütung KEV. Aber nicht zulasten des Unternehmens.

Wenn Sie die Energiewende nicht fördern wollen, sondern rein wirtschaftlich argumen­tieren, warum soll der Kanton Mehrheitsaktionär bleiben?Das muss der Kanton entscheiden. Die BKW ist auch für ihn ein gutes Investment. Schliesslich sind wir seit Jahren trotz äusserst schwierigem Umfeld profitabel.

Der Regierungsrat erwartet von der BKW aber einen Beitrag an die Energiewende, was er im Entwurf für ein BKW-Beteiligungsgesetz verdeutlicht.Diesen Beitrag leisten wir laufend. Zum Beispiel mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien in Form von Wasserkraft und Windenergie. Und auch bei der Energieeffizienz in der Gebäudetechnik. Der Kanton strebt energiepolitische Ziele an. Wir tragen unseren Teil dazu bei, sofern es im wirtschaftlichen Interesse der BKW ist. Die BKW ist nach Gesetz und Statuten gewinnorientiert, zudem mit fast 40 Prozent an der Börse kotiert. Sowohl Verwaltungsrat als auch Konzernleitung sind hier in der Verantwortung.

Der Marktpreis ist zuletztgestiegen auf 6 bis 8 Rappen. Wann zieht die BKW bei der ­Solarstromvergütung nach?Unserer Berechnung liegt der durchschnittliche Marktpreis über ein Jahr zugrunde. Wir sind mit 4 Rappen für 2017 nicht auf das von der Aufsichtsbehörde definierte Minimum gegangen. In den letzten Wochen gab es einige Preisspitzen, aber leider auch Phasen mit Strompreisen gegen oder gar unter null. Wie wir die Vergütung auf Anfang 2018 anpassen, steht noch nicht fest.

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