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UBS-Chefökonom: «Man muss jetzt ja nicht gleich in tiefsten Pessimismus verfallen»

Die verschärfte Krise belaste das weltweite Wachstum, sagt UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff.

Wie dramatisch sind die Ereignisse der letzten Tage? Wir erleben sicher einen historischen Moment in der jüngeren Finanzgeschichte. In den letzten sechs Monaten haben drei der fünf grössten US-Investmentbanken ihre Unabhängigkeit verloren. Und gleichzeitig sind die beiden grössten Immobilienfinanzierungsgesellschaften gewissermassen verstaatlicht worden.

Ist dies die schlimmste Bankenkrise seit den 1930er-Jahren? Diese Krise ist höchstens noch vergleichbar mit 1907, als das US-Bankensystem grösstenteils unreguliert war und es noch keine Finanzmarktaufsicht gab. Die Schieflage eines Instituts riss damals eine ganze Reihe von Banken in den Bankrott. Nur das beherzte Eingreifen von John Pierpont Morgan konnte verhindern, dass daraus eine weltweite Finanzkrise entstand. Die Folge davon war die Gründung der US-Notenbank und deren System der Regulierung.

Das ist der grosse Unterschied zu damals: Die Banken sind reguliert und beaufsichtigt. Genau. Im Vergleich zu 1907 sind wir deshalb bedeutend besser in der Lage, solche Krisen zu managen. Die Zentralbanken und Regulatoren weltweit machen einen viel besseren Job, als das die Geschäftsbanken damals tun konnten. Man muss jetzt ja nicht gleich in tiefsten Pessimismus verfallen.

Wird wegen der Verschärfung der Krise nun auch die Diskussion um eine verbesserte Bankenaufsicht härter geführt werden? Geschäftsbanken und Regulatoren werden diese Fragen in den nächsten Monaten sicherlich sehr vertieft weiterverfolgen. Die Grundproblematik ist aber schon vor Monaten erkannt worden. Und es war ja eigentlich schon im März klar, dass Lehman Brothers und Merrill Lynch gefährdet waren. Neu sind jetzt aber sicherlich die Grösse der Krise und die Feststellung, dass sie weitergeht und nicht so einfach in den Griff zu kriegen ist.

Wird deren Verschärfung tiefere Spuren in der Weltwirtschaft hinterlassen als bisher angenommen? Bisher kann der Konjunkturverlauf nur schwer mit der internationalen Bankenkrise in Verbindung gebracht werden. In den USA war das Wachstum im ersten Halbjahr ja höher als 2007. Und die Zinsen sind, real betrachtet, heute tiefer als noch vor einem Jahr, was die reale Wirtschaft eher gestützt hat. Nochmals: Wir sind in einer sehr ernsten weltwirtschaftlichen Situation. Was aber bei den amerikanischen Banken jetzt passiert ist, ist eher Symptom als Ursache.

Droht jetzt eine weltweite Rezession? Dass die Wachstumsraten weiter zurückkommen werden, war bereits absehbar. Klar ist nun aber, dass die USA jetzt in Richtung einer Rezession gehen. Auch in Europa gibt es hausgemachte Probleme, die aber zunächst einmal mit der Krise der Investmentbanken nichts zu tun haben. Vergessen wir nicht: Investmentbanken versorgen einen Teil des Marktes mit ihren Dienstleistungen, die auf andere Finanzdienstleister und sehr grosse Unternehmen fokussiert sind. Deren Fähigkeit, sich bei den Tausenden von anderen Banken zu finanzieren, hat sich nicht verschlechtert. Im Gegenteil, sie profitieren von den heute tieferen Zinsen und können sich deshalb günstiger finanzieren als noch vor einem Jahr.

Wie stark ist die Schweiz betroffen? Die Hauptfrage ist: Was macht der Schweizer Franken? Die Zunahme der Besorgnis an den Weltmärkten spricht dafür, dass der Schweizer Franken aus dem Gleichgewicht zum Beispiel gegenüber dem Euro gerät. Und eine schnellere Aufwertung, als wir sie bis jetzt erwartet haben, kann selbstverständlich die Exporte zusätzlich belasten.

Und der Schweizer Finanzplatz? Der wohl wichtigste Treiber der Wertschöpfung sind die verwalteten Vermögen. In dem Masse, wie die Aktienkurse zurückgehen, werden die Vermögen kleiner. Diese Entwicklung wird zum Teil aber durch das Erstarken des US-Dollars kompensiert, der in den letzten Wochen gegenüber dem Franken über 10 Prozent an Wert gewonnen hat. Doch es ist ganz klar: Die Auswirkungen auf den Finanzplatz sind nicht positiv. Sie sollten sich jedoch, wie es aus jetziger Sicht absehbar scheint, in Grenzen halten.

Welche Folgen hat diese Krise für die beiden Schweizer Grossbanken? Weil für sie die Vermögensverwaltung das ertragsstärkste Geschäft ist, gilt vieles von dem, was auf den Finanzplatz zutrifft, auch für sie. Gleichzeitig sind die beiden Grossbanken weltweit vernetzte Institute, die sich jetzt in diese Solidaritätsgemeinschaft einbinden lassen und damit ein Stück Verantwortung übernehmen. Es ist eigentlich eine Ehre für ein Land mit 7 Millionen Einwohnern, dass es zwei so starke Finanzinstitute hat, die einen aktiven Beitrag leisten und das Weltfinanzsystem unterstützen. Das ist auch ein Leistungsausweis für die Schweiz.

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