«Top of Europe» zieht die Asiaten magisch an

Die Jungfraubahn brachte den Massentourismus ins Berner Oberland. Heute kommen neben Schweizern vor allem Asiaten aufs Jungfraujoch.

Urs Kessler auf dem Jungfraujoch. Der Chef der Bahn reist 35-mal im Jahr hinauf. «Ich finde immer wieder etwas, das mich fasziniert», sagt er.

Urs Kessler auf dem Jungfraujoch. Der Chef der Bahn reist 35-mal im Jahr hinauf. «Ich finde immer wieder etwas, das mich fasziniert», sagt er.

(Bild: Markus Grunder)

Die Sonne scheint auf der Kleinen Scheidegg. Trotzdem ist es eiskalt. Der Chef der Jungfraubahnen Urs Kessler geht von Mitarbeiter zu Mitarbeiter. Er begrüsst sie mit einem festen Händedruck und der Frage, wie es denn gehe. Kennt er wirklich alle Vornamen der 720 Angestellten der Jungfraubahnen persönlich? Er schmunzelt: «Bis auf die Neuen, ja. Die Wertschätzung des Einzelnen ist mir wichtig.» Dann steigt er in ein Zugabteil der Jungfraubahn ein. Rund 35-mal im Jahr fährt der Berner Oberländer hinauf auf das Joch. Meistens beruflich. «Routine ist die Fahrt für mich nicht geworden. Die Bahn ist mein Leben, und ich entdecke immer wieder etwas Neues.»

«Schnee ist Schnee»

In der Bahn sitzt Kessler inmitten von asiatischen Touristen. Die meisten tippen etwas in elektronische Geräte. Manchen wird die lange Tunnelfahrt unheimlich. Das sieht man an ihren Mienen. Zwei Drittel der Gäste kommen aus Asien. Das war nicht immer so: Als Urs Kessler vor 25 Jahren die Verkaufsförderung bei den Jungfraubahnen übernahm, fehlten Asiaten – bis auf die Japaner. Kessler wollte wissen, warum. Er reiste nach Taiwan und Südkorea, sprach dort mit Reiseverantwortlichen. Die Destination Jungfraujoch sei zu teuer, hiess es, und die Reiseleiter dort ergänzten: «Ein Berg ist ein Berg, und Schnee ist Schnee. Und der Schnee ist überall gleich.» Darum suchten sie sich einen billigeren Berg aus.

Um Asiaten für die Jungfrauregion zu gewinnen, musste Kessler verstehen, wie sie ticken. Er merkte: Wenn ein asiatischer Reiseveranstalter strahlt und nickt, bedeutet das noch lange nicht, dass das Jungfraujoch ins Reiseprogramm kommt. Kessler begann dann die Region gezielt zu positionieren. «Das Jungfraujoch ist kein Monopolprodukt. Hauptkonkurrenten sind unter anderen der Titlis und der Gornergrat bei Zermatt.» Aus der höchstgelegenen Bahnstation Europas wurde «Jungfraujoch – Top of Europe». «In Asien sind Marken wichtig. Das Jungfraujoch ist heute eine Marke, die in Asien bekannt ist», so Kessler. Seine Bemühungen haben sich ausbezahlt: Heute sind asiatische Touristen ein wichtiger Umsatzträger der Jungfraubahn.

Grosse Ausbaupläne

Innerhalb von zehn Jahren hat die Bahn den Gewinn mehr als verdoppelt: 2011 lag er bei 25,4 Millionen Franken. Auf 100 Franken Umsatz macht die Bahn 17Franken Gewinn. Er wird immer wieder investiert. Kessler hat Grosses vor: Geplant ist ein neuer Terminal mit einer Verbindungsbahn auf den Männlichen und zum Eigergletscher. Von Grindelwald-Grund soll eine Gondelbahn direkt zur Station Eigergletscher auf 2320 Meter über Meer führen – «Eiger-Express» nennt Kessler das Projekt. Mit der neuen Gondelbahn könnten in der Stunde 2400 Personen transportiert werden. Mehr als doppelt so viele wie heute. «Langfristig soll jährlich höchstens eine Million Besucher aufs Jungfraujoch reisen können», so Kessler. 2012 waren es erstmals über 800000 Personen. 90 Prozent davon sind Erstbesucher.

Nudelsuppe für die Koreaner

50 Minuten dauert heute die Fahrt von der Kleinen Scheidegg hinauf an den Ursprung des Grossen Aletschgletschers. Auf der 9,3 Kilometer langen Strecke überwindet die Zahnradbahn 1400 Höhenmeter. Zwei Zwischenstopps legt der Zug im Tunnel ein: Station Eigerwand. Fünf Minuten können die Gäste aussteigen und aus einem der drei Panoramafenster blicken. Beim nächsten Tunnelstopp auf 3160 Meter Höhe an der Station Eismeer hat man freien Blick auf die bizarre Eis- und Gletscherwelt auf der Rückseite von Eiger, Mönch und Jungfrau.

Oben angekommen versammeln sich in der Eingangshalle asiatische Touristen. Sie essen Nudelsuppe im Becher, die direkt aus Korea importiert wurde: «Die Betreuung braucht Fingerspitzengefühl. Sie konsumieren, was sie kennen. Wir nehmen auf kulturelle Eigenheiten Rücksicht», so Kessler. Gedränge herrscht vor dem neu gestylten Juwelierladen Kirchhofer. Er ist auf die asiatische Kundschaft ausgerichtet. Kessler begrüsst die Verkäufer aus China in deren Sprache.

Seit vergangenem Jahr können Besucher den neuen Erlebnisstollen auf dem Jungfraujoch besichtigen. Hier werden Bilder von der Jungfrau auf Grossleinwand gezeigt. «Wenn die Sicht schlecht ist, kann der Gast hier trotzdem etwas erleben», sagt Kessler. Danach stellt er sich vor eine Kugel mit über einem Meter Durchmesser. Darin ist eine Schneelandschaft nachgebaut, die sich bewegt. «Ich habe eine Riesenfreude an dieser Kugel. Manchmal werde ich kritisiert, ich hätte hier ein Disneyland geschaffen», so Kessler. Und man hört ihm die Enttäuschung an. Fast rechtfertigend zeigt er auf drei Japaner im Teenageralter, die neben körpergrossen Holzfiguren posieren, sich ablichten lassen. «Die Gäste lieben ein bisschen Kitsch. Man muss ihnen etwas bieten.»

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