Tamedia schafft Mantelredaktionen

Die Presselandschaft wird weiter zentralisiert: Tamedia bildet in der Deutsch- und der Westschweiz je eine Redaktion, die ab 2018 den überregionalen Mantel für alle Zeitungstitel liefern soll.

Zwei Redaktionen als Kompetenzzentren: Der Haupteingang des Tamedia-Gebäudes in Zürich.

Zwei Redaktionen als Kompetenzzentren: Der Haupteingang des Tamedia-Gebäudes in Zürich. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Die Mediengruppe Tamedia kündigte am Mittwoch an, ihre Zeitungsredaktionen ab 2018 neu auf­zustellen. Der Verlag umfasst in der Deutschschweiz zahlreiche Titel: «Tages-Anzeiger», «Berner Zeitung», «Bund», «Thuner Tagblatt», «Berner Oberländer», «Landbote», «Zürichsee-Zeitung», «Zürcher Unterländer» sowie die «SonntagsZeitung».

Für diese Blätter will Tamedia eine Mantelredaktion für über­regionale Themen schaffen, die «Redaktion Tamedia» heissen wird. Dasselbe Vorgehen ist in der Westschweiz geplant, wo Tamedia unter anderem «Le Matin» und «24 Heures» herausgibt. Die Mantelredaktionen werden aus Kompetenzzentren in Zürich, Bern und Lausanne bestehen.

Diese zentralen Redaktionen beliefern die zwölf Tages- und zwei Sonntagszeitungen künftig mit Berichten aus Inland, Ausland, Wirtschaft und Sport. Nicht betroffen ist die lokale und re­gionale Berichterstattung. Zu dieser gehören weiterhin auch wesentliche Teile der Kultur-, Wirtschafts- und Sportberichterstattung.

Grund für die Neuorganisation des überregionalen Teils ist laut Tamedia der starke Rückgang der Werbeumsätze. Gemäss der Mitteilung sind aber mit der Ein­führung der neuen Organisation Anfang 2018 keine Kündigungen verbunden.

Die einzelnen Titel sollen unabhängig bleiben

Die deutschsprachige Redaktion Tamedia wird Arthur Rutishauser als Chefredaktor führen. Er bleibt daneben Chefredaktor der «SonntagsZeitung». Judith Wittwer übernimmt seine Aufgaben beim «Tages-Anzeiger» und wird dort Chefredaktorin. Die Redaktion Tamedia der Romandie wird Ariane Dayer führen. Sie bleibt weiterhin Chefredaktorin von «Le Matin Dimanche».

In ihrer Mitteilung schreibt ­Tamedia, dass die einzelnen Zeitungstitel ihre Redaktionen und Chefredaktoren behalten werden – ebenso ihre «unabhängige politische Ausrichtung».

Von der Umstrukturierung stark betroffen sind die Bereiche Layout, Textproduktion, Bildredaktion, Fotografie und Korrektorat. In der Deutschschweiz werden sie in einem neuen Bereich zusammengelegt. Die Leitung übernimmt Simon Bärtschi, bisher Mitglied der Chefredaktion von «Tages-Anzeiger» und «SonntagsZeitung».

Die Konzentration des Verlagshauses Tamedia auf eine Redaktion pro Sprachraum hat in der Westschweiz Folgen für einen Teil der Redaktoren der «Tribune de Genève», der neu in Lausanne arbeiten wird.

Sorge um die Medienvielfalt

Die Gewerkschaften Impressum und Syndicom zeigten sich in einer Stellungnahme besorgt um die Medienvielfalt in der Schweiz. Für Impressum ist fraglich, wie die Vielfalt bei einer faktischen Einheitsredaktion tatsächlich umgesetzt werden solle, schreibt der Berufsverband.

Dafür, eine vielfältige Medienlandschaft aufrechtzuerhalten, genüge es nicht, den gleichen Inhalt über verschiedene Titel zu verteilen, findet auch Syndicom. Die Unabhängigkeit der einzelnen Titel müsse auf allen Kanälen garantiert werden. Auch Publizistikwissenschaftler Otfried Jarren äusserte sich am Mittwoch auf Anfrage skeptisch.

Je weniger eigenständige Redaktionen es gebe, umso mehr schränke sich das Spektrum der Reflexion des demokratischen Prozesses ein. Nun müsse es darum gehen, auch in den neuen Strukturen Vielfalt zu sichern und die innere Pressefreiheit zu wahren. Dies erfordere gutes Management: «Wir brauchen unabhängige Journalisten, die autonom arbeiten können.»

Mittelfristig wird ein Stellenabbau befürchtet

Der Ankündigung von Tamedia, dass es Anfang 2018 keine Kündigungen geben werde, begegnen die Gewerkschaften mit Skepsis. Sie warnen vor einem schleichenden Stellenabbau: Dies bedeute einen weiteren «Aderlass» für die «zusammengesparten» Redaktionen und noch mehr Druck für die einzelnen Mitarbeiter.

Die Pläne von Tamedia haben in Bern bereits Kantonsparlamentarier auf den Plan gerufen. Im Grossen Rat haben Thomas Brönnimann (GLP) und Samuel Krähenbühl (SVP) eine Inter­pellation eingereicht, die sich gegen den befürchteten «Einheitsbrei aus Zürich» richtet.

Natalie Imboden (Grüne) wiederum fordert den Regierungsrat auf, bei der Tamedia-Spitze zu intervenieren: Sie soll darauf drängen, dass es im Kanton Bern weiterhin mindestens zwei voneinander publizistisch unab­hängige Tageszeitungen geben müsse. (phm/sda)

Erstellt: 24.08.2017, 10:33 Uhr

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