Syngenta verteidigt sich mit fragwürdiger Studie

Ein Pestizid von Syngenta soll die Bienenvölker dezimieren. Syngenta wehrt sich gegen den Befund mit eigenen Forschungsresultaten. Diese sind laut Experten aber äusserst fragwürdig.

Schädliche Pestizide für Bienen? Syngenta verneint.

Schädliche Pestizide für Bienen? Syngenta verneint.

(Bild: René Wüthrich/Keystone/Fotolia)

Benjamin Bitoun

Die Bienenbestände schrumpfen – und das in rasantem Tempo. Schuld an dem Massensterben könnte unter anderem ein Pestizid des Schweizer Agrochemiekonzerns Syngenta tragen. Eine vor kurzem veröffentlichte Studie unter Leitung der Universität Bern zeigt, dass das Syngenta-Pestizid Thiamethoxam Bienenköniginnen unfruchtbar macht. Der Verzehr der mit dem Gift kontaminierten Pollen führt gemäss der Studie dazu, dass die Königinnen weniger Eier legen, wodurch die Bienenvölker letztlich eingehen.

Syngenta unter Druck

Diese Befunde kommen für Syngenta zu einem denkbar ungünstigen Moment. Ende Jahr läuft das Moratorium aus, welches in der EU und der Schweiz den Einsatz von Thiamethoxam verbietet. Brüssel machte jedoch klar, dass für einen Wiederzulassungsentscheid die Pestizidhersteller den einwandfreien Beweis erbringen müssen, dass ihre Mittel für Bienen harmlos sind. Auch in der Schweiz wird der EU-Entscheid mit grossem Interesse erwartet – er dürfte auch hierzulande übernommen werden.

Wenn der Giftstoff definitiv verboten wird, versiegt für Syngenta eine wichtige Einnahmequelle: Noch macht der Konzern über eine Milliarde des 15-Milliarden-Dollar-Umsatzes mit dem Verkauf von Saatgutbeizmitteln wie Thiamethoxam. Doch ein Blick in den Geschäftsbericht zeigt: Diese Einnahmen sind seit dem Moratorium rückläufig.

Syngenta geht deshalb in die Offensive: «Die in der Studie genannten Auswirkungen können nicht auf die Praxis übertragen werden», schreibt der Konzern auf Anfrage. Syngenta bemängelt unter anderem, dass die Bienen im Versuch über vier Wochen ausschliesslich kontaminierte Pollen zu sich genommen hätten. In der Natur bestünde für die Bienen die Wahl, sich auch von unbehandelten Pflanzen zu ernähren.

Aline Troxler, Mitautorin der Studie widerspricht: «Der kontaminierte Pollen wurde den Bienen zwar in den Kolonien zur Verfügung gestellt, dennoch sind die aufgestellten Pollenfallen nicht zu hundert Prozent dicht.» Dadurch hätten die Bienen auch einen Anteil an selbst geernteten Pollen zur Königin gebracht. «Zudem haben Studien gezeigt, dass auch Wildblumen kontaminiert sein können.»

Unterstützung erhält Troxler vom renommierten Bienenforscher Boris Baer. «In meinen Augen gelten die Einwände von Syngenta nicht. Genau wie bei der Studie ist die Bienenkönigin in der Natur dem Giftstoff monatelang ausgesetzt», sagt der Schweizer Professor, der im australischen Perth lehrt.

Die Ergebnisse seien wenig überraschend. «Unabhängige Studien der letzten zwei Jahre zeigen klar, dass die Stoffe wie Thiamethoxam bienenschädigend sind. Das ist in der Forschergemeinschaft mittlerweile unbestritten.»

Syngenta-Studie mangelhaft

Das sieht Syngenta anders. Der Konzern will mit dem Bienensterben nichts zu tun haben und verweist auf eine firmeneigene Studie, die beweise, dass Thiamethoxam für Honigbienen absolut harmlos sei.

Die Studienergebnisse wurden in der renommierten Wissenschaftszeitschrift Plos One veröffentlicht – ein Entscheid, der unter Experten weltweit Kopfschütteln ausgelöst hat. «Wissenschaftlich ist die Syngenta-Studie unhaltbar», sagt Boris Baer. «Sie besticht durch die völlige Abwesenheit von Statistik und einer langen Liste von methodischen Fehlern. Zudem gingen während der Versuche siebzig Prozent der Bienenkolonien ein.»

Werner Stahel, der sich als Statistiker der ETH Zürich ebenfalls mit der Syngenta-Studie auseinandergesetzt hat, pflichtet Baer bei: «Die Studie ist in der Tat mangelhaft. Die statistische Auswertung für die Hauptaussage fehlt, sodass die Schlussfolgerungen der Autoren nicht nachvollziehbar sind.» Sein Fazit: Die Syngenta-Autoren hätten sich den Versuch sparen können. Dieser sei nämlich statistisch gar nicht auswertbar, da es zu wenige unabhängige Wiederholungen gegeben habe.

Gutachterin angestellt

Auch die Art und Weise, wie es die Studie in eine renommierte Fachzeitschrift schaffte, ist fragwürdig. Während der Prüfung der Studie hätte Syngenta mit einer Begutachterin Kontakt gehabt, sagt Bienenexperte Baer. Ein klarer Verstoss gegen wissenschaftliche Gepflogenheiten. Ebenfalls aussergewöhnlich: «Eine der Begutachtungspersonen ist kurz nach der ‹Plos One›-Publikation von Syngenta engagiert worden», so Baer.

«Ein Zufall», schreibt Syngenta in einer Stellungnahme gegenüber der Berner Zeitung. Erst nach der Anstellung habe Syngenta erfahren, dass die neue Mitarbeiterin unter den Begutachtern der Studie gewesen sei. Die Kontakte zwischen Autoren und der Fachzeitschrift hätten zudem den normalen Rahmen nicht überschritten.

Was die fachliche Kritik an der Studie betrifft, so habe diese sämtliche Richtlinien der Pflanzenschutzorganisation für Europa und den Mittelmeerraum Eppo erfüllt, betont Syngenta.

Berner Zeitung

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