Swisscom-Chef: «Roaming ist noch zu teuer»

Heute stimmt der Ständerat voraussichtlich über verbindliche Höchsttarife für die Handynutzung im Ausland ab. Swisscom-Chef Carsten Schloter sagt, warum regulierte Roaminggebühren unklug wären.

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Jon Mettler@jonmettler

Wie viele Reklamationen wegen zu hoher Roaminggebühren landen pro Monat auf Ihrem Pult? Carsten Schloter: Ich erhalte im Schnitt insgesamt fünf Beanstandungen von Kunden – pro Tag. Während der letzten zwölf Monate war aber keine wegen zu hoher Roaminggebühren darunter. Seitdem wir Kostenlimiten eingeführt haben und die Kunden per SMS informieren, wenn eine bestimmte Höhe erreicht ist, hat sich dieses Thema entspannt. Was ebenfalls eine Rolle spielt: Bei unseren neuen Natel-Infinity-Abonnementen profitiert bereits mehr als eine halbe Million Kunden von Inklusiveinheiten beim Roaming. Und 35 Prozent des weltweiten Datenverkehrs werden nicht mehr separat verrechnet.

Trotzdem hält sich bei den Nutzern der Eindruck, die Roaminggebühren seien viel zu hoch. Sie sind noch zu hoch, und viele Kunden schalten den Roamingverkehr aus. Das kann ja auch nicht in unserem Sinne sein.

Was treibt die Kosten in die Höhe? In erster Linie ist es der Betreiber, dessen Netz im Ausland unser Kunde nutzt. Nun ist es so, dass die Preise innerhalb der Europäischen Union reguliert sind, aber nicht ausserhalb der EU. Es reicht also nicht, den Preis für die Kunden zu regulieren. Es bräuchte auch ein Abkommen mit der EU, damit wir unseren Einkaufspreis regulieren können. Das Grundproblem ist aber ein ganz anderes. Nur wagt es niemand anzusprechen.

Nämlich? Unsere Konkurrenten haben viel höhere Roaminggebühren und würden unter einer konsequenten Regulierung folglich stärker leiden. Nehmen wir die Margen beim Endkundenpreis einer Roamingminute in Deutschland: Angenommen wir erzielen bei einer Roaminggebühr von 75 Rappen pro Minute 15 Rappen Gewinn, dann verdient einer unserer Mitbewerber bei seiner aktuell viel höheren Gebühr von 1.70 Franken pro Minute schätzungsweise 90 Rappen, also das Sechsfache. Stellen wir uns nun vor, es wird gehörig reguliert, und zwar auf den Swisscom-Endkundenpreis von 75 Rappen pro Minute. Dann verlieren Orange und Sunrise auf einen Schlag sehr viel Umsatz und Gewinn, und zwar im dreistelligen Millionenbereich, was sie sehr stark unter Druck setzen wird. Es ist fraglich, ob dies wettbewerbspolitisch sinnvoll ist.

Was ist die Lösung? Die Roaminggebühren sind ein echtes Problem, das sich aber über andere Wege von selber lösen wird. Erstens: Die Roamingtarife werden auch in diesem Jahr wieder sinken. Zweitens: Sprachdienste übers Internet verbreiten sich noch mehr, womit im Ausland eine Internetverbindung dafür ausreicht, kostenlos zu telefonieren. Und drittens wird es im Laufe der nächsten zwei Jahre Lösungen geben, die es den Kunden erlauben, den Anbieter im Ausland und somit den Preis direkt zu wählen. Damit entsteht endlich der Wettbewerb, den es bisher nicht gab – nämlich vor Ort.

Die Leute sind heute mit ihren Smartphones permanent im Internet und nutzen entsprechende Anwendungen. Was bedeutet dies für die Swisscom? Dass der Zugang zum Netz immer wichtiger wird. Als vor fünf Jahren das Internet für kurze Zeit unterbrochen war, war das noch kein Problem. Wenn heute in hundert Haushalten das Internet tot ist, ist das bereits ein Drama. Unsere ganze Strategie baut deshalb darauf auf, dass wir uns über den Netzzugang differenzieren. Auch in zehn Jahren wird es drei Elemente dafür brauchen, ein Kundenerlebnis im Internet bieten zu können: das Endgerät, die Anwendung und den Zugang zum Internet. Und nun frage ich Sie: Was von diesen drei Elementen ist am wenigsten austauschbar?

Vermutlich der Internetzugang. Richtig. Bei den Smartphones kommen sehr rasch neue Modelle auf den Markt. Würde morgen Google den Betrieb einstellen, würde die Weltwirtschaft trotzdem weiterhin funktionieren. Es würde einfach eine andere Suchmaschine an die Stelle von Google treten. Hingegen ist der Netzzugang nicht austauschbar, denn wir sind in allen Lebenslagen davon abhängig. Deshalb ist der Infrastrukturwettbewerb so wichtig, und dies bedeutet auch, dass die Swisscom in immer leistungsfähigere und noch sicherere Netze investieren muss.

Aber ist der Kunde auch wirklich bereit, dafür mehr zu zahlen? Darauf wollen Sie ja hinaus. Heute erhalten Sie bei der Swisscom ein Mobilfunkangebot mit unbegrenztem Telefonieren, SMS und schnellem Internet für nur drei Franken pro Tag. Die Frage ist: Würden Sie darauf verzichten, wenn es 3.50 Franken pro Tag wären? Würden Sie darauf verzichten, wenn es 10 Franken wären? Ich glaube nicht. Das bedeutet aber nicht, dass wir nun die Preise erhöhen. Der Telecommarkt folgt einer anderen Logik. Wenn man die Netze gebaut hat, versucht jeder Anbieter auf Teufel komm raus Kunden zu holen. Denn jeder Kunde bringt zusätzlichen Gewinn – vollumfänglich. Die Kosten reduzieren sich nicht dadurch, dass man weniger Kunden hat. Sie erhöhen sich aber auch nicht dadurch, dass man mehr Kunden hat. Deshalb gibt es einen natürlichen Antrieb, jeden Kunden im Netz zu halten. Wir sind aber überzeugt, dass Kunden für zusätzliche Funktionen etwa im Bereich Sicherheit und Verfügbarkeit bereit sind, mehr zu bezahlen.

Der Internetzugang ist gerade im öffentlichen Verkehr schlecht. Ein Ärgernis ist der schwache Empfang in den Zügen. Ich möchte dazu ein paar spannende Zahlen liefern: Auf der Strecke Bern–Zürich findet im Intercity alle 40 Sekunden ein Wechsel der Mobilfunkzelle statt, die Verbindungen werden also von einer Antenne zur nächsten übergeben. Das hat mit der Geschwindigkeit des Zuges zu tun und mit den Grenzwerten der Antenne, die zehnmal strenger sind als im Ausland. Pro Zug reisen etwa 400 Passagiere, die alle gleichzeitig im Internet surfen. Um deren Bedürfnisse vollumfänglich zu erfüllen, bräuchte es eine Bandbreite von mindestens 1 Gigabit pro Sekunde. Die maximale Bandbreite, die wir dank der vierten Mobilfunkgeneration LTE anbieten können, beträgt aber bloss 100 Megabit pro Sekunde. Also zehnmal weniger. Würden wir nun entlang aller Bahnlinien das Netz auf LTE aufrüsten, würde das etwa drei Jahre dauern. Das Resultat wäre eine um den Faktor 2,5 höhere Geschwindigkeit als heute. Gleichzeitig wird aber der Datenverkehr im gleichen Zeitraum etwa um den Faktor 30 zunehmen. Das ist die Herausforderung.

Was unternimmt die Swisscom auf diesem Gebiet? Mit den aktuellen Technologien lässt sich das Problem nicht lösen. Es braucht einen komplett neuen Ansatz. Wir haben unserer Forschungsabteilung den Auftrag erteilt, nach disruptiven, also völlig neuen Lösungen zu suchen.

Hat es Sie geärgert, dass die SBB die Swisscom aus den Bahnhöfen schmeissen und dort selber kostenlose Internetzugänge anbieten wollen? Ich habe das nicht so empfunden. Sie SBB stehen vor einer Herausforderung. Sie sind mit einer immer höheren Verkehrsdichte und einer immer komplexeren Passagierführung in den Bahnhöfen konfrontiert. Deshalb wollen die SBB selber für die Internetversorgung sorgen, um die Bedürfnisse ihrer Kunden zu erfüllen. Doch auch unsere Mobilfunktechnologien in den Bahnhöfen reichen nicht mehr aus. Wir müssen ebenfalls ausbauen, um das steigende Datenvolumen bewältigen zu können.

Wie viele Kunden nutzen das Angebot Natel Infinity, das neu die Geschwindigkeit berechnet und eben nicht mehr das Datenvolumen? Das sind inzwischen 1,1 Millionen. Ende 2012 waren es noch 880'000.

Sie waren kurz nach der Lancierung von Infinity unzufrieden mit dem Tarifmix, weil mehr Kunden als erwartet das Einstiegsangebot genügt. Hat sich das inzwischen eingependelt? Ein Kunde, der heute auf Infinity wechselt, zahlt in der Regel etwas mehr als vorher, weil er unbeschränkt telefonieren und im Internet surfen möchte. Er hat also sofort ein positives Kundenerlebnis. Innerhalb des aktuellen Kundenbestands wird es noch ganz viel Bewegung geben. Manche Kunden werden sich für weniger Bandbreite entscheiden, manche für mehr. Von der Tendenz her ist es aber so, dass die Kunden im Laufe der Zeit mehr Bandbreite benötigen.

Auch im Digital-TV-Bereich gibt es viel Dynamik. Es findet bei den Angeboten ein regelrechter Schlagabtausch zwischen der Swisscom und den Kabelnetzbetreibern statt. Überfordern Sie nicht die Kunden damit? Die Details mögen die Kunden überfordern. Auf die genaue Anzahl der angebotenen Kanäle im hochauflösenden Format wird es auch immer weniger ankommen. Denn in zwei oder drei Jahren wird es ein Grundangebot mit allen HD-Stationen geben. Viel wichtiger ist die Möglichkeit, dass der Kunde sein Programm selber zusammenstellen und mit dem Angebot interagieren kann.

Ein Beispiel ist die Replay-Funktion, das zeitversetzte Fernsehen. Bei Swisscom TV erfolgt bei den Neukunden bereits ein Drittel des Fernsehkonsums über Replay. Bei Kunden, welche die Funktionalität seit einiger Zeit nutzen, ist der Anteil zeitversetztes Fernsehen sogar über 50 Prozent. Das zeigt, dass dies ein Grundbedürfnis sehr vieler Kunden ist. Hier wird sich der Wettbewerb mit den Kabelnetzbetreibern abspielen.

Sie haben die Kabelkonkurrenz verärgert, weil Sie gesagt haben: Die Kabelnetzbetreiber haben beim Digital-TV zwar die höhere Bandbreite, hinken aber bei interaktiven Diensten hinterher. Ich habe nie behauptet, die Kabelnetzbetreiber könnten Replay-TV nicht anbieten. Sie tun das schon, aber im Gegensatz zur Swisscom bieten sie Replay-TV noch nicht im gleichen Umfang und als Standardangebot für alle Kunden an. Der Grund dafür liegt in der unterschiedlichen Architektur der Netze, die Ausbauarbeiten erforderlich macht. Unser Netz ist bei interaktiven Diensten wie Replay-TV im Vorteil gegenüber den Kabelnetzen.

Ist das Copyright-Thema bei Replay-TV vom Tisch? Mittelfristig ja. Es wird von den Inhaltsanbietern aber bestimmt wieder thematisiert werden. Wir nehmen die Aspekte des Urheberrechts ernst und gehen verantwortungsvoll damit um. Das haben wir schon mit dem Start von Replay-TV im letzten Jahr klargemacht, indem wir die Aufbewahrungsdauer von uns aus kurz gehalten haben. Und natürlich haben wir bei Replay-TV nie die TV-Werbung ausgeblendet oder etwa eigene Werbefenster vorangestellt, auch wenn wir die Technologie dazu hätten.

Macht sich die Lancierung von Horizon durch UPC Cablecom bei Swisscom TV bemerkbar? Nein, wir sehen einen wichtigen Trend in eine andere Richtung. Die Dienste der Zukunft werden keine solchen Set-Top-Boxen mehr benötigen. Die Inhalte werden immer mehr zentral im Netz gespeichert, in der sogenannten Cloud. Damit wird die Speicherkapazität praktisch unbegrenzt, und der Kunde hat von überall her Zugriff auf seine Inhalte.

Die Swisscom stösst immer mehr in Bereiche vor, die nichts mit Telekommunikation zu tun haben. Warum? Es gibt Bereiche, die sind nahe an unserem Kerngeschäft. Datenspeicherung in der Cloud für Firmen und Private sowie Energie zum Beispiel. Natürlich geht es nicht darum, dass wir übermorgen ein Kraftwerk betreiben wollen. Vielmehr überlegen wir uns, in welchen Gebieten wir mit unseren Technologien Mehrwert bieten können. Im Bereich Energie steuern wir über unser Netz den Stromverbrauch, indem wir die Nachfrage besser verteilen, und leisten damit einen Beitrag zur Energiewende. Warum ist es ganz normal, dass dies ein branchenfremdes Unternehmen macht? Weil die Stromerzeuger naturgemäss in erster Linie Strom verkaufen möchten.

Befürchten Sie nicht, dass die Politik die Swisscom als staatsnahen Betrieb hier zurückbinden wird? Entscheidend für die Schweiz ist ja, dass in diesen Bereichen Innovation stattfindet. Wir behindern sie nicht, im Gegenteil, wir treiben die Innovation durch neue Ansätze voran.

Ende 2012, Anfang 2013 haben Swisscom, Sunrise und Orange den Abbau von Stellen angekündigt. Steckt die Schweizer Telecombranche in einer Krise? Zuerst einmal: Alle drei Unternehmen machen Gewinne, und bei allen Unternehmen findet ein permanenter Strukturwandel statt. Gleichzeitig sind aber wahrscheinlich einige Anbieter zu klein, um das zu stemmen, was in Zukunft auf uns zukommt – etwa wegzustecken, dass die Roamingumsätze weiter sinken werden und gleichzeitig sehr hohe Investitionen in die Netze nötig sind. Am Ende des Tages wird es in Europa für zwei bis drei integrierte Telecomunternehmen pro Land reichen. Allein die Tatsache, dass unsere Konkurrenz einen Teil ihres Kundenservices vom Ausland aus betreiben muss, zeigt, dass sie schon heute jeden Franken zweimal umdrehen muss. Früher oder später wird sich die Frage der Fusion der beiden Unternehmen wieder stellen. Dann wird man sich fragen müssen, ob es nicht besser für die Schweiz ist, eine Stärkung der Konkurrenten zuzulassen.

Wie sieht die Stellenentwicklung bei der Swisscom für das laufende Jahr aus? Der Stellenbestand wird im Vergleich zum Jahr 2012 eher steigen. Neue Stellen schaffen wir in den Bereichen Technologie, neue Produkte, Kundenservice und Swisscom TV. Selbst wenn der Stellenbestand wächst, gibt es aber Bereiche, wo Jobs abgebaut werden. Aber nicht um die Marge zu verbessern, sondern um Mittel für die Wachstumsbereiche freizusetzen.

Blicken wir noch ins Ausland: Die geplante Übernahme von Telecom FL durch die Swisscom verzögert sich. Wie lange haben Sie noch Geduld mit den Liechtensteinern? Es ist klar, dass es einen politischen Prozess braucht, damit das Land einen solchen Entscheid treffen kann. Dieser Prozess darf aber nicht beliebig lange dauern. Denn dahinter stecken eine Firma, ihre Mitarbeiter und ihre Kunden. Wichtig ist, dass Liechtenstein entscheidet, und zwar vor dem Sommer. Sonst entsteht eine Pattsituation, von der weder das Fürstentum noch Telecom FL, noch wir profitieren.

Wie ist die Situation bei der Breitbandtochter Fastweb in Italien? Bei der Kundenakquisition ist Fastweb weiterhin sehr erfolgreich. Ein Unsicherheitsfaktor bleibt die politische Situation in Italien. Das Land braucht Reformen und eine klare politische Linie, damit sich die Konditionen auf den Kapitalmärkten verbessern. Das ist notwendig, um bald aus der wirtschaftlichen Talsohle zu kommen. Das kann einen Einfluss auf die mittelfristigen Wachstumsperspektiven von Fastweb haben. Keine Schwierigkeiten sehe ich bei der italienischen Regulierungsbehörde. Deren Spitze hat die Politik im Jahr 2012 neu besetzt. Die Behörde ist relativ unabhängig.

Berner Zeitung

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