Suzanne Thoma und die Strategiefrage

Die Chefin der BKW räumt im Kader auf und setzt die Strategieabteilung auf die Strasse. Die Episode zeigt: Bei den Schweizer Energiekonzernen liegen die Nerven blank. Eine Übersicht über Gründe und Folgen.

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Simon Schmid@schmid_simon

Für Suzanne Thoma kann es nicht genug schnell gehen. Die Chefin der BKW hat sechs Kaderleute aus der Strategieabteilung entlassen. Weil deren Schaffen hinter dem zurückblieb, «was aufgrund der konsequenten und zügigen Neuausrichtung» des Konzerns notwendig sei. Die öffentliche Schelte macht deutlich, wie angespannt die Lage nicht nur beim Berner Konzern, sondern in der gesamten Strombranche ist.

So macht sich der Axpo-Präsident Robert Lombardini Sorgen über einen Milliardenverlust, wie er in einem Zeitungsinterview vor zwei Monaten sagte. Gleichzeitig kündigte das Unternehmen den Abbau von 300 Stellen an. Auch die Centralschweizerische Kraftwerke AG (CKW) will sich verschlanken und plant den Abbau von 40 Stellen. Bei der BKW wurden bereits 200 Stellen abgebaut. Wenig rosig ist die Lage auch bei Alpiq, dem nach Mitarbeitern grössten Energiekonzern der Schweiz.

Spielball der Politik

Werden Gewinnsorgen, Stellenabbau und Umstrukturierung zum Dauerzustand in der Schweizer Strombranche? Der Analyst Sven Bucher von der Zürcher Kantonalbank rechnet damit. «Die Konzerne befinden sich in der Anfangsphase des Umbaus», sagt er. Zwar seien die grossen Entlassungswellen wohl bald vorbei. «Doch es wird immer wieder Anpassungen geben.» Die Energiefirmen seien alle mit denselben Problemen konfrontiert, so Bucher: «Sie sind in einem sich fundamental ändernden Markt tätig.»

Die Gründe dafür sind weitgehend bekannt. In der Stromproduktion – dem Kerngeschäft der Energieversorger – sind die Margen geschrumpft. Die Mittagsspitzen beim Strompreis fallen weg, weil günstiger Strom aus Deutschland auf dem Markt verfügbar ist. Dabei handelt es sich um Solar- und Windstrom, der im Ausland subventioniert wird. Hinzu kommen Abschreibungen wegen des Ausstiegs aus der Atomenergie, zudem laufen Absicherungen gegen die tiefen Strompreise nach und nach aus.

Der grosse Strategieumbau

«Die Stromfirmen sind wie fast keine zweite Branche von der Politik abhängig», sagt Sven Bucher. «Anders als bei der Maschinenindustrie oder den Medien ist es für sie praktisch unmöglich, sich aus eigener Kraft und ohne stabile politische Rahmenbedinungen aus dem Tief zu arbeiten. Die Stromkonzerne versuchen dies dennoch. Die Erschliessung zusätzlicher Geschäftsfelder ist für sie – nebst dem politischen Lobbying für höhere Strompreise – eine zentrale strategische Stossrichtung. Weg von der reinen Stromproduktion, hin zur Netztechnik, zum Anlagenbau, zum Beratungs- und Energieservicegeschäft.

So hat alleine die BKW in den letzten Wochen eine Leitungsbaufirma aus Luzern, eine Installationsfirma aus Rafz und zwei Haustechnikfirmen aus Wohlen gekauft. Um den Kunden ein «umfassendes Portfolio an Energiegesamtlösungen» anzubieten, wie es in der Medienmitteilung dazu heisst. Alpiq hat sich zuletzt die Schwarz + Partner einverleibt, eine Spezialistin im Bereich Elektrotechnik und Kommunikation in Reinach. Auch Alpiq will sich als Anbieter von Energiedienstleistungen positionieren.

Fragwürdige Geschäftsfelder

Bei den grossen Stromfirmen ist Restrukturierung angesagt. Erstaunlicherweise hat sich dies auf die Beschäftigungszahlen dieser Unternehmen kaum ausgewirkt. Die BKW wies Ende 2011 das Vollzeitäquivalent von 2880 Arbeitsplätzen auf. Aktuell werden 3172 Mitarbeiter beschäftigt. Bei der CKW waren es 2010/11 noch 1589 Stellen, bei der letzten Zahlenveröffentlichung waren es 1601 Stellen. Bei der Axpo veränderte sich die Mitarbeiterzahl im selben Zeitraum von 4415 auf 4355.

Der Energiespezialist von Avenir Suisse, Urs Meister, weist darauf hin, dass diese Konstanz bei der Beschäftigung auch der Expansion und den vielen Firmenkäufen im Bereich der Energiedienstleistungen geschuldet ist. Weitere Strukturveränderungen in der Branche seien zu erwarten, denn die erodierenden Erträge aus den bisherigen Geschäftsmodellen seien nicht einfach ersetzbar. «Jetzt wird in Märkte mit kleineren Margen und grösserer Konkurrenz investiert.»

Meister beurteilt dies kritisch. Die Kernkompetenzen der Energieriesen lägen in erster Linie bei der Stromproduktion, dem Handel und dem Netzbetrieb, sagt er. «Wenn diese mehrheitlich staatlichen Firmen jetzt in neue, eigentlich vollständig private Sektoren eindringen, ist dies zudem ordnungspolitisch fragwürdig.» Suzanne Thoma macht beim Umbau dennoch vorwärts. Für die Chefin der BKW – sie gehört zu 52 Prozent dem Kanton Bern, 22 Prozent sind in Besitz von Börsenanlegern – zählt weniger die Ordnungspolitik, sondern primär die Betriebswirtschaft.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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