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Streit mit Nestlé eskaliert

Coop und Edeka ringen mit dem Nahrungsmittelriesen um günstigere Einkaufspreise. Die Händler drohen, den Boykott auszudehnen. Coop könnte damit Kunden vergraulen.

Im Moment nicht lieferbar: Leeres Regal in einem Berner Supermarkt. Leserbild
Im Moment nicht lieferbar: Leeres Regal in einem Berner Supermarkt. Leserbild

Markenprodukte sind für Supermarktketten wichtige Lockmittel, um die Kunden in die Läden zu bringen. Der Preiskrieg um sie nimmt zum Teil absurde Formen an: So sorgte die französische Detailhändlerin Intermarché für tumulthafte Szenen in einigen ihrer Märkte, als die Kette die Preise für Nutella und Pampers in einer Aktion um 70 Prozent senkte. Die Kampagne hat nun ein juristisches Nachspiel wegen des Verdachts auf Dumping.

Im Vergleich dazu geht der Konflikt der europäischen Detailhändler Coop und Edeka mit Nestlé gesitteter zu. Die Händler, die im Einkaufsbündnis Agecore zusammengeschlossen sind, werfen Nestlé vor, zu hohe Einkaufspreise zu verlangen und sie gegenüber anderen Abnehmern zu benachteiligen. Der Streit sorgt seit Tagen für Schlagzeilen. Nun droht der Konflikt zu eskalieren.

Boykott-Ausweitung möglich

Denn bisher galt der Bestellstopp für 150 Nestlé-Produkte. Und Coop verkauft gewisse ausgewählte Produkte wie Cailler Perles, Salatsaucen von Thomy, Nescafé Azera und Buitoni La Fina zum halben Preis. Nun könnten die Edeka-Gruppe und ihre fünf Partner noch weitere Produkte aus den Regalen verbannen. Eine entsprechende Meldung der «Lebensmittelzeitung» bestätigte Edeka.

Der Agecore-Allianz gehören sechs europäische Händler an, darunter Coop und Edeka aus Deutschland. Zusammen kommt die Allianz auf eine Einkaufsmacht von 140 Milliarden Euro Bruttoumsatz. Gemeinsam wollen sie bessere Konditionen bei den Lieferanten durchsetzen. Als Gegenleistung versprechen die Händler europaweite Aktionen zum Verkauf der Produkte in ihren Läden.

Coop hatte Anfang Woche noch Auskunft gegeben zu der Auslistung der Nestlé-Produkte. Gestern hiess es nur: «Mit Blick auf die laufenden Verhandlungen von Agecore äussern wir uns gegenwärtig nicht zu dieser Thematik.»

Preiskampf koste viel Zeit und Geld

Detailhandelsexperte Gotthard F. Wangler kann verstehen, dass Coop nun schmallippig wird. «Coop war zuerst froh über das Medienecho», so Wangler, «nun aber läuft ihnen das Ganze aus dem Ruder. Die ganze Angelegenheit nimmt eine Eigendynamik an.»

Der Bestellstopp sei zwar ein ideales Druckmittel. «Aber Coop schadet sich letztlich selber, und zwar mehr als Nestlé.» Denn Kunden würden die gewünschten Nestlé-Produkte letztlich bei der Konkurrenz einkaufen. Der Preiskampf binde personelle Ressourcen und koste viel Zeit und Geld. «Und die Konsumenten haben am Schluss leere Gestelle», sagt Wangler.

Auch Harley Krohmer, Betriebswirtschaftsprofessor mit Schwerpunkt Marketing an der Universität Bern, fragt sich: «Werden die Coop-Kunden, die ausgelistete Nestlé-Produkte kaufen wollen, zu anderen Händlern wechseln?» Das sei die entscheidende Frage: Wie treu sind die Kunden? Die Markenhersteller versuchen, durch die Produktqualität und Marketing den Kunden zu einer hohen Markentreue zu erziehen, sodass die Konsumenten die Marken von ihren Händlern einfordern.

Coop erhielt Magazine 15 Prozent günstiger

Umgekehrt hat der Händler dann Macht, wenn die Kunden ihm treuer sind als den Marken. Dies ist bei Aldi der Fall. «Vielen Kunden ist es egal, welche Marken sie bei Aldi kaufen können. Sie sind Aldi treuer als teuren Marken. Nur die stärksten Marken werden bei Aldi angeboten, zum Beispiel Coca-Cola und Nutella», sagt Marketingexperte Krohmer. Die Mehrzahl der Produkte seien bei Aldi hingegen eigene Marken, die von Auftragsherstellern für Aldi produziert werden.

Wie geht es im Streit weiter? Weder Nestlé noch Coop können nach Meinung von Krohmer nachgeben, ohne das Gesicht zu verlieren. Die Frage ist: Wer hat den längeren Schnauf? Der Experte kann sich nicht erinnern, dass es in der letzten Zeit einen so grossen, öffentlich ausgetragenen Konflikt zwischen Detailhändlern und Herstellern gab. Der letzte Streit geht ins Jahr 2015 zurück. Damals boykottierte Coop «Spiegel», «Gala» und «Vogue» mit dem Argument, die Importpreise seien zu hoch. Letztlich bekam Coop die Magazine 15 Prozent günstiger.

«Seit Aldi und Lidl im Schweizer Markt sind, hat sich der Kampf zwischen Herstellern und Händlern um die Margen verstärkt.»

Harley Krohmer, Marketingexperte

Sara Stalder, Geschäftsführerin der Stiftung Konsumentenschutz, glaubt dagegen nicht, dass es Coop wirklich um die Konsumenten geht. Sie ist vielmehr überzeugt, dass der Detailhändler mit der Auslistung einen PR-Coup landen wollte: «Wenn wir sonst versuchen, etwas gegen die Hochpreisinsel in der Schweiz zu unternehmen, dann will Coop uns nie unterstützen.» Daraus schliesse sie, dass es nicht wirklich um tiefere Preise gehe. Am Ende geht es bei dem Konflikt um die Margen. Nestlé und Coop wollen einen grösseren Anteil davon haben. «Seit Aldi und Lidl im Schweizer Markt sind, hat sich der Kampf zwischen Herstellern und Händlern um die Margen verstärkt», weiss Krohmer. Dies liegt daran, dass Aldi und Lidl mit sehr guten eigenen Marken die Preise anderer Produkte unter Druck setzen. Der Einkaufstourismus im grenznahen Ausland verschärft den Preiskampf zusätzlich.

Nun gibt Coop diesen Druck weiter. Und legt sich ausgerechnet mit Nestlé an. Der Konzern steht nach schlechten Quartalszahlen selbst unter Druck.

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