Steuerzahler haften für heikle Exporte

Schweizer Unternehmen lassen deutlich mehr Ausfuhren in autokratisch regierte Länder wie Russland und die Türkei durch den Bund absichern – obwohl die Verkäufe dorthin nicht zunehmen.

Ein für Schweizer Firmen interessanter Absatzmarkt in der Türkei: Die Textilindustrie. Foto: Murad Sezer (Reuters)

Ein für Schweizer Firmen interessanter Absatzmarkt in der Türkei: Die Textilindustrie. Foto: Murad Sezer (Reuters)

Jorgos Brouzos@jorgosbrouzos

Die türkische Regierung kämpft um den Ruf der Wirtschaft des Landes. Die türkische Lira verliert an Wert, und die Teuerungsrate ist hoch. Wirtschaftsminister Berat Albayrak hat vor wenigen Tagen einen nationalen Aktionsplan angekündigt. Die hohen Lebensmittelpreise sollen sinken, und die staatlichen Banken sollen mit einer Finanzspritze gestützt werden. Die Wirtschaftskrise droht zur Gefahr für Präsident Recep Tayyip Erdogan zu werden – die Opposition legte zuletzt deutlich zu.

Trotz der Krise ist die Türkei für Schweizer Unternehmen ein interessanter Absatzmarkt – zum Beispiel die Textilindustrie. Die Ausfuhren in das Land blieben in den vergangenen Jahren konstant. Doch zeigt sich das zunehmende Misstrauen der Firmen andernorts: Sie sichern einen grösseren Anteil ihrer Exporte bei der Schweizerischen Exportrisikoversicherung des Bundes (Serv) ab. Sie versichert Firmen gegen Zahlungsausfälle bei Exportgeschäften.

Neu weist die Organisation mit mehr als 1 Milliarde Franken in der Türkei ihr höchstes Engagement aller Länder aus. Es hat sich im vergangenen Jahr verdoppelt. Insgesamt entspricht es 14 Prozent des gesamten Risikos der Serv. Lag noch vor fünf Jahren das Verhältnis von Serv-abgesicherten Geschäften zum Gesamtexport in die Türkei bei rund 5 Prozent, waren es 2018 mehr als 40 Prozent. Im vergangenen Jahr haben auch die Absicherungen nach Russland, Brasilien und Indonesien stark zugenommen – alles Länder, in denen die politischen Risiken grösser geworden sind.

Grossprojekte verzerren

Beim Staatssekretariat für Wirtschaft, dem die Serv angeschlossen ist, heisst es dazu: «Das politische Risiko ist eines von diversen Risiken, welche Serv-Kunden absichern, die meist längerfristig planen.» Durch Grossgeschäfte würden starke Schwankungen entstehen, in Brasilien etwa durch ein grosses Gaskombikraftwerk mit einer Deckungssumme von 1 Milliarde Franken. Daher liessen sich aus einem steigenden oder fallenden Deckungsvolumen keine Rückschlüsse auf die politische Situation in einem Land beziehungsweise auf entsprechende Einschätzungen der Exporteure ziehen, so die Serv.

Die trübe Wirtschaftslage der Türkei schlägt auch bei den Schweizer Exporteuren durch. Laut der Exportförderungsagentur Switzerland Global Enter-prise waren KMU-Exporteure in den vergangenen Jahren verunsichert. «Der Wertverlust der Lira, gepaart mit einem starken Franken, stellte zudem für viele eine grosse Schwierigkeit dar», sagt eine Sprecherin. Daher wurden kaum neue Exportprojekte in Angriff genommen. «In den letzten Monaten konnten wir wieder einige KMU mehr begleiten», so die Sprecherin.

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Martin Wansleben, Geschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, ist skeptischer, wie er gegenüber dem Berliner «Tagesspiegel» erklärte. Das Vertrauen der deutschen Investoren sei beschädigt. Um die Attraktivität des Landes für ausländische Investoren zu erhöhen, mahnte Wansleben Signale zur Stärkung der Rechtssicherheit an.

Die Türkei ist denn auch nicht auf der Liste mit den Ländern zu finden, in die Schweizer Firmen in den kommenden Monaten ihr Geschäft ausweiten wollen. Laut einer aktuellen Umfrage von Switzerland Global Enterprise führt dort klar China, noch vor Indien. Doch schon bald darauf folgen Russland und Indonesien.

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