«SOS! SOS! SOS!» – Hilferuf auf Kleideretikett

Primark bietet Wegwerfmode zum Tiefstpreis und reitet damit auf einer Erfolgswelle. Versteckte Hilferufe auf Kleideretiketten bringen den irischen Konzern nun in Bedrängnis.

Günstige Kleidung dank sklavenartiger Herstellungsbedingungen? Hilferuf, der in eine Hose eingenäht war.

Günstige Kleidung dank sklavenartiger Herstellungsbedingungen? Hilferuf, der in eine Hose eingenäht war.

Martin Sturzenegger@Marsjournal

Ein T-Shirt für drei Franken, eine Hose für 13 Franken. Der irische Discounter Primark hat seine Nische auf dem hart umkämpften Textilmarkt gefunden: Sie befindet sich zuunterst im Tiefpreissegment – dort wo sich junge, durchaus modebewusste Menschen tummeln, deren Budget nicht für Einkäufe bei Zara und Co. reicht: «Hip wie H&M und billig wie KIK», das ist das Motto der Kleiderkette, die in einem ZDF-Dokumentarfilm einst treffend umschrieben wurde.

Der Kult um die Billigkleider verbreitet sich auch über neue Medien: Unter dem Begriff «Primark Haul» (Beute) präsentieren Hipster-Kids ihre erworbenen Kleidungsstücke auf Video-Foren. Die selbstinszenierten Eitelkeiten werden hunderttausendfach angeklickt: Willkommene Gratiswerbung für einen Konzern, der sein Erfolgsrezept wie folgt umschreibt: «Bei den Herstellern kaufen wir günstig ein, bestellen in grossen Mengen und machen viel Umsatz, haben eine günstige Organisation und verzichten auf Werbung.»

Das unschuldige Lachen der Primark-Kundinnen wird allerdings von scharfer Kritik getrübt. Vor allem die Produktionsbedingungen wurden in den letzten Jahren regelmässig angeprangert. So liess Primark einen Teil seiner Kleider in jener bangladeshischen Fabrik produzieren, bei deren Einsturz im April 2013 über 1000 Menschen ums Leben kamen.

«Immer-mehr-und-immer-billiger-Mentalität»

Solche und vergleichbare Ereignisse rückten den Kleiderproduzenten in den Fokus zahlreicher NGOs. Oliver Classen von der Erklärung von Bern (EVB) beschrieb den Reiz der Marke gegenüber «20 Minuten»: «Das ist der perverse Gipfel der heutigen ‹Immer-mehr-und-immer-billiger-Mentalität›.» Zielpublikum seien Jugendliche – «Fashion Victims» –, die über die eigentlichen Modeopfer in Bangladesh entweder nichts wissen oder nichts wissen wollten.

Nun gerät der Billigmodekonzern abermals in die Kritik. Grund sind in Kleider eingenähte Hilferufe. Darin beklagen sich angeblich Angestellte über unmenschliche Zustände am Arbeitsplatz: «...forced to work exhausting hours» (etwa: ...zur Arbeit bis zur Erschöpfung gezwungen...). Eine Frau aus dem walisischen Swansea fand den Zettel, eingenäht in eines der Kleidungsstücke. Es war bereits der dritte Fall innerhalb weniger Tage.

Die mysteriöse Serie der versteckten Botschaften begann im nordirischen Belfast. Karen Wisinska wollte gerade ihre Sachen für den Sommerurlaub packen, als sie in einer Hose ein eingenähtes Label mit chinesischen Schriftzeichen fand. Darüber die Worte «SOS! SOS! SOS!». Aus dem Chinesischen übersetzt steht im Text: Der Näher und seine Kollegen seien in einem Gefängnis und müssten wie die Ochsen arbeiten, ihr Essen wäre selbst für Tiere ungeniessbar. «Ich habe mir dann gedacht, dass dies ein Hilferuf ist – und war total geschockt», erzählte Wisinska der BBC.

Die Frau übergab die Hose dann Amnesty International in Nordirland. Ein Vertreter der Menschenrechtsorganisation sagte, es sei zwar schwer zu beurteilen, ob dieser Hilferuf authentisch sei – aber es sei zu befürchten, dass es sich nur um die Spitze des Eisbergs handle. Die zusätzlichen Fälle scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Eine weitere Primark-Kundin hatte einen Zettel mit der Aufschrift «degrading sweatshop conditions» (erniedrigende Bedingungen in einer Knochenmühle) in ihrem Kleid vorgefunden.

Zweifel an Authentizität

Das Unternehmen kündigte auf seiner Website an, die Vorfälle zu untersuchen: «Primark nimmt derartige Anschuldigungen sehr ernst.» Ein Firmensprecher teilte der BBC mit, dass mehrere Inspektionen der Zulieferer ergeben hätten, dass diese weder in Gefängnissen noch in Arbeitslagern produzierten. Zugleich äusserte das Unternehmen Zweifel daran, dass die Botschaften echt seien.

Tatsächlich ist nicht auszuschliessen, dass es sich um eine gut orchestrierte Kampagne handelt. Für Classen von der EVB würde dies aber keinen Unterschied machen: «Die Vergangenheit hat mehrfach gezeigt, dass solche Botschaften der Realität entsprechen.» So sei es nur folgerichtig, dass wieder einmal auf das Problem aufmerksam gemacht werde, sagt Classen.

Studenten wollen Primark in die Schweiz holen

Trotz anhaltender Kritik kann sich der Kleiderkonzern nicht über mangelnden Erfolg beklagen. Mit seiner Wegwerfmode trifft er den Nerv der Zeit, sein Expansionskurs beeindruckt: 1969 in Dublin gegründet, konnte das Unternehmen sein Netz inzwischen auf über 270 Filialen ausbauen. Im deutschsprachigen Raum ist Primark in Deutschland und Österreich vertreten.

In der Schweiz gibt es noch keinen Ableger. Obwohl die Nachfrage auch hierzulande gross ist. Im letzten Jahr versuchten vier Studenten aus Bern mit einer Facebook-Petition eine Filiale ins Land zu holen. Die Community vereint Tausende Gleichgesinnte – über 15'000 Personen drückten bis heute auf den «Gefällt mir»-Knopf.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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