Sie halfen die Blase aufzupumpen – und sind stärker denn je

Mit ihren Bewertungen für die US-Hypo-Papiere haben S&P, Fitch und Moody’s die Finanzkrise mitverursacht. Wie ihr Oligopol die Krise überlebt hat.

Ratingagenturen wie Moody’s trugen mit ihren Bewertungen zur Entstehung der Finanzkrise bei. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Ratingagenturen wie Moody’s trugen mit ihren Bewertungen zur Entstehung der Finanzkrise bei. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Holger Alich@Holger_Alich

Das Urteil ist vernichtend: Das «Versagen» von Firmen wie Standard & Poor’s (S&P), Moody’s und Fitch «spielte eine Schlüsselrolle dabei, das Finanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs zu bringen». Diese Einschätzung steht im Abschlussbericht der Expertenkommission, die 2011 für den US-Kongress die Ursachen für die Finanzkrise analysierte. Demnach hätten die Ratingagenturen mit ihren guten Bewertungen für US-Hypothekenpapiere mitgeholfen, die Blase aufzupumpen.

Vor rund zehn Jahren kollabierte die US-Investmentbank Lehman Brothers und markierte so einen Höhepunkt der Finanzkrise. Und obwohl die drei grossen Ratingagenturen die Krise mitverursacht haben, ist ihre Dominanz weiter ungebrochen. «Das Oligopol aus S&P, Moody’s und Fitch ist sogar stärker denn je», meint Daniel Pfister, Mitbegründer und Chef der Schweizer Ratingagentur Independent Credit View. Tatsächlich haben die drei US-Platzhirsche laut der Europäischen Wertpapieraufsicht einen Marktanteil im Ratingmarkt von rund 93 Prozent.

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Staaten und Unternehmen. Ihre Benotungen geben eine Einschätzung dazu ab, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Gläubiger damit rechnen muss, dass er sein Geld nicht wiedersieht. Dabei werden S&P und Co. jeweils von den Schuldnern, also den Herausgebern von Schuldtiteln, für ihre Arbeit bezahlt. Bei Independent Credit View dagegen zahlen die Nutzer für die Studien.

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Gerade in Europa gab es nach der Finanzkrise zahlreiche Anstrengungen, sich aus der Abhängigkeit der drei grossen US-Ratingagenturen zu befreien. Zudem wurden die Ratingfirmen reguliert und der Aufsicht unterstellt. In der Schweiz ist die Finma zuständig. Die Aufsicht wacht zum Beispiel darüber, dass die Kreditanalysten keinerlei Kontakt mit der Verkaufsabteilung haben, welche sich um neue Mandate bemüht. Bei schwerwiegenden Fehlern müssen Ratingagenturen zudem für ihre Einstufungen haften.

Aber warum hat das Rating-Oligopol die Krise überlebt? Die Herausforderer machen dafür auch Regulierer und die Notenbanken verantwortlich. «Regulatoren und Notenbanken haben die Einstufungen der Ratingagenturen fest in ihren Regularien verankert», erklärt Independent-Credit-View-Chef Pfister. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) zum Beispiel verwendet nur die Ratings der drei US-Platzhirsche und keines von einem Wettbewerber. Auch die Europäische Zentralbank verlässt sich auf die Urteile der grossen drei, zusätzlich nutzt sie Ratings der kanadischen Agentur DBRS.

Den Notenbanken kommt eine Schlüsselrolle zu, sind sie doch mit ihren Wertpapierkaufprogrammen die grössten Investoren am Markt. Auf die Frage, ob die SNB nicht mithelfe, mit ihrer Ratingverwendung das US-Oligopol zu zementieren, antwortet die Zentralbank lapidar: «Die SNB hat keine Präferenz für eine bestimmte Marktstruktur bei den Ratingagenturen.»

«Die Regulierung des Ratingsektors erschwert den Wettbewerb.»Torsten Hinrichs, Scope-Chef 

Auch Regulatoren wie Finanzaufsichten verwenden die Ratings der drei US-Agenturen, wenn es darum geht zu berechnen, mit wie viel Eigenkapital eine Bank zum Beispiel ein Anleihe-Investment absichern muss. Immerhin: Die Finma akzeptiert hierbei auch die Kreditnoten der Schweizerischen Ratingagentur Fedafin AG.

Die deutsche Ratingagentur Scope bemüht sich seit Jahren darum, von der Finma zugelassen zu werden. Scope hofft zudem, auch von der Europäischen Zentralbank akzeptiert zu werden, allerdings sind die Zulassungsbedingungen derart strikt, dass sie quasi auf die drei grossen US-Agenturen zugeschnitten sind. «Die Regulierung des Ratingsektors erschwert den Wettbewerb», sagt Scope-Chef Torsten Hinrichs. Denn die Anforderungen an Compliance und die vorgeschriebene Rotation von Analysten bei allen Kunden seien personalintensiv und teuer und würden zusätzliche Markteintrittsbarrieren aufbauen.

«Henne-Ei»-Problem

Im Ratingmarkt gibt es ein «Henne-Ei»-Problem: Ohne dass wichtige Unternehmen eine Agentur mit Aufträgen versehen, interessieren sich Investoren nicht für die Einstufungen eines Newcomers. Umgekehrt vergeben Konzerne keine Ratingaufträge an Agenturen, deren Urteil von Investoren nicht beachtet wird.

Scope geht daher in Vorleistung und baut einen grossen Apparat auf, um die kritische Grösse zu erreichen. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen über 200 Mitarbeiter, davon sind rund 90 Analysten. Bei einer der jüngsten Kapitalerhöhungen ist die Mobiliar ins Kapital eingestiegen. «Haben wir die Finma-Zulassung, wollen wir uns verstärkt um Schweizer Emittenten bemühen», kündigt Hinrichs an. Auch die Eröffnung einer Schweizer Niederlassung sei denkbar. Wenig hilfreich bei der Aufholjagd dürfte indes sein, dass Scope derzeit in Deutschland wegen eines Ratings verklagt wurde. Die Kläger haben Geld mit einer Anleihe der Betreibergesellschaft des Kreuzfahrtschiffs MS Deutschland verloren, welche von Scope zunächst gute Noten bekommen hatte. Scope-Chef Hinrichs hält die Klage für unbegründet.

Die Frage der Marktstellung

An Marktführer S&P prallt die Kritik der Dominanz ab. S&P teilte mit, dass man die Frage der Marktstellung «den Investoren stellen muss und nicht uns». Schliesslich seien die Anleger jene, welche die Ratings nutzen und damit die starke Marktstellung begründeten.

Die Krise ist für die Platzhirsche längst abgehakt. Im Nachgang hatte das US-Justizministerium S&P verklagt. Das Verfahren konnte der Marktführer mit einer Zahlung von 1,5 Milliarden Dollar aus der Welt schaffen.

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