Schliessung der «Papieri»: «Ein solcher Schritt tut sehr weh»

Bernhard Ludwig, Mitinhaber und Verwaltungsratspräsident der Papierfabrik Utzenstorf, erklärt, wie schwer es für ihn war, die ­Mitarbeiter über ­das Ende des Werks zu informieren.

Bernhard Ludwig, Mitinhaber und Verwaltungsratspräsident der Papierfabrik: «Wenn die Schliessung der eigenen Fabrik bekannt wird, ist das für die Betroffenen ein Schock».

Bernhard Ludwig, Mitinhaber und Verwaltungsratspräsident der Papierfabrik: «Wenn die Schliessung der eigenen Fabrik bekannt wird, ist das für die Betroffenen ein Schock».

(Bild: Nicole Philipp)

Genau im Jahr ihres 125-jährigen Bestehens muss die Papierfabrik Utzenstorf schliessen. Ist das der schwärzeste Tag in Ihrer Berufstätigkeit?Bernhard Ludwig: Von den 125 Jahren habe ich 30 aktiv miterlebt. Zuerst als kaufmännischer Direktor der Fabrik, ab 2009 als Mitinhaber. Ein solcher Schritt tut natürlich sehr weh. Wir haben am Montagabend die Mitarbeiter über die Schliessung informiert. Den Mitarbeitern zu sagen: «Jetzt ist fertig», das ist sehr schwere «Ruschtig». Aber auf der anderen Seite bin ich froh, dass wir eine Lösung gefunden haben, bei der es möglich ist, den betroffenen Mitarbeitern einen vernünftigen Sozialplan anzu­bieten. Das war für mich ganz wichtig.

War denn gar ein Konkurs ein Thema?Nein, das stand überhaupt nicht zur Diskussion. Aber für uns war es wichtig, eine Lösung zu finden, bei der unsere Handlungsfähigkeit gewährleistet ist.

Wie sah die Ertragslage im ­vergangenen Jahr aus?Die Papierfabrik hat rote Zahlen geschrieben und konnte die notwendigen Abschreibungen nicht erwirtschaften.

Wie haben die Mitarbeiter auf Ihre Ankündigung reagiert?Wir haben die Mitarbeiter in der Vergangenheit alle drei Monate über den Geschäftsgang informiert. Alle wussten, dass in Europa Papierfabriken geschlossen werden. Aber wenn die Schliessung der eigenen Fabrik bekannt wird, ist das für die Betroffenen gleichwohl ein Schock. Aber trotzdem haben sie die Information gefasst entgegengenommen. Und alle waren am Dienstag­morgen wieder an der Arbeit.

Welche Gründe haben zur Schliessung der Papierfabrik per Ende Jahr geführt?Zusammen mit Partnern habe ich im Jahr 2009 das Unternehmen dem damaligen finnischen Mutterkonzern abgekauft. Kurz ­darauf begann die Eurokrise. Der Eurokurs schwächte sich innert weniger Jahre von 1.50 Franken auf 1.10 Franken ab. Da liegen ­natürlich Welten dazwischen. Das stellte für uns eine schwierige Situation dar. Denn der Preis für Zeitungspapier wird in Euro ­gehandelt. Auch für Lieferungen in die Schweiz. Die Abschwächung des Frankens hatte also für uns nicht nur im Exportgeschäft, sondern auch im Inlandgeschäft negative Folgen.

Die Nachfrage nach Zeitungspapier sinkt. Welche Rolle ­spielte dieser Faktor?Das Produkt Zeitungspapier spürt derzeit einen starken digitalen Gegenwind. Wenn man heute wissen will, was auf dieser Welt passiert, holt man nicht die nächste Zeitung, sondern zückt sein Handy. Vor wenigen Jahren betrug die Nachfrage nach Zeitungspapier in Europa neun Millionen Tonnen. Jetzt gibt es Prognosen, dass es 2019 noch etwa die Hälfte sein wird. Die Fabrik in ­Utzenstorf stellt etwa 200'000 Tonnen her. Diese Entwicklung bedeutet, dass laufend Kapazitäten abgebaut werden müssen.

Wie gut war zuletzt die Aus­lastung der Fabrik?Die Fabrik war immer voll ausgelastet. Das heisst bei einer Papierfabrik, dass sie rund um die Uhr läuft. Denn das Herunter- und Hochfahren der Produktionsanlage ist sehr teuer. Die Auslastung war gut, weil die Nachfrage nach Papier für Publikationen im Werbebereich relativ stabil war. Der Umsatzanteil dieser Produkt­kategorie macht 65 Prozent aus.

Die Preise für Altpapier sind in ­letzter Zeit angestiegen. Welche Folgen hat dies gehabt?97 Prozent unserer Rohstoffe ist Altpapier. Allein in diesem Jahr ist der Preis für Altpapier um 10 Prozent gestiegen. Irgendwann wird es dann schwierig.

Welche Pläne haben Sie mit dem Areal der Papierfabrik?Wir möchten das Areal am liebsten wieder einer industriellen Nutzung zuführen. Denkbar ist auch ein Logistikzentrum. Wir suchen nun nach Lösungen.

Ist dabei auch eine Wohnüberbauung denkbar wie auf dem Areal der ehemaligen Kartonfabrik Deisswil?Die Ausgangslage in Deisswil ist eine andere. Das dortige Areal liegt viel näher bei der Stadt Bern.

Das Areal ist nun der grösste ­Aktivposten des Unternehmens. Wird beim Verkauf für die ­Aktionäre unter dem Strich ein ­Gewinn herausschauen?Das ist derzeit völlig offen. Die heutigen Aktionäre haben bei der Sanierung des Unternehmens im Jahr 2015 Geld investiert. Für sie steht das Unternehmen im Vordergrund. Ob am Schluss für die Aktionäre noch etwas herausschaut, ist sekundär.

Es ist bekannt, dass Sie einer der Hauptaktionäre der Papierfabrik sind. Welchen Anteil halten Sie, und wer sind die anderen Aktionäre?Wir haben uns entschieden, die Aktionärsstruktur nicht öffentlich zu machen. Ich kann Ihnen sagen, dass ich keine Mehrheit halte.

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