SBB testen ferngesteuerte Züge

Mehr Züge und tiefere Kosten, gleichzeitig weniger Störungen. Dieses Wunder versprechen sich die SBB von der Digitalisierung des Netzes. Dazu prüfen sie selbstfahrende Züge ohne Lokführer.

Im neuen Doppelstockzug, hier auf Probefahrt, wird zwar noch ein Lokführer sitzen. Die SBB prüfen aber die Möglichkeit von ferngesteuerten Zügen.

Im neuen Doppelstockzug, hier auf Probefahrt, wird zwar noch ein Lokführer sitzen. Die SBB prüfen aber die Möglichkeit von ferngesteuerten Zügen.

(Bild: zvg)

Julian Witschi

Billige Fernbusse, selbstfahrende Autos und umweltfreundliche Elektrofahrzeuge bedrohen Konkurrenzvorteile der Eisenbahn. Um nicht den Anschluss zu verlieren, setzen die SBB auf Digitaltechnik und stecken 12 Millionen Franken in einen Innovationsfonds.

Zu den Projekten zählt die Automatisierung des Bahnbetriebs bis hin zum Lokführer: «Wir prüfen die Möglichkeit von ferngesteuerten Zügen», sagte SBB-Chef Andreas Meyer am Montag vor den Medien in Zürich.

Meyer betonte zwar, Lokführer brauche es noch für sehr lange Zeit, und er könne sich einen Geisterzug ohne Personal im Fernverkehr heute nicht vorstellen. «Es geht uns nicht darum, den Lokführer von der Lok herunterzuholen.» Selbst wenn immer mehr Computer das Fahren übernähmen, könnten diese sich «um anderes im Zug kümmern». Aber in kleinem Rahmen wollen die SBB nun Erfahrungen mit selbstfahrenden Zügen sammeln.

Sie folgen damit Tests anderer Bahnunternehmen. Es geht auch darum, ob die Kunden einem Zug ohne Lokführer vertrauen würden. Zu den möglichen Testzügen und -strecken machte Meyer keine Angaben. Dafür sei es zu früh.

30 Prozent mehr Kapazität

Das Streckennetz wollen die SBB sowieso besser auslasten. Dies wegen der erwarteten weiteren Zunahme an Passagieren und heute bereits vollen Zügen in Hauptverkehrszeiten. So treiben sie die Automatisierung des Bahnbetriebs voran und konzipieren ein neues digitales Stellwerk. Dieses soll es ermöglichen, die Züge in kürzeren Abständen fahren zu lassen.

Die Kapazität des Schweizer Bahnnetzes – das ohnehin schon am intensivsten genutzte Schienennetz der Welt – könne so um bis zu 30 Prozent gesteigert werden, sagte Meyer. Dies mit einem Zeithorizont bis in die Jahre 2035–2040. Bereits ab 2025 soll es neue Bahntechnik ermöglichen, die Zahl der Störungen zu senken. Denn die SBB wollen eine kleinere Zahl an verschiedenen Systemen und Sicherungsanlagen betreiben. Die Kollisionsgefahr soll nochmals um bis zu 90 Prozent sinken.

Mit all diesen Verbesserungen soll der Bedarf an neuen Bahninfrastrukturen abnehmen und die Kosten pro Passagier sinken. Ziel ist, das Ergebnis dank den neuen Technologien um 450 Millionen Franken pro Jahr verbessern zu können. Er habe immer noch den Traum, die Billettpreise einmal senken zu können, sagte Meyer.

Die SBB nutzen die Digitalisierung auch im Unterhalt. So erfassen sie immer mehr Daten, um Verschlechterungen am Gleis frühzeitig zu erkennen, bevor es zu Schäden kommt. Vorbeugender Unterhalt statt teure Reparaturen lautet das Motto.

Automatische Kupplungen

Im Güterverkehr rüsten die SBB Hunderte Wagen mit Sensoren aus. Diese ermitteln Temperatur, Erschütterung und Position des Wagens. Damit wird für die Kunden klar, in welchem Zustand die Ware ist und ob sie pünktlich ankommt.

Zudem läuft ein Test mit automatischen Kupplungen an. Damit dürfte hierfür der Personalbedarf mittelfristig um 30 bis 40 Prozent sinken, sagte der Projektleiter von SBB Cargo, Philipp Thalmann. Bis in zehn Jahren würde aber ohnehin die Hälfte der Mitarbeitenden in diesem Bereich pensioniert werden.

Berner Zeitung

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