SBB müssen Bussen für Nachtzuschlag zurückzahlen

Weil die SBB nicht genügend über den Nachtzuschlag in der Zürcher S-Bahn informieren, ist das Bundesamt für Verkehr eingeschritten. Dies dürfte Besitzer von Gleis-7-Abos freuen.

Nachtzuschlag gelöst? Ein Kontrolleur überprüft Billette in einem Zug auf dem Netz des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV). (Archivbild)

Nachtzuschlag gelöst? Ein Kontrolleur überprüft Billette in einem Zug auf dem Netz des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV). (Archivbild)

(Bild: Keystone Gaëtan Bally)

Olivia Raths@tagesanzeiger

Um 4 Uhr morgens im Zug von ­Zürich nach Luzern: Eine junge Besitzerin des Gleis-7-Abos musste eine Busse von 70 Franken bezahlen, weil sie keinen Nachtzuschlag von 5 Franken gelöst hatte. Dieser wurde ihr nun zusätzlich zur Busse verrechnet. Die Betroffene hatte jedoch offenbar nichts von einem Nachtzuschlag für Gleis-7-Besitzer gewusst. Auf ihrer Website schreiben die SBB nämlich: «Mit dem Gleis 7 sind Sie von 19 bis 5 Uhr kostenlos in der 2. Klasse unterwegs.» Doch dies sei falsch, berichtet der «K-Tipp» heute Mittwoch.

In einem zweiten Fall hatte ein Passagier auf seinem Handy ein Billett vom Zürcher Manesseplatz nach Neftenbach ZH gelöst. Obwohl es von 1.29 bis 3.30 Uhr gültig war, also nur in Verkehrsmitteln mit Nachtzuschlag, konnte das Billett ohne Nachtzuschlag gelöst werden. In diesem Fall nahmen die SBB die Busse von sich aus zurück. In einem ähnlichen Fall, auf der Strecke von Zürich nach Aarau, fehlte der Hinweis auf den Nachtzuschlag ebenfalls. Die Reisende musste trotzdem eine Busse von 70 Franken zahlen.

Undurchsichtige Stellungnahme der SBB

Der «K-Tipp» verlangte von den SBB Auskunft bezüglich dieser drei Fälle, doch die Stellungnahme wurde verweigert. Deshalb gelangte der «K-Tipp» ans Bundesamt für Verkehr (BAV) als Aufsichtsbehörde, welche die SBB zu einer Stellungnahme zwang. Die Argumentation, die dem «K-Tipp»-Artikel nicht zu entnehmen ist, erscheint dem BAV «gelinde gesagt seltsam». Zwar hält die Aufsichtsbehörde den Nachtzuschlag von 5 Franken für rechtens. Aber: Kaufe ein Kunde ein Billett, bei dem davon auszugehen sei, dass es in der Nacht benützt werde, müsse das Transportunternehmen von sich aus auf den Nachtzuschlag hinweisen und ihm ein Billett anbieten, das diesen umfasse.

Auch bei den Besitzern eines Gleis-7-Abos haben die SBB laut dem BAV einen falschen Eindruck erweckt. Deshalb müssen die SBB den erwähnten Bahnkunden die Busse zurückerstatten. Zudem dürfen sie in folgenden Fällen künftig zwar den Nachtzuschlag, aber keine Bussen mehr verlangen:

  • Wenn der Kunde ein Billett zu einer Zeit kauft, die erwarten lässt, dass er ­einen zuschlagspflichtigen Kurs benützt.
  • Wenn er ein Billett zu ­einer anderen Zeit kauft, aber zum ersten Mal geltend macht, nichts vom Nachtzuschlag gewusst zu haben.
  • Wenn er das Gleis-7-Abo zu einem Zeitpunkt gekauft hat, zu dem die SBB irreführend dafür geworben haben, und das zum ersten Mal geltend macht.

Die SBB müssen dem BAV nun 1400 Franken ­zahlen. Sie können den Entscheid bis am 5. Juni ans Bundesverwaltungsgericht weiter­ziehen. Ob sie dies tun werden, ist noch offen. «Die SBB werden die Verfügung des BAV nun prüfen», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz. «Weitere Aussagen sind deshalb zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich.» So ist momentan weder klar, welche und wie viele ZVV-Nachtnetz-Kunden zu einer Rückerstattung ihrer Nachtzuschlagsbussen kommen, noch in welcher Form dies geschehen würde.

«Besser über den Nachtzuschlag informieren»

Kurt Schreiber, Präsident von Pro Bahn Schweiz, begrüsst den Entscheid des BAV. «Es ist richtig, wenn ein nicht informierter Gleis-7-Besitzer nur den Nachtzuschlag nachzahlen muss, aber keine Busse mehr erhält.» Den Nachtzuschlag an sich befürwortet Schreiber, wie er gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz sagt. Der nächtliche Zugbetrieb koste nun einmal mehr als derjenige tagsüber. Die 5 Franken seien «ein Trinkgeld verglichen mit den Kosten für eine Taxifahrt zum Beispiel von Zürich nach Wädenswil». Schreiber hält Nachtzüge mit Zuschlag auch für die viel bessere Lösung als das frühere dünne Nachtbusnetz oder das Autostoppen.

Dennoch teilt der Pro-Bahn-Präsident die Ansicht des BAV, dass die Informationen bezüglich Nachtzuschlag noch mancherorts verbessert werden können: «Denkbar wäre, nicht nur auf den Anzeigetafeln am Perron auf den Zuschlag hinzuweisen, sondern zum Beispiel bereits eingangs des Bahnhofs mit Schildern. So merken die Passagiere nicht erst kurz vor Zugabfahrt, dass die Fahrt im Nachtzug extra kostet.» Lautsprecherdurchsagen wären laut Schreiber auch eine Möglichkeit. Doch damit laufe man Gefahr, diejenigen zu vergraulen, die schon lange vom Nachtzuschlag wüssten.

Trotzdem meint Schreiber: «Die Leute müssten langsam wissen, dass die Benützung von Nachtzügen mehr kostet.» Er appelliert an die Selbstverantwortung und empfiehlt: Wenn jemand ausgehe und wisse, dass er den Nachtzug benützen werde, kaufe er sich am besten schon vor dem Ausgang den Nachtzuschlag.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt