Saudiarabiens Pflaster wird zu heiss für westliche Konzernchefs

Die Affäre Khashoggi belastet die Wirtschaftsbeziehungen des Öl-Exporteurs. Absagen für Riads prestigeträchtige Investorenkonferenz häufen sich.

Steht für die wirtschaftliche Modernisierung seines Landes, aber auch für die Unterdrückung aller kritischen Stimmen: Saudiarabiens Kronprinz Mohammed bin Salman.

Steht für die wirtschaftliche Modernisierung seines Landes, aber auch für die Unterdrückung aller kritischen Stimmen: Saudiarabiens Kronprinz Mohammed bin Salman.

(Bild: Reuters Charles Platiau)

Robert Mayer@tagesanzeiger

Die Rede ist von einem «Davos in der Wüste». Die Crème de la Crème der Unternehmensführer aus Europa und den USA hatte sich angesagt für die am 23. Oktober beginnende dreitägige Konferenz in der saudischen Hauptstadt Riad, die unter dem Titel «Future Investment Initiative» steht. Kronprinz Muhammad bin Salman will als Gastgeber dem hochkarätigen Publikum aufzeigen, wie er das ölabhängige Königreich in eine moderne, wissensbasierte Wirtschaft und einen Magneten für Investitionen aus aller Welt umzubauen beabsichtigt.

Das ungeklärte Verschwinden des saudischen regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi in Istanbul wirft nun aber einen zusehends längeren Schatten auf den mit viel saudischem Prestige verbundenen Grossevent. Wie am Wochenende bekannt wurde, hat Jamie Dimon, Konzernchef der grössten US-Bank J.P. Morgan Chase, seine Teilnahme am «Wüsten-WEF» abgesagt, ohne dies bislang zu begründen. Gleichzeitig strich auch der Verwaltungsratspräsident des US-Autobauers Ford, Bill Ford, eine geplante Reise nach Saudiarabien und andere Destinationen im Mittleren Osten.

Heute Montag ist die Liste der Absagen noch länger geworden: Mit Larry Fink, Chef des weltgrössten Vermögensverwalters Blackrock, und Stephen Schwarzman, der die Private-Equity-Firma Blackstone leitet, wollen zwei weitere Schwergewichte aus dem US-Finanzsektor der saudischen Investorenkonferenz nun ebenfalls fernbleiben, wie die «Financial Times» berichtete.

CS-Chef Thiam reist nach Riad

Vor allem dem Rückzieher von Dimon kommt erhebliche Signalwirkung zu. Er ist der bisher bei weitem prominenteste Firmenchef, der einer Begegnung mit Salman aus dem Weg geht. Auf eine Teilnahme verzichtet hatten vor dem Wallstreet-Banker unter anderem schon Uber-Chef Dara Khosrowshahi – obwohl der saudische Staatsfonds Public Investment Fund an dem Fahrdienstvermittler beteiligt ist – sowie der britische Milliardär Richard Branson. Sollte sich das, was über das Verschwinden von Khashoggi in der Türkei berichtet worden sei, als wahr herausstellen, so sagte Branson letzte Woche, «würde dies die Fähigkeit von uns allen im Westen, Geschäfte mit der saudischen Regierung zu machen, zweifellos ändern».

Dagegen ist Tidjane Thiam, Chef der Credit Suisse, weiterhin entschlossen, Ende Oktober nach Riad zu reisen, wie ein Sprecher der Bank sagte. Thiam gehört dem beratenden Beirat der saudischen Konferenz an – wie übrigens auch Schwarzman, welcher der Konferenz nun fernbleibt. Ebenfalls teilnehmen wollen zum Beispiel die Chefs von ABB und Siemens, Ulrich Spiesshofer und Joe Kaeser.

Die Augen sind nun auf den amerikanischen Finanzminister Steven Mnuchin gerichtet. Er wie auch Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, liessen am Wochenende verlauten, dass sie der saudischen «Zukunftsinvestitions-Initiative» ihre Aufwartung machen wollen. Falls sich Mnuchin doch noch anders besinnt, rechnen Beobachter mit weiteren Absagen insbesondere aus den USA.

Verschärfter Ton zwischen Washington und Riad

Zuvor hatte sich US-Präsident Donald Trump in die Diskussion über das Schicksal von Khashoggi und allfällige Konsequenzen für das saudische Königreich eingeschaltet. Wie er am Samstag in einem Fernsehinterview ankündigte, würden US-Behörden das Verschwinden des Journalisten – der regelmässig für die «Washington Post» schrieb und in den USA im Exil lebte – untersuchen. Je nach Ergebnis stellte Trump eine «schwere Bestrafung» Saudiarabiens in Aussicht. Wie diese ausfallen könnte, liess er indes offen.

Dafür machte der Präsident deutlich, was für ihn nicht infrage kommt. So will er weder Sanktionen noch die Einstellung der Waffenverkäufe an den engen US-Verbündeten ins Auge fassen. Beides würde in den USA zu erheblichen Verlusten von Arbeitsplätzen führen, wie Trump ausführte. Im letzten Jahr hatte er mit dem saudischen Königshaus Verträge über die Lieferung von Kriegsmaterial im Wert von über 100 Milliarden Dollar abgeschlossen. Jetzt da auszusteigen, wäre «verrückt», so der Präsident, würden sich doch die Saudis dann umgehend in Russland und China entsprechend eindecken.

Die Antwort Saudiarabiens auf Trumps Äusserungen folgte postwendend: Auf jede Reaktion des Auslands gegen das Königreich werde man «mit einer grösseren Aktion antworten», verlautete in einer Stellungnahme der staatlichen saudischen Nachrichtenagentur. Und mit einem impliziten Verweis auf die Stellung des Landes als weltgrösster Ölexporteur hiess es weiter, dass dem Land eine «einflussreiche und unverzichtbare Rolle in der Weltwirtschaft» zukomme.

Die Verschärfung der Tonlage zwischen Washington und Riad ist am Ölmarkt jedenfalls nicht spurlos vorbeigegangen. Die Notierungen für die Nordsee-Referenzsorte Brent haben sich von gestern auf heute um über 1 Prozent auf gut 81.30 Dollar je Fass verteuert.

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