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Ruag-Chef: «Bewaffnete Konflikte sind schlecht für uns»

Sein Unternehmen verkauft zwar Waffen. Bewaffnete Konflikte seien aber schlecht für das Geschäft, sagt Ruag-Chef Urs Breitmeier.

Urs Breitmeier?erläutert, was der Bund  als Eigentümer der Ruag von ihm erwartet.
Urs Breitmeier?erläutert, was der Bund als Eigentümer der Ruag von ihm erwartet.
Andreas Blatter
1000 Mitarbeiter des bundeseigenen Unternehmens müssen neu bis maximal Ende Juli des nächsten Jahres 43 statt 40 Stunden pro Woche arbeiten. Ruag Ammotec produziert in Thun pro Jahr rund 300 Millionen Patronen.
1000 Mitarbeiter des bundeseigenen Unternehmens müssen neu bis maximal Ende Juli des nächsten Jahres 43 statt 40 Stunden pro Woche arbeiten. Ruag Ammotec produziert in Thun pro Jahr rund 300 Millionen Patronen.
zvg/Theodor Stalder
Auch die Geschosse aus Blei werden in Thun hergestellt und noch von Hand  auf ihre Qualität geprüft.
Auch die Geschosse aus Blei werden in Thun hergestellt und noch von Hand auf ihre Qualität geprüft.
zvg/Theodor Stalder
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Herr Breitmeier, haben Sie nie ethische Bedenken, weil Sie Chef eines Rüstungskonzerns sind?Urs Breitmeier: Nein. Sicherheit und Stabilität sind die Basis dafür, dass eine Gesellschaft sich entwickeln und prosperieren kann. Voraussetzung für stabile Verhältnisse ist eine von der ­Gesellschaft anerkannte Institution, die das Gewaltmonopol hat. Ohne eine solche Institution endet es oft im Chaos. Wie viel Leid das der Bevölkerung bringt, ­zeigen Beispiele wie Libyen, ­Syrien oder der Irak.

Die Ruag verhindert das Abgleiten ins Chaos?Wir tragen dazu bei, dass solche anerkannte Institutionen gut ausgerüstet ihre wichtige und manchmal auch gefährliche Aufgabe erfüllen können. Wen wir beliefern können, entscheiden die Genehmigungsinstanzen für den Export von Rüstungsgütern. In der Schweiz ist dies das Staatssekretariat für Wirtschaft.

Die Zahl der Konflikte hat zugenommen. Hat das Folgen für die Auftragsbücher der Ruag?Ja, negative. Im Gegensatz zu ­anderen Rüstungsunternehmen, deren Aktien etwa nach den ­Anschlägen von Paris zulegten, sind Konflikte schlecht für uns, weil dann viele Exportmärkte ­zugehen. In den letzten Jahren ­haben wir gezielt die Märkte im Nahen Osten erschlossen. Durch den Konflikt im Jemen sind alle Mitgliedsstaaten des Golfkooperationsrats für uns nicht mehr zugänglich. Teilweise ist es sogar schwierig, laufende Verpflichtungen noch zu erfüllen.

Weshalb?Weil die Rüstungsexportbestimmungen der Schweiz sehr restriktiv sind und wir auch im Ausland an die Schweizer Gesetze gebunden sind. Wir können also nicht auf eine Tochtergesellschaft in einem anderen Land ausweichen, in dem der Export erlaubt ist.

Im syrischen Bürgerkrieg sind von der Ruag gefertigte Handgranaten aufgetaucht. Was ­machen Sie, damit sich dieser Fall nicht wiederholt?Der Vorfall liegt schon länger zurück. Es handelte sich um Handgranaten, die wir an die Vereinigten Arabischen Emirate geliefert hatten. Das Staatssekretariat für Wirtschaft hatte den Export unter der Bedingung bewilligt, dass diese Güter nicht wieder ausgeführt werden. Die Emirate haben sich nicht an diese Vereinbarung mit der Schweiz gehalten. Der Vorfall wurde dann auf di­plomatischer Ebene diskutiert. Gegen solche Verstösse kann die Ruag direkt nichts tun. Wir können nur dafür schauen, dass wir alle Gesetze und Bestimmungen einhalten.

Waffengeschäfte sind anfällig für Korruption. Wie beugen Sie ihr vor?Jeder Mitarbeiter muss einen Verhaltenskodex unterzeichnen, in dem festgehalten ist, dass Korruption nicht geduldet wird und die fristlose Kündigung zur Folge hat. Mitarbeiter mit Kundenkontakt werden geschult, damit sie heikle Situationen sofort erkennen. Zudem haben wir eine Whistleblower-Stelle eingerichtet. Bis jetzt haben wir keine Verdachtsmeldungen wegen Korruption erhalten.

Der Verteidigungsminister vertritt die Interessen des Bundes als Eigentümer der Ruag. Wie stark nimmt er Einfluss auf die Firmenstrategie?Der Verteidigungsminister und sein Departement VBS entwickeln die Eignerstrategie nicht im Alleingang. Auch das Finanzdepartement ist stark involviert. Beschlossen wird die Strategie schliesslich vom Gesamtbundesrat. An der Generalversammlung nimmt der VBS-Vorsteher stellvertretend die Rechte des Eigentümers wahr.

Sie führen eine ganze Generalversammlung durch für einen einzigen Aktionär?Ja. Der Verteidigungsminister kommt mit einem Mandat der Regierung an die GV und stimmt dann über die Traktanden ab: Er heisst den Geschäftsbericht gut, erteilt der Geschäftsleitung die Entlastung, wählt die Verwaltungsräte und die Revisionsgesellschaft etc.

Sagt er Ihnen auch, wie hoch die Dividende sein sollte?Die Dividende ist in der Eignerstrategie festgelegt und beträgt derzeit mindestens 20 Prozent des Reingewinns. Es zeichnet sich ab, dass der Bundesrat diesen Wert bei der nächsten Überprüfung der Strategie anheben wird.

Der Bund verlangt von der Ruag, dass sie gewisse Leistungen erbringt. Er trägt aber immer weniger zum Umsatz bei. Führt das nicht zu einem Zielkonflikt?Nein. Wir haben keinen Versorgungsauftrag im Sinn eines Service public wie etwa die SBB oder die Post. Der Bund formuliert in der Eignerstrategie lediglich Erwartungen darüber, was die Ruag für die Armee leisten soll.

Wie unabhängig ist die Ruag? Könnten Sie etwa die Munitionsherstellung verkaufen?Nein. Der Bund erwartet, dass wir Munition in der Schweiz herstellen können. Trotzdem erhalten wir nicht automatisch jeden Munitionsauftrag des Bundes. Generell unterliegen wir wie unsere Konkurrenten den Regeln im öffentlichen Beschaffungswesen und müssen uns um jeden Auftrag bewerben.

Was sind die grossen anstehenden Aufträge der Armee?Für uns von grosser Bedeutung ist der Ersatz der Minenwerfer, die im Rüstungsprogramm 2016 enthalten sein dürften. Die Ruag hat die Ausschreibung für sich entschieden. Volumenmässig ­bescheidener, aber aus techno­logischer Sicht sehr interessant ist das soeben unterschriebene Drohnenprogramm. Die Ruag ist dort für das «Detect and Avoid»-System verantwortlich, welches Zusammenstösse mit anderen Flugzeugen verhindert.

Welches Umsatzverhältnis von zivilen zu militärischen Gütern streben Sie an?Einen Zielwert haben wir nicht definiert. Wichtig ist, dass wir in allen Technologiebereichen, in denen wir führend sein wollen, eine kritische Grösse haben. Damit wir unsere militärischen Fähigkeiten aufrechterhalten können, sind wir auf das zivile Geschäft angewiesen.

Was heisst das konkret?Nehmen wir das Beispiel Flugzeugstrukturbau. Mindestens 90 Prozent des Geschäfts stammen aus dem zivilen Bereich. Der mit Abstand grösste Kunde ist Airbus. Fast jedes Passagierflugzeug von Airbus fliegt mit Ruag-Teilen. Von Saab haben wir nun Ende November den Auftrag zur seriellen Fertigung der Nutzlastaufhängungen für den Gripen ­erhalten, obwohl die Schweiz das Kampfflugzeug selber nicht beschafft. Diesen Auftrag habenwir nur erhalten, weil wir im zi­vilen Bereich konkurrenzfähig sind.

Bis wann fliegt auch fast jede Maschine von Boeing mit Ruag-Komponenten ?(lacht) Hoffentlich bald. Wir kämpfen darum, dass wir auch das zivile Geschäft von Boeing beliefern können. Im militärischen Bereich produzieren wir für ­Boeing ja bereits gewisse Teile für den F/A-18 Super Hornet.

Als Ingenieur und Physiker würde man Sie eher in der Forschung als im Management erwarten. Was reizt Sie am CEO-Posten?Für den Chef der Ruag ist es sicher kein Nachteil, wenn er ein breites technisches Grundverständnis hat. Was mich an der CEO-Position reizt, ist, dass man die einmalige Gelegenheit hat, zusammen mit talentierten Menschen einen faszinierenden Konzern weiter zu entwickeln. Was das ansonsten normale Unternehmen Ruag besonders macht, ist, dass wir ein wichtiger Teil des Sicherheitsverbundes Schweiz sind. Das gibt unserer Arbeit zusätzlich Sinn.

Die Ruag ist in vielen Bereichen aktiv und in 13 Ländern auf fünf Kontinenten präsent. Ist es ein Vorteil oder eher ein Nachteil, dass die Firma in Staatsbesitz ist?Das wird von vielen, gerade auch staatlichen Kunden geschätzt. So müssen sie nicht befürchten, dass plötzlich ein chinesischer Konzern das Unternehmen kauft und sich so Zugang zu Know-how verschafft. Ohne den Ankeraktionär Schweiz wären wir etwa bei der United Launch Alliance, einem US-Hersteller von Trägerraketen, nicht zum Zug gekommen.

Ein Firmenberater würde Ihnen wohl dringend empfehlen, das Ruag-Konglomerat zur Effizienzsteigerung aufzuspalten. Was entgegnen Sie ihm?Ich sage ihm, dass wir eben auch grosses Synergiepotenzial haben. Ein interessantes Beispiel ist das neue Herstellungsverfahren für Nutzlastverkleidungen von Trägerraketen wie der Ariane. Entwickelt haben wir das Verfahren ursprünglich, weil wir Flügel für Windkraftanlagen produzieren wollten. Dieses Projekt war zwar ein Flop. Doch das Verfahren selber setzen wir in Emmen in der soeben eröffneten Halle mit Erfolg im Weltraumbereich ein.

Stimmt es , dass heute Innovationen kaum mehr aus dem militärischen Bereich kommen?Durchaus. Am deutlichsten ist das vielleicht im Bereich der Robotik. Wir haben ein Programm, in dem wir uns mit unbemannten Landfahrzeugen befassen. Goo­gle ist hier weit voraus und investiert massiv in die Forschung. Da ist es nicht sinnvoll, dass wir etwas Eigenes entwickeln.

Sondern?Für uns geht es vielmehr darum, zu verstehen, was Google macht, und dann diese Technologien zu militarisieren. Das heisst, dass wir die Technologie sicher und zuverlässig machen, indem wir sie zum Beispiel gegen Cyberangriffe schützen und gegen Schläge, Sandstürme oder extreme Temperaturen resistent machen.

Wie findet ein Technologiekonzern wie die Ruag die benötigten Fachleute in der Schweiz?Einerseits investieren wir viel in die Berufsbildung. Wir bilden über 400 junge Leute in technischen Berufen aus, etwa Kons­trukteure, Informatiker oder Polymechaniker. Dabei versuchen wir, die Qualität sowohl der Lernenden als auch der Ausbildung laufend zu verbessern. Deshalb bilden wir jedes Jahr ein Team aus den besten Lernenden, die wir dann auf die Schweizer Meisterschaften vorbereiten. Daneben unterstützen wir Lernende, die eine Fachhochschule absolvieren möchten.

Und anderseits?Wir pflegen gezielt Beziehungen zu den Hochschulen und ermöglichen auch Diplomarbeiten oder Semesterarbeiten von Studenten. Bei den technischen und ­naturwissenschaftlichen Berufen zählt die Ruag zu den beliebtesten Arbeitgebern der Schweiz.

Sind Sie auf Fachleute aus dem Ausland angewiesen?Selbstverständlich. Viele unserer Spezialisten in der Schweiz sind Ausländer. Auch der Verwaltungsrat und die erweiterte Konzernspitze sind international zusammengesetzt.

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