«Preiserhöhungen wären dieses Jahr fehl am Platz»

Die SBB wollen die Ticketpreise dieses Jahr nicht erhöhen. Der Zeitpunkt wäre angesichts der unsicheren Wirtschaftslage falsch, sagt CEO Andreas Meyer. Er kontert zudem Kritik an der neuen Chipkarte Swiss Pass.

«Mit unseren Smartphones geben wir jeden Tag Datenberge in der Grösse des Matterhorns ab. Die Datenspuren des Swiss Pass sind im Vergleich dazu kleiner als eine Ameise»: SBB-Chef Andreas Meyer.

«Mit unseren Smartphones geben wir jeden Tag Datenberge in der Grösse des Matterhorns ab. Die Datenspuren des Swiss Pass sind im Vergleich dazu kleiner als eine Ameise»: SBB-Chef Andreas Meyer.

(Bild: Keystone)

Mirjam Comtesse

Herr Meyer, der Bundesrat hat gestern den SBB die Schau gestohlen und die wichtigsten Geschäftszahlen 2014 bereits bekannt gegeben. Wie sehr haben Sie sich geärgert?
Andreas Meyer: Ich habe mich gar nicht geärgert. Ich musste vielmehr lachen. Solche Pannen passieren nun mal. Solange es sich nur um ein Kommunikationsproblem handelt und nicht um einen Unfall, ist das nicht schlimm.

Die Nettoverschuldung der SBB wuchs im vergangenen Jahr erneut. Nun beträgt sie besorgniserregende 7,72 Milliarden Franken. Wie wollen Sie diesen Berg abbauen?
Die Nettoverschuldung ist zum Glück weniger stark gestiegen als im Vorjahr. Wir wollen künftig vor allem unsere Effizienz erhöhen. Im Personenverkehr beträgt die durchschnittliche Auslastung unserer Züge 30 Prozent. Das ist relativ wenig. Falls es uns gelingt, die Kundinnen und Kunden vermehrt dazu zu verlocken, zu den Nebenverkehrszeiten zu reisen oder weniger ausgelastete Strecken zu nutzen, werden wir die Verschuldung stabil halten können. Und wir werden die Preisschraube nicht weiter anziehen müssen.

Sie betonen, dass Sie dieses Jahr keine Preiserhöhungen anstreben. Die hohe Nettoverschuldung würde aber dafür sprechen.
Der Zeitpunkt wäre nicht richtig. Der starke Franken belastet die Schweizer Wirtschaft, da wären einerseits Preiserhöhungen im Güter- wie auch im Personenverkehr fehl am Platz. Andererseits wollen wir angesichts der zurzeit niedrigen Benzinpreise wettbewerbsfähig bleiben. Definitiv über Preiserhöhungen entscheiden wird der Verband öffentlicher Verkehr im April.

Wenn die Tickets dieses Jahr nicht teurer werden, wie sieht es dann nächstes Jahr aus?
Die Entwicklung in den nächsten Jahren hängt vor allem von zwei Faktoren ab. Erstens davon, wann und in welchem Umfang wir mehr Geld für die Benutzung des Schienennetzes zahlen müssen, und zweitens davon, wie sehr es uns gelingt, die Effizienz zu steigern.

Wie wollen Sie denn erreichen, dass die Leute mehr zu den Nebenverkehrszeiten reisen?
Das gelingt uns teilweise schon heute, indem wir etwa in unserer App anzeigen, wie ausgelastet ein Zug wahrscheinlich sein wird. Zusammen mit anderen grossen Arbeitgebern wie der Post, der Swisscom und dem Bund probieren wir auch, die Arbeitszeiten wo möglich zu flexibilisieren. Dabei stellen wir sehr positive Auswirkungen fest: Einerseits werden die stärker belasteten Züge weniger genutzt, andererseits sind die Angestellten motivierter, weil ihre Work-Life-Balance besser stimmt.

Arbeiten Sie auch von zu Hause aus oder unterwegs?
Ja, noch vor einigen Jahren ging ich deutlich früher ins Büro, um dort meine Unterlagen zu studieren. Heute kann ich am Morgen bei mir daheim Dokumente herunterladen und arbeite ein wenig, bevor die Familie zum Frühstück kommt. Manchmal reicht es sogar, noch etwas Sport zu machen.

Sie haben gesagt, Sie wollten die Effizienz steigern. Bedeutet das auch Personalabbau?
Natürlich wollen wir sparen, aber die Kunden sollen nichts davon spüren. In vielen Bereichen sind wir auf genügend Mitarbeiter angewiesen. Das betrifft zum Beispiel die Transportpolizei und die Zugbegleiter. Daran wollen wir nichts ändern.

In welchen Bereichen könnten Sie auf Mitarbeiter verzichten?
Wir versuchen generell, die Personaldecke stabil zu halten. Im Unterhalt und in der Infrastrukturplanung benötigen wir sogar mehr Mitarbeiter, um das Bahnnetz in einem guten Zustand zu erhalten. Generelle Abbaupläne gibt es keine. Wir schauen aber, wo wir Abgänge eventuell nicht ersetzen müssen.

In den letzten Wochen machten die SBB vor allem mit der neuen Chipkarte Swiss Pass von sich reden. Was sagen Sie zu den Befürchtungen, die SBB könnten damit Kunden ausspionieren?
Beim Swiss Pass handelt es sich um eine einfache Chipkarte. Wir können damit höchstens erkennen, dass beispielsweise eine bestimmte Person um 10.07 Uhr im Wankdorf dem Zugbegleiter das Billett gezeigt hat. Diese Daten verwenden wir nur in unserem Kerngeschäft und nur für zusätzliche Services, etwa um die Prognose zu verbessern, wie ausgelastet bestimmte Züge sind. Dies tun wir anonymisiert, und die Daten werden auch nicht weiterverkauft. Falls jemand dennoch nicht einverstanden ist, benutzen wir die Daten überhaupt nicht. Erlauben Sie mir auch den Vergleich mit anderen Lebensbereichen: Mit unseren Smartphones geben wir jeden Tag Datenberge in der Grösse des Matterhorns ab. Die Datenspuren des Swiss Pass sind im Vergleich dazu kleiner als eine Ameise.

Kritisiert wird auch, dass der Swiss Pass nur sehr wenig biete angesichts dessen, wozu die Technologie schon fähig wäre. Liegt dies daran, dass man sich im Verband öffentlicher Verkehr nicht darauf einigen kann, was man genau will?
Ich glaube, es ist schon ein sehr grosser Schritt, dass wir uns im Verband auf ein Medium einigen konnten. Und ich bin überzeugt, dass der Swiss Pass eine Dynamik in der gesamten Branche auslösen wird: Die verschiedenen Unternehmen und Verbände des öffentlichen Verkehrs dürften ihre Benutzungsregeln zunehmend angleichen und ihre Tarifsysteme vereinfachen. Die Weichenstellung ist also bedeutend. Ich gehe auch davon aus, dass die Chipkarte in zwei Jahren durch eine App auf dem Smartphone ergänzt wird.

Gleichzeitig mit dem Swiss Pass wird die neue Regel eingeführt, dass Halbtax und Generalabonnement nach einem Jahr automatisch verlängert werden. Das verärgert viele.
Wenn ich mich umhöre, dann stelle ich fest, dass viele dieses Angebot als Erleichterung empfinden. Schon heute erneuern 60 Prozent der Kunden ihr Abonnement nahtlos. Ausserdem kann man bereits beim Kauf festhalten, dass man keine Verlängerung wünsche und das GA oder das Halbtax nur für ein Jahr gelten solle. Alle anderen werden zwei Monate vor Ablauf des Abos über die automatische Verlängerung informiert.

Berner Zeitung

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