Postchef hat Chance verdient

Roberto Cirillo ist beim gelben Riesen dann erfolgreich, wenn er die neue Rolle rasch akzeptiert.

Jon Mettler@jonmettler

Die Ernennung von Roberto Cirillo als neuer Chef der Schweizerischen Post löst keine Begeisterungsstürme aus. Zu unbekannt, zu wenig Erfahrung im Service public und kaum vernetzt in Bundesbern lauten die Vorbehalte. So steht eine unangenehme Frage im Raum: Hat sich der Verwaltungsrat des gelben Riesen um Urs Schwaller eine Fehlbesetzung geleistet? Und das gerade jetzt, wo das Unternehmen mit dem Postauto-Skandal die schwerste Krise in der 169-jährigen Geschichte durchläuft.

Für Cirillo gilt derselbe Grundsatz wie für jede andere Person, die eine neue Verantwortung übernimmt: Der 47-Jährige hat eine Chance verdient und soll nach seinen Leistungen bewertet werden. Im Umfeld eines Staatsbetriebs wie der Post gibt es genug Instanzen, die eine Kontrollfunktion wahrnehmen: die Eidgenossenschaft als Hauptaktionär, der Verwaltungsrat, die Gewerkschaften, Politik, Kunden und Mitarbeiter.

Sie alle haben hohe Erwartungen an den neuen Postchef, wenn dieser am 1. April 2019 seine Funktion antritt. Drei Baustellen erfordern seine besondere Aufmerksamkeit. Er muss das erschütterte Vertrauen in die Schweizer Institution Postauto wiederherstellen. Zweitens muss er den Abbau beim Poststellennetz so gestalten, dass er die Bedürfnisse von Politik und Bevölkerung erfüllt. Schliesslich hat er die Digitalisierung bei der Post weiterzutreiben, damit das Unternehmen konkurrenzfähig bleibt.

Die Subventionstricks lassen sich zurückverfolgen

Mit Blick auf die Postauto-Affäre macht es Sinn, eine unbekannte und damit auch unverbrauchte Führungskraft von aussen zu holen. Cirillo ist kein Post-Eigengewächs und kann damit unvoreingenommen auf die Vorgänge bei Postauto reagieren. Die Subventionstricks lassen sich bis in die späten 1990er-Jahre zurückverfolgen. Sie sind Ausdruck für ein fehlendes Unrechtsbewusstsein. Der neue Postchef hat es in der Hand, diese Art der Firmenkultur auszumerzen. Er kann dies ohne Scheuklappen tun.

Die Post steht aber auch für einen umfassenden Service public. In diesem Bereich weist der berufliche Lebenslauf des neuen Postchefs Schwächen auf. Seine Karriere begann Cirillo in Zürich beim Beratungsunternehmen McKinsey. Es folgten weitere Stationen bei international tätigen Unternehmen aus dem Ausland, weit weg von der Schweiz. Die ehemaligen Arbeitgeber von Cirillo haben eines gemeinsam: Es sind privatwirtschaftlich organisierte Firmen, die das Streben nach Gewinn als oberstes Ziel verfolgen.

Verluste für Service public

Bei der Post sehen die Aufgaben des gebürtigen Zürchers anders aus. Zwar hat er den Regiebetrieb nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen zu führen und branchenübliche Renditen zu erzielen. Aber Cirillo ist eben auch verantwortlich für eine gute Grundversorgung mit Postdiensten und Angeboten des Zahlungsverkehrs. Als Postchef wird er sich im Spannungsfeld zwischen politischen Vorgaben, öffentlichen Ansprüchen und ökonomischen Realitäten bewegen. Gerade beim Poststellennetz nimmt die Firma Verluste hin, um einen Service public zu gewährleisten. Für einen ausgewiesenen Manager wie Cirillo muss das stossend sein.

Er wird in seiner neuen Funktion nur dann erfolgreich sein, wenn er eines schnell schafft – den Rollenwechsel von der zahlengetriebenen Führungskraft aus der Privatwirtschaft zum massvollen Chef eines staatsnahen Betriebs.

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