Patricks Paradies

Jahrelang wurde Millionenerbe und Multiunternehmer Patrick Liotard-Vogt zum erfolgreichen Geschäftsmann hochgejubelt. Doch jetzt bekommt sein Image Risse.

«Es ist mir nach wie vor möglich, drei warme Mahlzeiten am Tag zu geniessen», sagt Liotard-Vogt. (Getty Images)

«Es ist mir nach wie vor möglich, drei warme Mahlzeiten am Tag zu geniessen», sagt Liotard-Vogt. (Getty Images)

Simone Rau@simonerau

PLV mag Brioni-Anzüge und Businessjets, Erdbeerkuchen, französische Literatur und Pferde. Was er nicht mag: Arroganz, Unehrlichkeit, Stau, Ananas und Tierquälerei. Das verrät PLV, der mit vollem Namen Patrick Liotard-Vogt heisst, 2009 dem «SonntagsBlick». Da ist er 24 und gilt bereits als erfolgreicher Jungunternehmer.

Der Millionenerbe, Netzwerker und Jetsetter wohnt damals zur Hälfte in der elterlichen Villa in Stäfa, zur Hälfte in seinem Appartement in New York. 21. Strasse, drei Schlafzimmer, vier Badezimmer, eine Terrasse mit Blick auf das Empire State Building. Er kauft dem Filmproduzenten Harvey Weinstein Anteile an der Onlineplattform A Small World ab, ein soziales Netzwerk für Reiche, das nur auf Einladung zugänglich ist. Ein konkreter Kaufpreis für die Firma wird nicht genannt, man spricht von einem zweistelligen Millionen-Dollar-Betrag.

Eine weitere Geschäftsidee Liotard-Vogts: Silkmed Hand Sanitizer, ein schickes Desinfektionsgel für die Handtasche. Ende 2008 lanciert, erweist es sich rasch als Renner – der Schweinegrippe, die 2009 grassiert, sei dank. Apotheker und Drogisten bestellen massenhaft, ebenso Deutsche und Chinesen, wie der Unternehmer «20 Minuten» erzählt. Insgesamt lägen ihm «Bestellungen im Umfang von 50 Millionen Franken» vor.

«Stil, Eleganz, Klasse»

Der Mann mit den roten Haaren und den blassen, hellblauen Augen ist zudem Gründer und Geschäftsführer von The World’s Finest Clubs, einer Mitgliedskarte, die für einen jährlichen Betrag von 2000 Euro Einlass in die «exklusivsten Clubs rund um den Globus» gewährt. Das Startkapital von 40'000 Franken hat er von seinen Eltern erhalten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten will bald so mancher die schwarze Memberkarte in den Händen halten, wie Liotard-Vogt Journalisten erzählt, er verdient Geld. Die Clubs wählt er allesamt persönlich aus ? ganz nach dem Motto: «Stil, Eleganz, Klasse.» Er suche nach Orten, die «meine Welt widerspiegeln», sagt er dem «Tages-Anzeiger».

Überhaupt berichten die Medien jetzt viel und gut über ihn. «König der Klubs» nennt ihn die «NZZ am Sonntag», für die «Handelszeitung» ist er der «Shootingstar des Schweizer Jetsets». Die «Huffington Post» nennt ihn gar «the Swiss Mogul». PLV gibt Interviews hier und da, er zeigt sich selbstbewusst («Ich diskutiere nicht beim Essen, nicht beim Wein und nicht beim Fliegen») und doch bescheiden («Mit der Migros-Kreditkarte bezahle ich meine Rechnungen in Hotels»). Er trifft Bill Clinton und viele berühmte Frauen, Beyoncé etwa, Paris Hilton – oder Liliana Matthäus.

Im Jahr 2010 wird Liotard-Vogts Welt, die von Haus aus eine exklusive ist, um eine Dimension reicher. Der Sprössling einer alten, sehr wohlhabenden Unternehmerfamilie vom Zürichsee übernimmt von der Citibank gemeinsam mit Partnern das Kreditkartengeschäft von Diners Club in Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein. Damit ist dem Enkel und Urenkel zweier Nestlé-Chefs «der nächste grosse Coup» gelungen, wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt. Denn immerhin war Diners Club in den 1950er-Jahren die erste weltweite Kreditkarte und damit entsprechend exklusiv.

Liotard-Vogts Maxime ist auch hier: Diners Club soll eine Karte für Premiumkunden sein. Oder besser: wieder werden, denn mittlerweile beherrschen die Konkurrenten Mastercard, Visa und American Express den Markt, das Image von Diners Club gilt als verstaubt. Vorerst agiert PLV im Hintergrund; erst 2012 wird er Verwaltungsratsmitglied.

Das Schweizer Fernsehen widmet dem «Goldjungen» im Herbst 2010 eine «Reporter»-Sendung. In 40 Firmen habe er investiert, 200 Arbeitsplätze geschaffen. Wie viel setzt PLV um? Wie rentabel sind seine Geschäfte? Was verdient er? Und ist seine Familie beteiligt? Antworten liefert die Fernsehsendung wenige – dafür umso mehr Bilder von beeindruckendem Wohlstand. Liotard-Vogt im Fünfsternhotel, in der Villa der Eltern in Stäfa, auf der Jacht seines griechischen Jugendfreundes, den er im Nobelinstitut Le Rosey am Genfersee kennen gelernt hat. «Impressionen der Jeunesse dorée halt», schreibt der TA-Kulturredaktor in einer Rezension. Es sei Liotard-Vogt ganz offensichtlich wichtig, sich seines Namens würdig zu erweisen und nicht bloss die Millionen zu verprassen, die ihm in die Wiege gelegt worden sind. PLV sei sozusagen der «Anti-Hirschmann: ernst, tüchtig, einfallsreich».

Anzeige gegen Carl Hirschmann

Überhaupt grenzt sich Liotard-Vogt von seinem Bekannten Hirschmann ab, wo er nur kann: Er übernachte gern im Dolder Grand, glaube aber nicht, dass er sich «hier oben einmal ein Hausverbot einhandeln werde», sagt er etwa zur «Handelszeitung». Hirschmann ist eben dies passiert. 2008 geraten sich die Millionenerben in der Toilette eines Gstaader Clubs derart in die Haare, dass Liotard-Vogt eine Anzeige wegen «Körperverletzung und versuchter Gefährdung des Lebens» gegen Hirschmann einreicht. Gemäss einem Insider einigen sich die beiden später «unter Männern»; Liotard-Vogt zieht die Anzeige zurück, das Verfahren wird eingestellt.

Noch letztes Jahr berichten die Medien wohlwollend über PLV. Bei der Vergabe des Startups.ch-Award belegen sechs Kantonsschüler aus Zürich-Hottingen mit ihrem Projekt nur den zweiten Rang. Dennoch erhalten sie von Jurymitglied Liotard-Vogt und seinem PR-Berater Sacha Wigdorovits, der ebenfalls in der Jury sitzt, einen Publikumspreis in der Höhe von 20'000 Franken spendiert.

Eineinhalb Jahre später ist von Liotard-Vogts Ruhm nicht mehr viel übrig ? zumindest in den Medien. Vorgestern Donnerstag berichtet die «Handelszeitung», der mittlerweile 29-Jährige habe sich in die Karibik abgesetzt, konkret nach St. Kitts. In Stäfa am Zürichsee sei er abgemeldet, zurück blieben hohe Betreibungen. David Degen, dem bekannten Fussballer des FC Basel, schulde er 1,5 Millionen Franken, dem US-Unternehmen JCR ASW Holdings weitere 1,6 Millionen. Sogar seine eigene Kreditkartenfirma Diners Club betreibe PLV über 1,15 Millionen Franken. «Jetsetter Liotard abgetaucht», titelt der «Blick». Auf der Karibikinsel besitzt Liotard-Vogt seit letztem Sommer 40 Prozent der Aktien einer Luxusferienanlage. Kittian Hill befindet sich derzeit noch im Bau; die Kosten belaufen sich laut PLV auf 560 Millionen Franken. Geplant sind unter anderem private Villen, ein Boutiquehotel sowie ein Golfplatz.

Im Gespräch mit dem TA betont der 29-Jährige, er sei «keinesfalls nach St. Kitts geflüchtet». Vielmehr habe er die Insel in den letzten zwei Jahren fast monatlich besucht, um mit der Regierung zu verhandeln. Diese habe das Hotelprojekt mitlanciert und stets unterstützt. Im Juli 2013 habe er die Anteile des staatsnahen Entwicklungsfonds «Sugar Industry Diversification Foundation» schliesslich für einen Kaufpreis von 20 Millionen Dollar erworben – «meine bisher grösste Investition», sagt PLV. Umso mehr liege sie ihm am Herzen: «Ich bin auf St. Kitts seit September daheim. Das war seit langem so geplant. Wer mir nicht glaubt, darf mich gern besuchen.»Was ist an den Uneinigkeiten mit Fussballer Degen und den anderen zwei Gläubigern dran? Er diskutiere diese nicht mit der Presse, sagt PLV. Sowieso habe Degen, mit dem er befreundet sei, die Betreibung in der Zwischenzeit zurückgezogen. Das ist laut dessen Anwalt korrekt: Die Parteien stünden mit Bezug auf Degens Forderungen in privaten Verhandlungen. Der Fussballprofi selbst wollte sich gegenüber dem TA nicht äussern.

«In naher Zukunft klar werden»

Weiterhin hängig sind die Betreibungen der Firmen Diners Club und JCR ASW Holdings. Zweitere gehört Joe Robinson, dem einstigen CEO der Onlineplattform A Small World. Bei Diners Club gebe es tatsächlich «Unstimmigkeiten», sagt PLV. Er könne nur so viel sagen: «In naher Zukunft wird allen klar werden, woher diese herrühren.» Und: Er habe sich in letzter Zeit zu wenig um die Firma gekümmert, in Zukunft wolle und müsse er «sich mehr auf meine wichtigen Investitionen fokussieren». Weder Anthony Helbling, der Verwaltungsratspräsident von Diners Club, noch die drei im Juli 2013 zurückgetretenen Verwaltungsratsmitglieder waren gegenüber dem TA zu einer Stellungnahme bereit. Laut gut informierten Quellen soll es um die finanzielle Lage der Firma nicht gut stehen.

Die Forderung von Joe Robinson ist laut PLV pfandgesichert. Komme das Gericht zum Schluss, er müsse die geforderten 1,6 Millionen zahlen, gehe das Geld automatisch an den Gläubiger. Derzeit sei der Entscheid noch offen; zudem habe auch er «verschiedene Forderungen» an Robinson gestellt. Bereitwillig Auskunft gab gestern Kolumnist Mark van Huisseling (MvH), ein Freund von PLV: «Patrick ist einer, der begeistern kann und sich begeistern lässt. Mein Eindruck ist, dass er zuhört – dann aber seinen eigenen Entscheid fällt.» Er halte ihn für fleissig. «Manchmal zielt er für meinen Geschmack etwas zu hoch, wo ich in Millionen denke, denkt er in Milliarden», sagt van Huisseling. Ein Besserwisser sei PLV deswegen aber noch lange nicht: Er könne zugeben, dass er von etwas noch nie gehört habe.

Liotard-Vogt, der mit 17 die Schule schmiss, später das Handelsdiplom machte und dann einen Bachelor in Banking & Finance, sagt: «Ich bin Unternehmer. Es wird immer Geschäfte geben, die gut laufen, und andere, die schlecht laufen.» Die gegenwärtig diskutierten Unstimmigkeiten gäben seine «aktuelle finanzielle Situation in keiner Weise wieder». Es sei ihm nach wie vor möglich, «drei warme Mahlzeiten am Tag zu geniessen».

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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