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Panik, Crash und Pleiten: Die Geschichte der Wallstreet

Der Wilde Westen liegt im Osten, an New Yorks Wallstreet. Sie ist eine Bühne der Träume und Tragödien, sie zerstört und erfindet sich immer wieder von neuem.

Rationales Understatement war der Wallstreet noch nie zu eigen.
Rationales Understatement war der Wallstreet noch nie zu eigen.

Chaos! Und ganz im Sinne des Ökonomen Joseph Schumpeter wird kreativ zerstört, bis von fünf New Yorker Investment-Banken lediglich zwei überleben. Was Wunder also, wenn die Welt gebannt auf die Wallstreet starrt, wo am Montag im Gefolge der Lehman-Pleite sowie allgemeiner pekuniärer Zittrigkeit die Kurse abschmolzen, dass es eine Pracht war. Und während sich George W. Bushs Finanzminister Hank Paulson entschuldigte, er könne leider nur mit den Karten spielen, die ihm ausgehändigt worden seien, und Senator McCain versprach, den Augiasstall an der Wallstreet auszumisten, gewahrte Peter Kenny, Managing Director des Geldhauses Knight Capital Group, gar einen Urknall: «Eine neue finanzielle Weltordnung» werde geboren, so Kenny.

Geld und Leben verlieren

Der New Yorker Aufruhr aber hat Tradition: Seit Obligationen- und Aktienhändler an der Wallstreet vor über zwei Jahrhunderten unter freiem Himmel mit Papierwerten zu handeln begannen, knirscht und kracht es im Gewerbe, machen Banken zu und werden Heroen des Dollars über Nacht zu Asylanten im Armenhaus. Panik, Crash und Pleite: Wie Perlen an einer Kette ziehen sie sich durch die Geschichte der Wallstreet als Grossereignisse, deren Opfer ihr Geld und bisweilen ihr Leben verloren. Bei der Panik von 1907 wurde New Yorks Knickerbocker-Bank durch einen Sturm der Bürger auf ihre Konten untergepflügt, worauf sich zuerst der Direktor des Geldinstituts und später einige der Investoren und Anleger umbrachten. Die Wallstreet, so benannt, weil die Mauer des Gründers von New York, Peter Stuyvesant, gegen feindliche Indianer an ihr vorbeiführte, ist mithin eine Bühne, auf welcher gleichermassen amerikanische Träume wie Tragödien zu besichtigen sind.

Sie nannten ihn «den Gorilla»

Und stets ist dieses Panoptikum bevölkert von überlebensgrossen Charakteren, Figuren wie Richard Fuld, dem Top-Mann der nun eiligst beerdigten Investment-Bank Lehman Brothers, den sie in New York seiner aggressiven Art wegen «den Gorilla» nannten. Oder Jeffrey Beck, der sich als Investment-Banker in den Neunzigern eine virtuelle Realität im Stil von Thomas Manns Hochstapler Felix Krull erfand und als Vietnam-Kämpfer mit Verbindungen zur CIA und einem milliardenschweren Geldimperium auftrat, ehe er enttarnt wurde. Oder William Duer, der 1792, als die Wall- Street in ihren Babyschuhen steckte, den ersten Finanzskandal auslöste und dafür bis zu seinem Tod im Gefängnis einsass. Präsident George Washington war bei Duers Hochzeit zugegen, ein Gast im Hause des Finanziers berichtete, Duer lebe «im Stil eines Aristokraten» und serviere «nicht weniger als fünfzehn verschiedene Weine».

Eine Million hier, zehn Millionen dort

Mehr als zwei Jahrhunderte später ist noch immer Opulenz angesagt, wenn die Könige der Street zum Dinner für 5000 Dollar aufbrechen – der Wein treibt den Preis! –, um standesgemäss ihre Jahresboni zu feiern: eine Million hier, zehn Millionen dort. Es versteht sich, dass der Rest der Nation dieses Treiben mit gemischten Gefühlen begafft: «Main Street», also die Hauptstrasse der amerikanischen Kleinstadt, weiss nicht so recht, was sie von «Wall Street» halten soll, deren pekuniäre Exzesse zwar faszinierend sind, zuweilen jedoch den populistischen Verdacht schüren, die New Yorker Finanztruppe agiere auf dem Rücken des gemeinen Bürgers. «Habgier ist gut», verkündete Michael Douglas in Oliver Stones Streifen «Wall Street» in den wilden Achtzigern, da die Street finanziellem Rock'n'Roll inklusive Koks anheim gefallen war und Firmen übernommen und zu neuen Firmen zusammengeschmiedet wurden, bis staunenswerte Mega-Deals für fette Schlagzeilen sorgten.

Der Wilde Westen im Osten

Der Wilde Westen lag nämlich schon immer im Osten, in Manhattan, wo seit den Gründungswehen der amerikanischen Republik Panik auf Panik und Crash auf Crash folgte: 2008 auf 2000, 1987 auf 1929, 1907 auf 1893, 1873 auf 1869 und 1857 und so weiter und so fort. Verdankte sich das Drama der amerikanischen Spielernatur mit ausgewiesener Lust am Risiko? Oder tobte sich hier jene Habgier aus, die Alexis de Tocqueville nach seiner Reise im Jahr 1831 durch das junge Land beschrieb? «Zivilisation und Profite gehen Hand in Hand», tönte Präsident Grover Cleveland in den verrückten Zwanzigern, derweil schon Benjamin Franklin beteuert hatte, nur Geld sei «süsser als Honig». Moralapostel wie der nachdenkliche Neuengländer Henry David Thoreau mochten maulen, das Streben nach Geld führe «unweigerlich nach unten», der amerikanischen Seele näher kam freilich der schwerreiche Vincent Astor, indem er seine Landsleute informierte, jeder Dollar sei «ein Soldat, der sich für dich einsetzt».

Nirgendwo kämpften diese «Soldaten» aufopferungsvoller als an der Wall- street, wo eine Truppe von Hasardeuren stets neue und zusehends esoterische finanzielle Instrumente erfand und diese in alle Welt exportierte. Ging die Sache gut, wurden die Akteure zu Halbgöttern verklärt: Reichtum findet in den Vereinigten Staaten mehr Bewunderer als anderswo, weshalb Spekulanten und Finanzjongleure wie Jay Cooke, die Vanderbilts oder Jay Gould («der moderne Midas»), ja selbst der miesepetrige John Pierpoint Morgan, bereits im Jahrhundert von Marx und Engels der Status von Celebrities zufiel, obschon sie und andere New Yorker Kapitäne des Kapitals Investoren und manchmal sogar die Nation dank eines profunden Mangels staatlicher Aufsicht nach Strich und Faden übers Ohr hauten. Selten nur entlud sich der Volkszorn über den New Yorker Hochverdienern und kaum einmal so eindrücklich wie 1869, als Gould den Goldmarkt manipulierte, dabei erwischt wurde und vor einer aufgebrachten Menge flüchten musste.

Die Halbgötter von der Wallstreet

Doch je älter die Wallstreet wurde, desto erfolgreicher polierten die Männer des Geldes ihr Image, bis sie, wie beispielsweise Sandy Weill, der vormalige Citibank-Vorstand, ihre Milliarden leichterdings mit Verweis auf ihr Genie und ihr Mäzenatentum rechtfertigen konnten – und dabei die Unschuld vom Lande gaben, wenn die Legitimität ihrer Macht hinterfragt wurde. Als J.P. Morgan, der Grossmeister finanziell-industrieller Konglomerate und bedenklicher Interessenverfilzung (Morgan und ein Dutzend seiner Bankiers besetzten 72 Aufsichtsratsposten in 47 Unternehmen) 1912 vor dem Washingtoner Kongress Rede und Antwort stand, resignierte sein Befrager Samuel Untermyer: «Ihre Macht, wie auch immer geartet, erscheint Ihnen vollkommen unbewusst, nicht wahr?» Darauf Morgan: «Das stimmt, Sir – wenn es denn der Fall ist.»

Wer konnte es den Halbgöttern der Street verdenken, wenn sie sich als Ausnahmeerscheinungen wähnten? Immerhin begleiteten und förderten sie und ihre Banken den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur unangefochtenen Weltmacht und schufen dabei «Reichtum», so der Anspruch des Junkbond-Rastellis Michael Milken vor seiner Verurteilung und dem nachfolgenden Bankrott seines Arbeitgebers, der Investment-Bank Drexel Burnham Lambert, im Jahr 1990. Wiederholt aber kreierte die Wallstreet nicht Reichtum, sondern den Anschein von Reichtum wie etwa in den zwanziger Jahren, als erstmals der kleine Mann an der Börse mitspielte und damit dem Beispiel von schillernden Figuren wie William Durant folgte, die mittels spekulativer Manöver im Handumdrehen zig Millionen Dollar wert waren.

«Die Wallstreet legt ein Ei»

Als sich der Schaum aufgelöst hatte und die Börse im Oktober 1929 abgestürzt war, näherte sich die Zeitschrift «Variety» dem Malheur mit der Überschrift «Die Wallstreet legt ein Ei». Daraus schlüpften die Weltwirtschaftskrise samt einem nationalen Trauma. Erst in der Ära Eisenhower (1953–61) machten die Aktienkurse an der Wallstreet jenen Boden wieder gut, den sie 1929 verloren hatten.

«Die Situation in New Yorker Hotels ist so, dass die Hotelangestellten eintreffende Gäste fragen, ob sie ein Zimmer zum Schlafen oder zum Springen wollen», witzelte bösartig der Komödiant Will Rogers im November 1929 über die Zahl der Selbstmorde nach dem Crash. Zwar legte Präsident Franklin D. Roosevelt den unregulierten Sumpf an der Wallstreet trocken, doch machten die Banker so lange Druck, bis ihnen einige der rooseveltschen Fesseln wieder abgenommen wurden.

Dass Ivan Boesky 1986 wegen Insider-Handels überführt wurde oder ein Internet-Guru wie Henry Blodget als Analyst schied, nachdem seine E-Mails verraten hatten, dass er die hochfliegenden Kurse der von ihm angepriesenen Aktien als Witz empfand, tat der Begeisterung für die stets exotischeren Produkte der Wallstreet keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Street blieb sich treu und hantierte mit immer verwegeneren Methoden.

Jetzt ist der Preis dafür fällig geworden. Die Wallstreet wird sich gebenenfalls neu erfinden müssen, weil die Aufpasser in Washington mit Entsetzen nach New York blicken, wo die Helfer der Menschheit wieder einmal sich und andere ruinierten – selbstverständlich mit den besten Absichten. «Irrationale Überschwänglichkeit» hatte US-Notenbankchef Alan Greenspan im Blasenjahr 1996 beklagt; überschwängliche Irrationalität aber führte geradewegs auch in die Immobilienkrise. Rationales Understatement war der Wallstreet noch nie eigen – damit liesse sich kaum Geld scheffeln.

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