Zum Hauptinhalt springen

Mit Warren Buffetts Segen

Die Ökonomie des Teilens provoziert Gerichte, Politiker und Berufsverbände. Nun versuchen Firmen wie Airbnb oder Uber erstmals aktiv den Widerstand zu brechen. Und erhalten Unterstützung.

Für den letzten Zwist zwischen Airbnb und der etablierten Hotellerie in den USA sorgte ausgerechnet der Onkel des amerikanischen Kapitalismus – Warren Buffett. Im Vorfeld der Aktionärsversammlung von Berkshire Hathaway griff er die lokalen Hotels in Omaha scharf an und warf ihnen vor, sich an «seinen Jungen» bereichern zu wollen. Buffett taxierte nicht nur die während dem Anlass bis zu dreimal höheren Zimmerpreise als unanständig. Er empfahl seinen Aktionären auch, sich lieber ein günstiges Zimmer via die Internetplattform Airbnb zu reservieren, auf der Private Unterkünfte anbieten. Das lokale Gewerbe schäumte. Doch Buffett liess nicht locker. Er sei eben wie eine Bärenmutter, erklärte er treuherzig, und wolle nicht, dass seinen Jungen etwas Böses geschehe.

Für Airbnb ist das ein willkommener PR-Beitrag, kämpft das Unternehmen derzeit doch an mehreren Fronten gegen Widersacher und Kritiker. Wie dieser Streit ausgeht, ist nicht nur für die USA wichtig. Airbnb ist in 192 Ländern tätig und damit das Pionierunternehmen der sogenannten Sharing Economy – der das Teilen von Gütern als Geschäfts­modell zugrunde liegt. Was Airbnb vormacht, ist für Hunderte von anderen oft sehr kleinen Vermittlerfirmen in Dienstleistungsbranchen wie der Hotellerie, dem Taxi- und Limousinengewerbe oder dem Unterhalt von Hauseinrichtungen wegweisend.

Am härtesten wird der Kampf in New York geführt. Staatsanwalt Eric Schneiderman wollte Airbnb dort zwingen, die Daten seiner Kunden herauszugeben. Er vermutet, dass die meisten der Vermieter mehr als nur eine Wohnung anbieten und somit das Geschäft hauptberuflich betreiben – was illegal wäre. Dieser Tage konnten sich beide Seiten vor Gericht ­einigen. Airbnb übergibt Schneiderman die Daten seiner Kunden für ein Jahr zum Gebrauch. Dies erlaubt es dem Staatsanwalt, gezielt nach illegalen Anbietern zu fahnden und diese vor Gericht zu bringen. Ausserdem schaltet Airbnb eine Warnung auf seiner Plattform auf, wonach das Untervermieten ganzer Wohnungen für weniger als 30 Tage in New York verboten ist. Im Rahmen der Einigung muss Airbnb Verdächtige melden, ist aber nicht verpflichtet, alle persönlichen Angaben ­seiner Kunden auszuhändigen.

Verbote und Proteste

Dieser erste Deal der Ökonomie des Teilens ist nach Ansicht beider Seiten ein Durchbruch. Noch ist New York allerdings eine Ausnahme. Vielerorts sind die Konflikte noch nicht gelöst. In Berlin hat ein Gericht den Taxiservice Uber per einstweiliger Verfügung verboten – mit der Begründung, die privaten Fahrer würden die Taxiunternehmen unterminieren. Ob das Urteil durchgesetzt wird, ist fraglich, da den städtischen Taxi­betrieben offenbar die Mittel fehlen, um allfällige Schadenersatzforderungen von Uber zu zahlen.

Auch in Brüssel erklärte ein Gericht den Uber-Taxidienst für illegal und drohte jedem Fahrer eine Busse von 13'000 Dollar an. In Paris und Mailand kam es zudem zu Protestkundgebungen der etablierten Taxifahrer gegen die ­unregulierte Konkurrenz. Und auch in Berlin ist etwas geplant: Die deutschen Taxifahrer haben für den 11. Juni zu einem Aktionstag gegen den Dienst aufgerufen. In Zürich ist Uber als Limousinendienst verfügbar, bislang ohne den Ärger der Taxifahrer auf sich zu ziehen. In den USA selbst haben schon mehrere Städte Teilverbote eingeführt oder wie Seattle die Zahl der zugelassenen Uber-Fahrer limitiert. Das Gleiche gilt für Lyft, einen Taxivermittlungsdienst mit einem rosa Schnauz als Markenzeichen, der in mehr als 30 US-Städten aktiv ist.

Oft sind es aber nicht die Klagen der etablierten Anbieter, die die Behörden zum Handeln zwingen, sondern die der Beschäftigten. Airbnb-Gastgeber oder Uber-Fahrer sind auf sich allein gestellt, sie tragen die unternehmerischen Risiken, bis hin zur Haftpflicht bei einem Unfall. Solche Praktiken allerdings dürften auf die Dauer nicht haltbar sein, wie die beiden Trendsetter San Francisco und New York zeigen. Uber-Fahrer protestierten hier mehrfach gegen die Arbeitsbedingungen. Sie argumentieren, ihre Notlage in einer Krisenzeit werde ausgenutzt.

Zur Verantwortung gezogen

Auch in der Schweiz ist die rechtliche Lage noch offen. Bei der privaten Zimmervermittlung hat der Zürcher Kantonsrat diesen Frühling gegen den Willen der Regierung eine Motion überwiesen, die eine neue gesetzliche Basis für die Hotellerie schaffen soll, ohne dass Anbieter wie Airbnb verdrängt werden. Zu klären ist unter anderem, ob und wie weit Airbnb und andere Kurtaxen einziehen müssen oder welche Massnahmen sie für die Sicherheit der Gäste treffen müssen. Bern ist hier schon weiter: Laut der «SonntagsZeitung» verschärft Bern als erste Schweizer Stadt ihr Gesetz, um gegen Airbnb-Gastgeber vorgehen zu können, die keine Kurtaxen abliefern. Auch in Genf und Basel arbeitet man an neuen Regeln.

Der öffentliche Druck in den USA und in Europa hat die Firmen in mehreren Fällen auch zu Konzessionen gezwungen. So entfernte Airbnb in New York schon vor dem Deal mehr als 3000 illegale Angebote. Uber versuchte nach einem tödlichen Unfall in San Francisco, die ganze Verantwortung auf den Fahrer abzuwälzen, sieht sich nun aber selber mit einer Klage der Angehörigen konfrontiert. Das Unternehmen hat nun eine Extragebühr eingeführt, um Background-Checks der Vertragsfahrer durchzuführen. Lyft seinerseits bietet seit kurzem eine Versicherung an und will damit die Fahrer während ihrer ganzen Einsatzzeit – nicht nur während aktiven Auftragsfahrten – schützen.

Gütesiegel des Altmeisters

Vorderhand drücken progressive Städte wie San Francisco noch ein Auge zu. Dort werden beispielsweise Vermieterfirmen zugelassen, auch wenn sie nicht voll dem Buchstaben des Gesetzes entsprechen. Dies ist mit dem extrem angespannten Wohnungsmarkt zu erklären, der die Mietpreise in den letzten zwei Jahren auf Rekordhöhen getrieben hat. Im Gegenzug hat die Stadt Airbnb dazu verpflichtet, für sie die Kurtaxe von 14 Prozent bei den Vermietern einzutreiben. Auf Anfang Mai musste Airbnb deshalb die weltweiten Nutzungsbestimmungen anpassen. Das neue Steuer­regime kommt bereits in einer zweiten amerikanischen Stadt zur Anwendung – in Portland, Oregon. Und europäische Metropolen wie Amsterdam oder Hamburg könnten folgen. Indizien dafür, dass sich die Ökonomie des Teilens zusehends dem Preismodell der übrigen Wirtschaft unterordnen muss.

Dafür dürfte nicht zuletzt Warren Buffett sorgen. Er hat Airbnb bereits zugesichert, nächstes Jahr im Voraus günstige Zimmer für seine Aktionäre zu reservieren. Damit gibt der Altmeister den jungen Wilden der Sharing Economy quasi seinen Segen. Sollte es deswegen erneut einen Aufstand der lokalen Hotellerie geben, so hat Buffett bereits angedroht, seine Aktionärsversammlung ins texanische Dallas zu verschieben.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch