Medtech-Firmen profitieren von Uhrenbranche

Ohne Uhrenindustrie gäbe es weder Herzschrittmacher noch chirurgische Instrumente. Für die Zulieferer von Medizinaltechnik und der Uhrenbranche läuft es wieder besser.

Auch in der Medizinaltechnik, im Bild ein Herzschrittmacher, ist das Know-How der Uhrenbranche gefragt. Bild: iStock

Auch in der Medizinaltechnik, im Bild ein Herzschrittmacher, ist das Know-How der Uhrenbranche gefragt. Bild: iStock

Jon Mettler@jonmettler

Der Name des medizinischen Geräts tönt furchteinflössend: Pfanneneinschläger. Das chirurgische Instrument, das wie ein grosser Hebelkorkenzieher aussieht, kommt beim Einsetzen von künstlichen Hüftgelenken zur Anwendung. Der Chirurg treibt mit dem Pfanneneinschläger die künstliche Hüftpfanne ein und richtet sie im Becken korrekt aus. Dann kugelt er den künstlichen Hüftkopf in die Hüftpfanne ein, der im Oberschenkelknochen verankert ist.

Die Micro Precision Systems AG (MPS) in Biel stellt Instrumente wie den Pfanneneinschläger her. Es ist aber nicht der einzige Geschäftsbereich der mittelständischen Firma mit 400 Mitarbeitern. Die MPS produziert auch kleinste Teile für die Uhrenindustrie, etwa Kugellager und Zahnräder. «Die Vielfalt unserer Geschäftsfelder hat uns geholfen, die jüngste Krise in der Uhrenindustrie zu überstehen», sagt Firmenchefin Nicola Thibaudeau mit Blick auf die rückläufigen Exportzahlen von 2015 bis 2016.

Den Weg von MPS haben viele Betriebe aus der Uhrenindustrie eingeschlagen. Mitte des 20. Jahrhunderts stieg eine Reihe von Zulieferern und Manufakturen in die Medizinaltechnik ein. Das nötige Wissen, um hochpräzise und zuverlässige Elemente herzustellen, war vorhanden. Die erwünschten Neben­effekte stellten sich ebenfalls ein: Die Gewinne sprudelten noch mehr, und die Abhängigkeit vom Geschäft mit Uhren wurde kleiner.

Uhrwerk fürs Herz

Prominentes Beispiel für eine Expansion in die Medizinaltechnik ist die Uhrenmarke Tissot. Vor 40 Jahren nutzte das Unternehmen die Expertise ihrer Uhrmacher, um in Zusammenarbeit mit Roche Herzschrittmacher herzustellen. Inzwischen gehört Tissot zum weltweit grössten Uhrenkonzern Swatch Group mit Sitz in Biel. Die Schrittmacher-Sparte ist in der US-Medtech-Firma Boston Scientific aufgegangen. Weil die moderne Medtech-Branche ihren Ursprung in der Uhrenindustrie hat, liegt ihr Schwerpunkt in der Grossregion Bern. Der Wirtschaftszweig beschäftigt hier­zulande 54'000 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Umsatz von 14,1 Milliarden Franken.

Das Know-how der Uhrenbranche ist nach wie vor gefragt. Herzschrittmacher und implantierbare Defibrillatoren, welche lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen mit einem Stromschlag unterbrechen, benötigen Energie. Für die Stromzufuhr sorgen Batterien. Der Nachteil ist, dass diese nicht aufgeladen werden können, weshalb die Geräte im Körper ersetzt werden müssen. Das birgt die Gefahr von Komplikationen.

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Forscher der Universität Bern prüfen einen neuen Ansatz. Ein kleines Gerät aus Magneten und Spulen wandelt die Aktivität des Herzmuskels in elektrische Energie für den Schrittmacher um – ähnlich wie beim Automatik-Uhrwerk am Handgelenk, das durch die Bewegung des Unterarms aufgezogen wird. Das System zur Energiegewinnung des Schrittmachers basiert deshalb auf einem mechanischen Uhrwerk der ETA in Grenchen, einer Tochtergesellschaft der Swatch Group. Ein Uhrmacher unterstützte die Forscher dabei, das Uhrwerk für den Schrittmacher anzupassen. Erste Tests fanden mit einem Schweineherzen statt.

Der Austausch von Technologie funktioniert aber auch in die andere Richtung. Der Genfer Luxusgüterkonzern Richemont mit Marken wie IWC nutzt die Stent-Technologie, um Diamanten an seinen Luxusuhren zu befestigen. Stents sind kleine netzförmige Röhrchen, die in der Medizin als Stütze von verengten Blutgefässen zum Einsatz kommen.

«Ich rechne mit einem Rekordjahr»

Weil die Uhrenexporte im ersten Quartal 2018 stark zugenommen haben, blicken die Zulieferer zuversichtlich in die Zukunft. Ein weiterer Hinweis für ihren Optimismus ist, dass die wichtigste Fachmesse der Branche in der ­Romandie wieder Neuzugänge aus der Schweiz und dem Ausland verzeichnet. «Die Firmen rechnen offenbar mit einem vielversprechenden Geschäftsgang», sagt Messeleiter Alexandre Catton. Auch die Chefin von MPS bestätigt: «Ich rechne mit einem Rekordjahr 2018. 2019 wird vielleicht sogar noch besser», sagt Nicola Thibaudeau.

Der Salon für Präzisionsmechanik findet Mitte Juni in Genf statt. Am Branchentreffen nehmen 850 Aussteller teil, davon rund ein Drittel aus der Deutschschweiz. Die Organisatoren erwarten 20'000 Besucher aus 60 Ländern.

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