In der Hochsaison wird die Fahrt aufs Jungfraujoch teurer

Es ist ein Tabubruch im öffentlichen Verkehr: Die Jungfraubahnen verlangen neu je nach Saison unterschiedlich hohe Billettpreise.

Im November billiger, aber im Sommer kostet eine Fahrt aufs Jungfraujoch neu mehr.

Im November billiger, aber im Sommer kostet eine Fahrt aufs Jungfraujoch neu mehr. Bild: Bruno Petroni

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Wer mit Bahn, Bus oder Schiff von A nach B fährt, bezahlt bislang einen fixen Tarif. Es gibt zwar ein beschränktes Angebot an Sparbilletten oder Abos für Randzeiten wie das «Gleis 7». Aber die ÖV-Anbieter können die Preise nur bei Fahrplanwechseln, nicht aber kurzfristiger je nach erwarteter Nachfrage verändern.

So, wie es bei Fluggesellschaften üblich ist, oder so, wie einzelne Skigebiete je nach Wetter mehr oder weniger verlangen. Jetzt ermöglicht die Schweizer ÖV-Branche aber einen Schritt in diese Richtung, wie Recherchen dieser Zeitung ergeben.

Die Jungfraubahnen und die Gornergratbahn dürfen neu ­saisonal unterschiedliche Preise verlangen. Die Branche des Direkten Verkehrs Schweiz, des nationalen Tarifverbunds von rund 250 Transportunternehmen, hat einem solchen Pilotversuch zugestimmt.

Die Jungfraubahnen führen diesen Sommer zum ersten Mal Hochsaisonpreise ein. Das heisst, die Einzelbillette werden um bis zu 20 Prozent teurer. Dies auf den rein privatwirtschaftlich betriebenen Bahnstrecken von Grindelwald Dorf und Wengen bis auf das Jungfraujoch. Eine Fahrt von Interlaken-Ost auf das «Top of Europe» und zurück kostet so vom 1. Juni bis zum 31. August 2018 in der 2. Klasse 234.80 Franken statt normal 210.80 Franken.

«Das bisherige Preissystem im Schweizer ÖV ist viel zu träge», Urs Kessler Chef der Jungfraubahnen.

Immer wieder ausverkauft

Urs Kessler, Chef der Jungfraubahnen, begründet dies damit, dass die maximale Kapazität auf dem Jungfraujoch von 5250 Gästen pro Tag im Juli und August an je etwa zwanzig Tagen ausgeschöpft wird.

«Wenn wir ausverkauft sind, ist es doch legitim, einen höheren Preis zu verlangen», sagt Kessler. Er kritisiert das bisherige Preissystem im Schweizer ÖV als viel zu träge: «Wir müssen flexibler sein.»

Preisnachlass in Nebensaison

Ziel von Kessler ist es, die Nachfrage in frequenzschwächeren Monaten zu steigern: «Wir wollen das ganze Jahr Hochsaison.» Im November und Januar sind trotz deutlichen Nachfragesteigerungen in den letzten Jahren jeweils noch etliche Plätze frei. An einigen Tagen kommen weniger als tausend Gäste auf das Jungfraujoch. «Hier wollen wir weiter wachsen», sagt Kessler.

So gewähren die Jungfraubahnen vom 1. November bis 8. Dezember 2018 einen sogenannten Nebensaisontarif. In dieser kurzen Zeitspanne kostet die Retourfahrt Interlaken-Ost–Jungfraujoch 184.80 Franken. Die flexiblen Preise sollen helfen, die Nachfrage über das ganze Jahr verteilt besser zu steuern. Gegen diese Änderung gab es erheb­lichen Widerstand anderer ÖV-Unternehmen. Doch Kessler fand einen Verbündeten.

Die Gornergratbahn in Zermatt VS hat bereits damit begonnen, die Fahrpreise saisonal zu unterscheiden. Bis zum letzten Fahrplanwechsel zahlte man für eine Retourfahrt das ganze Jahr hindurch 94 Franken. Dies an allen Verkaufsstellen des Schweizer ÖV-Systems, also an Schaltern, Automaten und im Internet. Einzig vor Ort gab es gelegentlich Rabattaktionen.

Jetzt bestehen drei verschiedene Saisonpreise für eine Fahrt von Zermatt auf den Gornergrat und zurück: nämlich 76 Franken in der Wintersaison, 98 Franken für den Normaltarif und 114 Franken in der Hauptsaison in den nachfragestarken Sommermonaten Juli und August.

Skifahrer reisten billiger

Ein Grund dafür ist, dass die Gornergratbahn Teil des Zermatter Skigebietes ist. Und eine Skitageskarte sei billiger gewesen als der ganzjährig in den ÖV-Systemen verlangte Preis für eine Retourfahrt, sagt Jan Bärwalde, Sprecher der BVZ Holding, zu welcher die Gornergratbahn gehört. Wer das nicht wusste, zahlte mit einem normalen Billett zu viel. Bärwalde räumt aber ein, dass es bei der neuen Differenzierung auch darum geht, die Preise der Nachfrage anzupassen.

Saisonale Preise soll es aber vorderhand nur bei privatwirtschaftlich betriebenen Strecken geben. Strecken, die von der öffentlichen Hand abgegolten werden, behalten von der Nachfrage unabhängige Tarife. «Der Pilotversuch beschränkt sich explizit auf nicht abgeltungsberechtigte Strecken, auf denen auch das Generalabonnement nicht gültig ist», betont Thomas Ammann, Sprecher von CH-direct, der Geschäftsstelle des Tarifverbunds Direkter Verkehr.

Auf diesen privatwirtschaftlich betriebenen Strecken sind die Unternehmen in der Preisbildung frei. Neu können Jungfraubahnen und Gornergratbahn vorgängig sieben verschiedene Zeitfenster definieren. Innerhalb dieser Zeitfenster dürfen die Bahnen ihre Billettpreise variieren, «wobei sich die Erhöhungen und Senkungen jedoch gegenseitig aufheben müssen», sagt Ammann. Lediglich Normal- und Hochtarif geht also nicht, Bahnreisende sollen zeitweise auch von reduzierten Preisen profitieren können. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.03.2018, 07:21 Uhr

SBB

Im Pilotversuch dürfen die Jungfraubahnen und die Gornergratbahn saisonale Preise einführen. Allerdings nur auf privatwirtschaftlich betriebenen Strecken. Den Fernverkehr betreiben die SBB zwar auch auf eigene Rechnung, doch sind sie in der Preissetzung nicht frei.

Und auch die neue Regelung ermöglicht hier keine saisonalen Preise. Denn als Bedingung hat die Branche nach Angaben von CH-direct saisonale Nachfrageschwankungen von mindestens 50 Prozent definiert. Zudem sind saisonale Preise im Fernverkehr weder von der Branche noch vom Bundesamt für Verkehr (BAV) gewünscht.

Das BAV vergibt im Fern- und Regionalverkehr die Konzessionen und legt die Rahmenbedingungen fest. Es hat daher ein gewichtiges Mitspracherecht. Um die Züge gleichmässiger auszulasten, hat SBB-Chef Andreas Meyer aber auch schon für Preisanreize plädiert. Er schloss nicht aus, dass dereinst Bahnfahrten während der Stosszeiten teurer werden könnten. (jw)

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