Gemauschel bei TV-Deal: Wie Cablecom & Co. den Kürzeren zogen

Die Swisscom liegt wegen exklusiver Sportübertragungen im Clinch mit den Wettbewerbshütern. Sie und Teleclub erhielten den Zuschlag für die TV-Rechte der Schweizer Fussball-Saisons bis 2017 – obwohl bessere Angebote vorlagen.

Fast wie im Stadion: Mit dem Bier in der Hand können zahlende Swisscom-Kunden pro Spieltag jeden Fussballmatch der beiden Schweizer Topligen am Fernseher in Echtzeit verfolgen.<p class='credit'>(Bild: Fotolia)</p>

Fast wie im Stadion: Mit dem Bier in der Hand können zahlende Swisscom-Kunden pro Spieltag jeden Fussballmatch der beiden Schweizer Topligen am Fernseher in Echtzeit verfolgen.

(Bild: Fotolia)

Jon Mettler@jonmettler

Es ist ein heisser Tag Ende Juni im Jahr 2011. Am Hauptsitz in Bern von Swisscable (heute Suissedigital), dem Dachverband der Kabelnetzbetreiber, versammeln sich Firmenchefs der Verbandsmitglieder. Das Treffen anberaumt hat die damalige Verbandsspitze um Geschäftsführerin Claudia Bolla-Vincenz und Präsident Hajo Leutenegger.

Swisscable braucht Geld

Die Aufgabe der Führungsriege im Sommer 2011 erfordert Fingerspitzengefühl: Sie braucht Geld von den anwesenden Kabelnetzunternehmern, viel Geld. Es geht um einen Frankenbetrag in zweistelliger Millionenhöhe. Bis spätestens 18 Uhr will der Verband verbindliche Zusagen haben. Nach und nach erhält er die schriftlichen Versprechen.

Mit dem Treffen in Bern stösst der Verband ein Vorhaben an, das intern als «Projekt Lauberhorn» geführt wird: Am 14.Juli 2011 vergibt die Swiss Football League (SFL) wieder die TV-Sportübertragungsrechte für die beiden Fussballspitzenligen. Dieses Mal wollen die Kabelnetzbetreiber bei der Auktion mitbieten und sich die Rechte für die Saisons 2012/2013 bis 2016/2017 sichern. Es gilt, Konkurrent Swisscom auszubooten – um jeden Preis.

Die Geschäftigkeit bei Swisscable hat einen Grund: Die Swisscom ist im Jahr 2006 mit einem eigenen Digital-TV-Angebot in den TV-Markt eingestiegen. Der grösste Schweizer Telecomanbieter greift damit das Kerngeschäft der Kabelnetzbetreiber an. Um sich zu unterscheiden, hat die Swisscom ein kostenpflichtiges Livesportangebot aus dem Boden gestampft.

Dazu hat sie zusammen mit der Teleclub-Muttergesellschaft Cinetrade die exklusiven Fernsehrechte für alle Spiele der Schweizer Fussball- und Eishockeyligen der Saisons 2007/2008 bis 2011/2012 gekauft. Der Deal sieht indes vor, dass das Schweizer Fernsehen im Fussball pro Saison sechs bis zehn Matchs im frei empfangbaren TV übertragen darf.

Nachwirkungen bis heute

Die Vergabe der Sportübertragungsrechte in den Jahren 2006 und 2011 an Swisscom und Cinetrade/Teleclub wirkt bis heute nach. Im Juli 2015 wurde bekannt, dass das Sekretariat der Wettbewerbskommission (Weko) in einem Verfügungsentwurf eine Busse gegen den blauen Riese von 143 Millionen Franken empfiehlt. Der Vorwurf: Die Swisscom verfüge beim Livesport seit dem Start über eine marktbeherrschende Stellung und verwehre den Konkurrenten Inhalte in unzulässiger Weise. Tatsächlich können Sportbegeisterte nur auf Swisscom TV alle Matchs gleichzeitig ansehen oder Einzelspiele zum aktuellen Preis von 5 Franken kaufen.

Mit dieser Teilexklusivität schütze die Firma ihre Investitionen, heisst es bei der Swisscom. «Wer einen Baum gepflanzt hat und pflegt, soll auch die Früchte ernten können», sagt Patrick Dehmer, Leiter des Rechtsdienstes. Es sei im Wettbewerbsrecht nicht verboten, ein exklusives Recht auszuüben. Weiter stört sich Dehmer daran, dass die Kabelnetzbetreiber sich erst benachteiligt fühlten, als sich der Erfolg des Livesports abzeichnete. Alleine von Juni 2014 bis Juni 2015 wechselten knapp 100'000 Kabelnetzkunden zum TV-Angebot von Swisscom.

Für die Mitbewerber von Swisscom bedeutet ein solcher Wechsel oft, dass diese Kunden nicht nur den Fernsehvertrag kündigen, sondern auch ihre Abonnemente für den Internetzugang und die Festnetztelefonie bis hin zum Mobilfunk. «Die Frage ist, warum die Kabelnetzbetreiber nicht früher in den Livesport eingestiegen sind», sagt Dehmer. Sie hätten schon 2006 oder früher die gleichen Möglichkeiten gehabt, ein eigenes Angebot zu lancieren.

Den Vorwurf der Passivität lassen die Kabelnetzbetreiber nicht gelten. Im Juli 2011 steigen sie zusammen mit gewichtigen Partnern – darunter die Schweizerische Rundfunkgesellschaft (SRG) sowie die Marketingrechtefirma Kentaro – ins Rennen um die Fussballsportrechte ein. In der Hand halten sie das Angebot, das Swisscable kurz zuvor in Bern in rechtsverbindlicher Form gemeinsam in die Wege geleitet hat.

Die Offerte lautet: 37,2 Millionen Franken pro Saison für die TV- und Marketingrechte der SFL, die Produktion aller 180 Matchs – und: Das Schweizer Fernsehen hat Anspruch darauf, 36 Spiele pro Saison im öffentlichen TV zu übertragen. Im Angebot ist auch das Recht enthalten, Unterlizenzen vergeben zu können – etwa an den Verlierer der Auktion oder an Dritte. Die Kabelnetzbetreiber vertrauen auf die vom zuständigen SFL-Komitee mitgeteilten Bieterregeln, wonach aufgrund von Unterlagen und den am 14.Juli 2011 um 8:45 Uhr vorliegenden Angeboten entschieden werde. Nachgebote seien ausgeschlossen.

Auf der Gegenseite beteiligen sich die Swisscom über Cinetrade/Teleclub und die Marketingrechtefirma Infront/Ringier am Bieterverfahren. Ihre Offerte fällt am Morgen des 14.Juli 2011 im Vergleich zum Angebot der Kabelnetzbetreiber tiefer aus. Trotzdem gehen Swisscable, SRG und Kentaro leer aus. Entgegen der Abmachungen konfrontiert die Liga Cinetrade/Teleclub mit dem höheren Angebot und fordert zur Nachbesserung auf.

Am Ende bieten Cinetrade/Teleclub für die TV- und Marketingrechte inklusive Produktion 40 Millionen Franken pro Saison. Das SFL-Komitee akzeptiert diese Offerte. In diesem Fall hätte die SRG aber nur noch drei Livespiele pro Saison in Echtzeit zeigen können. Die SFL setze mit ihrem Entscheid auf Kontinuität, so die Begründung des Komitees.

Welche Rolle spielt der Bund?

Später stellt sich heraus, dass Cinetrade/Teleclub nachträglich der SRG doch noch 36 Livespiele zugestanden hat. Diese Wende dürfte auf Druck des Kommunikationsdepartements (Uvek) zustande gekommen sein. Die zuständige Bundesrätin Doris Leuthard wollte wohl verhindern, dass sich zwei staatsnahe Betriebe bei der Vergabe von Sportrechten bekämpften. Die SFL kommentiert die damaligen Vorgänge nicht.

Zurück zur Gegenwart: Die Swisscom und Kabelnetzbetreiber haben bis zum 15. Oktober 2015 Zeit, Stellung zu den Vorwürfen der Wettbewerbshüter zu nehmen. Der blaue Riese wird dabei vorbringen, dass der relevante Markt viel breiter abzugrenzen ist, als es das Sekretariat im vorliegenden Fall getan hat.

Zudem wehrt sich Swisscom gegen die Behauptung, vom ersten Tag an seit dem Einstieg in das Fernsehgeschäft marktbeherrschend zu sein. Da die Fernsehrechte bis jetzt alle fünf Jahre und im nächsten Jahr für die Saisons ab 2017/2018 neu vergeben werden, müssen sich alle Mitbewerber immer wieder dem Markt stellen.

Suissedigital-Geschäftsführer Simon Osterwalder kontert: «Wir wollen keine kostenlosen Inhalte von Cinetrade/Teleclub. Wir wollen einfach, dass die über die Swisscom-Netze verfügbaren Teleclub-Inhalte zum gleichen Preis und in gleichem Umfang auch für jene Konsumenten zugänglich sind, die digitales Fernsehen und Internet über die Netze der Suissedigital-Mitglieder beziehen.»

Schon jetzt ist klar, dass das Weko-Verfahren Folgen für den Verkauf von Sportrechten hat. Liga-Sprecher Philippe Guggisberg sagt: «Im nächsten Verfahren für die Rechtevergabe durch die Swiss Football League wird es zu Änderungen kommen. In dieser Hinsicht steht die SFL in Kontakt mit der Weko.» Die Liga habe Interesse am Wettbewerb. Kein Wunder: Die SFL peilt Einnahmen von 70 Millionen Franken pro Saison an.

Berner Zeitung

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