«Für normale Anwender schreitet die Digitalisierung zu schnell voran»

2007 gegründet, beschäftigt die Webagentur Comvation heute 20 Personen und hat zwei weitere Softwarefirmen hervorgebracht. Eine davon – die Payrexx AG – sorgt weltweit für Aufsehen.

Vorreiter der Digitalisierung (v.l.): Ivan Schmid, Gründer der Comvation AG und Inhaber der Payrexx AG, sowie die heutigen Inhaber der Comvation AG Martino Casciaro und Janik Tschanz. Bilder: Patric Mani

Vorreiter der Digitalisierung (v.l.): Ivan Schmid, Gründer der Comvation AG und Inhaber der Payrexx AG, sowie die heutigen Inhaber der Comvation AG Martino Casciaro und Janik Tschanz. Bilder: Patric Mani

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Wer ihren Produkten begegnet, tut das meist nicht bewusst. Aber wer auf der Webseite des FC Thun surft, den Onlineauftritt der Lauberhornrennen besucht oder auf der Internetseite des Spital STS AG etwas sucht, kommt in Berührung mit der Arbeit der Thuner Webagentur Comvation.

Einfach online bezahlen

Auch Payrexx, die Firma, die der Comvation-Gründer Ivan Schmid heute führt, ist eines dieser Unternehmen, das kaum ein Endkunde kennt. Vereinfacht gesagt bietet Payrexx eine Lösung an, dank welcher Firmen, die online Waren verkaufen, ihren Kunden mit vergleichsweise wenig Aufwand einen ganzen Strauss von Zahlungsmitteln anbieten können. Denn: Der Firmenkunde muss nur eine technische Schnittstelle einbinden anstatt für jedes einzelne Zahlungsmittel eine separate. «Unser Ziel ist es, die einfachste All-in-one-Plattform für Onlinezahlungen zu sein», sagt Schmid.

«Nicht aufzuhalten»

Comvation als Webagentur, die Payrexx-Software für den Zahlungsverkehr sowie die Cloud-basierte Software Cloudrexx für Webseiten und Kundenmanagement – alle aus der gleichen Ideenküche – sind Marken aus Thun, die an vorderster Front mit dabei sind in der ständig fortschreitenden Digitalisierung unseres Alltags. «Diese ist nicht aufzuhalten», ist Comvation-Geschäftsführer und Mitinhaber Janik Tschanz überzeugt.

«Unsere Aufgabe ist es, die Kunden auf dem Weg in die digitalisierte Welt zu begleiten», sagt Martino Casciaro, Co-Geschäftsführer und Mitinhaber von Comvation, «zum Beispiel, wenn es darum geht, dafür zu sorgen, dass die Website eines KMU auf Google attraktiv präsentiert wird.»

Der einfache, verständliche und hindernisfreie Zugang zu einem Tool stehe stets im Vordergrund, sind sich die drei einig. «Dabei ist die Verwendung von Standards zentral und von zunehmender Wichtigkeit», sagt Janik Tschanz. Will beispielsweise heissen: Überall, wo drei quer übereinanderliegende Balken angezeigt werden, versteckt sich ein Menü zur Navigation einer Website dahinter. «Standardisierte Lösungen helfen, Hemmungen beim Zugang zu digitalen Tools zu überwinden», ist Tschanz überzeugt.

«Twint setzt sich durch»

Angesprochen auf die Bezahl-App Twint, welche mehrere Schweizer Banken gemeinsam, aber doch nicht zusammen lanciert haben und die deshalb von vielen Medien schon als Flop verschrien wird, weil sie kaum genutzt wird, meint Ivan Schmid: «Twint wird sich durchsetzen!» Erstens sei «unglaublich viel» technische Grundlagenarbeit für eine «hochkomplexe Lösung» geleistet worden, «sodass die beteiligten Firmen in höchstem Mass daran interessiert sind, dass das viele investierte Geld nicht umsonst war».

Schmid glaubt sogar daran, dass es dereinst möglich sein wird, Konten verschiedener Geldinstitute in einer einzigen Twint-App zusammen zu bündeln. Heute muss für jede Bank, die Twint anbietet, eine eigene Version der App auf dem Smartphone installiert werden.

«Zentral: Einfacher Zugang»

«Der einfache Zugang ist zentral», sagt auch Martino Casciaro, konfrontiert mit der Frage, ob sich beispielsweise die digitalen Hilfsmittel durchsetzen können, welche die Post ihren Kunden anbietet, um den Verlust der Poststelle im Dorf wettzumachen. «Zudem müssen neue Tools intensiv zusammen mit Kunden getestet werden können», sagt Janik Tschanz.

So sei Comvation etwa «sehr wohl gewillt und fähig», individuelle Features für Kunden zu entwickeln, sofern diese auch die eigene Software weiterbringt. «Der Kunde muss aber einen Teil der Kosten selber tragen.» Und: Damit die Kosten reduziert werden können, wird das Produkt zusammen mit dem Kunden intensiv getestet.

Als Vorreiter in diesem Vorgehen sieht Tschanz beispielsweise das Vorgehen der SBB, welche die aktuelle Version ihrer Smartphone-App vor der definitiven Lancierung in einem gross angelegten Feldtest erproben liess, oder zahlreiche Autohersteller, die ähnlich vorgehen.

Es geht für viele zu schnell

Trotz allem Optimismus, den die drei Technologiebegeisterten versprühen, ist für Ivan Schmid klar: «Für normale Anwender schreitet die Digitalisierung zu schnell voran.» Wenn es der Branche nicht gelinge, «ein Grundvertrauen» zu schaffen, sei es sehr schwierig, die Ängste der Menschen zu überwinden. «Womit wir uns aber enorme Chancen verspielen würden», sagt Schmid.

«Vielleicht sind wir hier in Thun gerade besonders herausgefordert», mutmasst Janik Tschanz, «weil wir einerseits sehr nahe an einem Kunden sind, der den direkten unmittelbaren Kontakt sucht und braucht, und andererseits dank der heutigen Technologie in der ganzen Welt vernetzt sind.» (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 12.08.2017, 09:16 Uhr

Comvation

Die Comvation AG wurde im Sommer 2007 von Ivan Schmid in Thun gegründet. Heute beschäftigt das Unternehmen 20 Mitarbeiter. Die Webagentur gestaltet, baut und unterhält Websites oder E-Business-Lösungen für Kunden, die primär in der Region Thun/Berner Oberland beheimatet sind. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe zählen auf das Wissen aus Thun. Weiter bietet die Firma Dienstleistungen im Onlinemarketing sowie Social-Media-Seminare an. Mit seiner Software Contrexx (heute Cloudrexx) hat das Unternehmen 2014 mehrere Innovationspreise gewonnen. Seit 2015 sind die Teilhaber Janik Tschanz und Martino Casciaro Geschäftsführer der Firma, im selben Jahr wurde die Software Cloudrexx in eine eigene Tochtergesellschaft ausgelagert. Seit 2016 ist Claudio Galasso, Gründer der Datasport AG, Verwaltungsratspräsident der Comvation AG.

Payrexx

Die Payrexx AG mit Sitz in Thun wurde im Januar 2014 als Spin-off der Comvation AG unter der Leitung von Ivan Schmid gegründet. Das Start-up beschäftigt 8 Mitarbeiter und einen Lernenden. Payrexx hat als erster Anbieter eine Cloud-basierte Lösung entwickelt, die Online-Zahlungen aus einer Hand anbietet. Egal, ob Produkte, Dienstleistungen, Onlinetickets oder Gutscheine verkauft, Mitgliederbeiträge eingezogen oder Spendenprojekte betrieben werden – mit den Tools von Payrexx können Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen sofort loslegen und Kreditkartenzahlungen akzeptieren. Mit vier Tools bietet Payrexx nach eigenen Angaben «eine E-Commerce-Lösung für jeden Kunden». Ausserdem bietet Payrexx Whitelabel-Lösungen für Grosskunden an. Payrexx hat bereits Partnerschaften mit Postfinance, SIX, UBS, Stripe, Concardis und vielen mehr.

Glossar

All-in-one-Plattform: Eine Plattform, die mehrere Kompetenzen in einem einzigen Programm oder auf einer einzigen Benutzeroberfläche vereint. Im Fall von Payrexx können auf einer Oberfläche vier Instrumente konfiguriert und bedient werden, die im ­Onlinehandel für Händler und Kunden eine wichtige Rolle ­spielen.

App: Die Abkürzung des englischen Begriffs Application, deutsch: Anwendung. Eine Anwendung ist ein Computerprogramm, das auf verschiedenen Endgeräten genutzt werden kann und in der Regel den vollen Funktionsumfang nur entfalten kann, wenn eine Verbindung mit dem Internet besteht.

Cloud: Computerprogramme (Software) oder Daten werden nicht auf dem Endgerät oder einem Firmenserver gespeichert oder installiert, sondern irgendwo auf der Welt auf einem oder mehreren Servern. Mit dem Endgerät – Notebook, PC, Tablet oder Smartphone – kann via Internet jederzeit von überall, wo eine Verbindung möglich ist, auf die Daten oder die Programme zugegriffen werden.

Feature: Ein Feature ist wörtlich aus dem Englischen übersetzt eine Eigenschaft. Ein Feature einer Internetseite ist eine Eigenschaft, die speziell für diese Seite programmiert werden muss und nicht mit einer standardisierten Lösung generiert werden kann. Ein Beispiel kann eine Chatfunktion sein, über die Kunden mit der Firma via Website in Kontakt ­treten können.

Spin-off: Dieser Begriff ist einer breiteren Öffentlichkeit eher aus der Filmbranche bekannt: Wenn eine Nebenfigur aus einem Film oder einer Serie einen eigenen Film oder eine eigene Serie erhält, spricht man von Spinn-off. In der Wirtschaft ist es ähnlich: Die Software Contrexx, ein Produkt von Comvation, wurde so erfolgreich, dass sie in eine eigene Firma ausgelagert wurde.

Tool: Ein Tool ist ein Instrument; meist ist mit einem Tool ein Softwareelement oder eine eigene App gemeint.

Whitelabel-Lösung: Von einer Whitelabel-Lösung spricht man, wenn eine Firma für eine andere Firma ein Produkt herstellt, beispielsweise eine Software programmiert, aber der Name des Herstellers nirgends auftaucht, sondern nur die Marke der Kundenfirma kommuniziert wird.

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