«Frauen haben immer noch Angst vor der Verantwortung»

Interview

Ex-Max-Havelaar-Chefin Paola Ghillani war immer gegen Frauenquoten. Neue Zahlen zeigen: In Schweizer Chefetagen sitzen gerade mal sechs Prozent Frauen. Das bringt die heutige Multi-Verwaltungsrätin ins Grübeln.

«Ich kannte einige Beispiele von Frauen, denen der Mann – oder sogar die ganze Familie – nicht ins Ausland gefolgt ist»: Paola Ghillani. (Archivbild)

«Ich kannte einige Beispiele von Frauen, denen der Mann – oder sogar die ganze Familie – nicht ins Ausland gefolgt ist»: Paola Ghillani. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Matthias Chapman@matthiaschapman

Frau Ghillani, wenn eine Frau Karriere machen will, was muss sie tun? Sie muss es sich vor allem einmal selber eingestehen und es dann auch sagen. Viele Frauen haben immer noch Angst vor der Verantwortung und nehmen sich selber zurück. Bei der Karriereplanung zögern sie, weil sie denken, mit einem Kind gehe das nicht.

Das ist womöglich auch schwierig, wenn man hoch hinaus will und dann eine mehr oder weniger lange Pause einlegt. Vieles ist eine Frage der Strukturen, in denen man sich bewegt, und der Organisation. In Belgien zum Beispiel ist es einfach normal, dass es für die Kinder einen Krippenplatz gibt. In der Schweiz ist das immer noch viel zu kompliziert. Und wenn die Probleme schon da beginnen, dann muss man sich nicht wundern, wenn Frauen sich gegen eine Karriere entscheiden.

Da sind wir schon beim Vergleich mit dem Ausland. Die Schweizer Wirtschaft hinkt der europäischen punkto Frauenquoten bei Managementposten hinterher. Warum? Das ist die grosse Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Natürlich haben wir in der Schweiz weniger Konzerne, in denen man sich an die grossen Aufgaben heranarbeiten kann. Und der Konkurrenzkampf um diese verhältnismässig wenigen Posten ist riesig. Überdies wird ja fast die Hälfte davon von ausländischen Führungskräften besetzt.

Also müssen auch angehende Schweizer Führungskräfte ins Ausland gehen. Klar ist die Auslandserfahrung enorm wichtig für die Karriere. Möglicherweise ist das aber für Frauen immer noch schwieriger als für Männer. Ich kannte einige Beispiele von Frauen, denen der Mann – oder sogar die ganze Familie – nicht ins Ausland gefolgt ist. Bei Männern dürfte dies weniger der Fall sein.

Was müssen Firmen tun, um mehr Frauen an die Spitze zu bringen? Ganz wichtig ist es, dass Karrieren geplant werden. Das beginnt schon mit 30 Jahren, wenn man sieht, dass jemand Potenzial hat. Entweder eine Frau kann sich innerhalb der Firma die Führungsarbeit sukzessive aneignen, oder dann sollte sich das Unternehmen an der weiteren Entwicklung einer Karriere beteiligen. Man schickt dann diese Leute an Managementschulen, sei das an die HSG in St. Gallen, die IMD Business School in Lausanne oder auch anderswo im Ausland.

Sie sind in mehreren Verwaltungsräten. Was tun Sie punkto Frauenförderung? Grundsätzlich ist die Geschäftsleitung für die Nachwuchsförderung verantwortlich. Wenn ein Unternehmen sich das auf die Fahne geschrieben hat, aber dennoch nichts geschieht, muss der Verwaltungsrat einschreiten. Beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz zum Beispiel muss die Geschäftsleitung jedes Jahr einen Bericht über die Frauenförderung abliefern. Inzwischen haben wir auf operativer Ebene eine Quote von 50:50 Prozent erreicht. Das geht aber nur, wenn alle am gleichen Strick ziehen.

Nicht mit allen Ihrer Mandate geht es bezüglich Frauenquote in Managementposten so einfach. Bei der Helvetia-Versicherung bin ich Verwaltungsrätin und als solche auch im Nominations- und Ausschüttungsausschuss. Im neunköpfigen Verwaltungsrat sind wir zwei Frauen, in der Geschäftsleitung von Helvetia Schweiz ist es eine. Natürlich kann man diese Quoten noch erhöhen. Allerdings ist es in gewissen Branchen nicht ganz einfach.

Da sprechen Sie ein weiteres Mandat von Ihnen an, dasjenige bei Romande Energie. Ja, im Verwaltungsrat bin ich da die einzige Frau. Nur in der erweiterten Geschäftsleitung gibt es eine.

Können Sie sich nicht durchsetzen? Das hat nichts damit zu tun. Versicherungen und Energie sind zwei Branchen, in denen es im Moment noch schwierig ist, Frauen für Führungspositionen zu finden.

Alpiq und BKW haben es mit Jasmin Staiblin und Suzanne Thoma geschafft. Das ist sehr erfreulich. Vermutlich sind sie dennoch die Ausnahmen.

Es braucht also doch eine Frauenquote. Ich war immer gegen eine Frauenquote. Aber langsam beginne ich, an der Richtigkeit meiner Haltung zu zweifeln. Besonders da man sieht, wie langsam sich in diesem Thema etwas bewegt. Möglicherweise brauchen wir für eine Übergangsphase eine Frauenquote, bis wir auf einem besseren Stand angelangt sind.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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