Befreie sich, wer kombinieren kann

Bern

Im Berner Länggassequartier werden Menschen in Kellerräumen gefangen gehalten – für eine Stunde. Was beängstigend klingt, ist in Wahrheit ein grosser Spiel- und Ratespass.

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Sandra Rutschi
Stefanie Christ@steffiinthesky

Ein schummriger Raum, geteilt durch eine Gittertür. Ein Sofa, ein Plüschtier, ein Computer. Auf dem Monitor startet der Countdown. 60 Minuten, 59:59 Minuten, 59:58 – 57 – 56. Genau eine Stunde dauert das Abenteuer in den «Adventure Rooms» in der Länggasse. 60 Minuten, um aus diesen Räumen zu entkommen und nebenbei noch einen Schatz zu finden. Zuerst gilt es aber, sich aus einer denkbar misslichen Situation zu befreien: Die beiden Testerinnen sind an eine Gittertür gekettet. Die Handschellen schneiden erbarmungslos ins eigene Fleisch. Der Schlüssel liegt irgendwo auf der anderen Seite des Gitters. Unerreichbar.

Was viele von Computergames oder Brettspielen wie «Mansions of Madness» kennen, ist an der Mittelstrasse 9 Realität: Ein Labyrinth aus nebeneinander liegenden Kellerräumen, aus dem Teams zwischen 2 und 12 Personen ausbrechen müssen. Die Idee dazu kam dem Initianten Gabriel Palacios auf einer Reise nach Ungarn, wo er ein Spielefestival besuchte. Im Februar eröffnete der Physiklehrer seine «Adventure Rooms». Sogleich erklomm die Attraktion Platz 1 der Berner Sehenswürdigkeiten-Charts auf dem Reiseportal Trip Advisor – und verdrängte Zytglogge&Co. vom Thron. «Ein paar Touristen gaben uns Topbewertungen, und plötzlich hatten wir eine grosse Nachfrage», erklärt Palacios den Erfolg, den er sich mit seinen Geschäftspartnern David Alejandro Palacios und Stéphane Hess teilt.

Noch 56:32 Minuten. Die Handschellen liegen mittlerweile auf dem Sofa. Ziel ist es nun, auf die andere Seite der Gittertür zu gelangen. In der Hoffnung, dort den Schlüssel zu finden, der aus dem Zimmer führt. Doch nicht weniger als vier Schlösser mit Zahlenkombinationen verriegeln die Tür. Wo findet man die Codes, und welcher passt zu welchem Schloss? Sofakissen fliegen umher, der Teppich wird angehoben, während im Hintergrund der Housebeat aufgeregt klopft. Eine der Testerinnen entdeckt eine Wärmebildkamera. Der Blick fällt nach oben, wo ein Dachfenster mit schwarzem Plastik verklebt ist. Ob es was nützt, das Plastik runterzureissen? Nein. Aufgemalte schwarze Kreuze signalisieren, dass dieses nicht zum Parcours gehört.

«Nach den ersten Testdurchgängen waren die Zimmer total verwüstet», berichtet Palacios. Abflussrohre, Wandverkleidungen, Waschbecken, massive Möbel – alles wurde in Einzelteile zerlegt. Dabei liegen die Lösungen meist viel näher, als die Teilnehmer unter Zeitdruck annehmen. Darum führen die schwarzen Kreuze die Teammitglieder in ihrer Verzweiflung zurück auf den Weg der Vernunft.

Noch 26:47 Minuten. Die Gittertür knarrt endlich zur Seite. Ein leerer Mottenschrank, eine festgekettete Vase, Plastikscherben. Schlüssel überall. Locker auf dem Boden zerstreut oder an die Gittertür gekettet und mit zwei Schlössern gesichert. Ein Schlüssel führt in die Toilette, das ist gut. Bisher hat sich nur gerade eine Gruppe per Notrufzeichen, ein viermaliges Klopfen an die Tür, aus den «Adventure Rooms» befreit – weil sie bei einem dringenden Bedürfnis die Toilette nicht fand. Diese Gefahr ist nun schon mal gebannt. Zuversichtlich tauchen die Testerinnen in die nächste Spielphase ein. Doch dann wieder: Schlösser, Gitter, Rätsel, eine tickende Uhr. Die Situation scheint ausweglos.

«Ich habe die Rätsel monatelang optimiert», so Palacios. Manche müssen mit Geschick, andere mit logischem Denken oder etwas Glück gelöst werden. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird verschoben, verrückt oder verlegt. «Wir haben nach einem Durchgang 15 Minuten Zeit, alles wieder an seinen Platz zu legen», sagt er. Der Ablauf ist bei jedem Durchgang derselbe. «Ich plane aber einen zweiten Raum», so Palacios. Auch dieser dürfte ein Erfolg werden. Denn die «Adventure Rooms» – bisher die einzigen ihrer Art in der Schweiz – besitzen Suchtpotenzial. Im Gegensatz zu einem echten Verlies möchte man am liebsten gleich wieder rein – sofern man den Ausbruch überhaupt schafft.

Noch 15 Sekunden. Die Musik wird immer lauter.Ein Piepsen würdigt jede verstreichende Sekunde. Die Testerinnen flitzen nun mit zig Schlüsseln zwischen den Räumen hin und her. Den Schatz haben sie mittlerweile vergessen, sie wollen nur noch raus. Auf gut Glück versucht eine Gefangene, die letzte Tür zu öffnen. Und tatsächlich: Der Schlüssel greift. Eine Tiefgarage, am anderen Ende eine Frau mit Taschenlampe. «Hey, ihr habts geschafft!»

Adventure Rooms: Mittelstrasse 9, Bern. Anmeldung erforderlich: www.adventurerooms.ch

Berner Zeitung

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