Eine 29-Jährige rüttelt am Monopol von Amazon

Der US-Konzern fühlte sich bisher vor Kartellwächtern sicher. Das will eine junge Juristin nun ändern.

Amazon ist längst nicht mehr nur ein Versandhändler: Eine Mitarbeiterin in einem Amazon-Versandzentrum.

Amazon ist längst nicht mehr nur ein Versandhändler: Eine Mitarbeiterin in einem Amazon-Versandzentrum.

(Bild: Reuters Dylan Martinez)

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Amazon erwartet ein glänzendes Weihnachtsgeschäft. 125’000 Saisonangestellte arbeiten rund um die Uhr in den hundert Versandzentren und Lagerhäusern in den USA und sorgen dafür, dass der Internetriese wohl erneut mehr Umsatz machen wird als Facebook, Google und Twitter zusammen. Anders als sie konnte Amazon bisher den kritischen Blick der Kartellaufseher weitgehend vermeiden.

Doch dies beginnt sich zu ändern. Ein Grund ist das neue, demokratische Abgeordnetenhaus, das ein härteres Durchgreifen gegen die dominanten Konzerne versprochen hat.

Mehr noch als die Politik ist eine 29-jährige Juristin dafür verantwortlich, dass nach den Wettbewerbshütern der EU nun die amerikanischen Behörden die Marktmacht von Amazon zu einem Thema gemacht haben. Lina Khan rüttelte in den letzten Monaten mit ihrer Studie «Das Antitrust-Paradox von Amazon» die Monopolexperten des Landes wach, da sie nach ihrer Ansicht das Kartellrecht zu einseitig auslegen. Amazon sei mit dem Vorstoss in immer neue Märkte faktisch ein landesweites Versorgungsunternehmen geworden, das aber die eigene Infrastruktur dazu missbrauche, die Konkurrenten zu verdrängen, schreibt sie. Khan vergleicht Amazon mit dem Monopol der Eisenbahnbarone, die vor gut hundert Jahren den amerikanischen Westen kontrollierten und eine fast unbeschränkte politische Macht ausübten.

Kartellrecht ist auf den Preis fixiert

Dabei spiele Jeff Bezos geschickt das Kartellrecht zu seinen Gunsten aus. Gemäss der geltenden Praxis steht das «Wohlergehen der Kunden» im Vordergrund, wenn ein wettbewerbsschädliches Verhalten zu beurteilen ist. Konkret ist damit der Preis gemeint. Da Bezos günstige Preise für die Kunden zur höchsten Priorität erklärte, macht ihn das aus Sicht der traditionellen Kartellwächter nun auch gegen Monopolklagen ziemlich immun.

Diese Sicht entspreche dem industriellen Zeitalter und nicht der digitalen Wirtschaft von heute, meint Rohit Chopra, der neue demokratische Kommissar der Federal Trading Commission. Er nahm Lina Khan diesen Sommer in seine Dienste und berief im Herbst erste Anhörungen von Amazon ein, die in den kommenden Monaten fortgesetzt werden sollen. Unterstützt wird er von zahlreichen neu gewählten demokratischen Kongressabgeordneten sowie Senator Bernie Sanders. Amazon sei «too big to fail», meinen die Kritiker, weshalb ernsthaft eine Aufspaltung des Konzerns erwogen werden sollte.

Solange Amazon nur ein Internethändler war, konnte er sich der Kritik weitgehend entziehen. Zwar beherrscht der Konzern 44 Prozent des Onlinehandels in den USA, aber insgesamt rangiert Amazon umsatzmässig unter den US-Warenhäusern erst an siebter Stelle. «In allen unseren Geschäftsbereichen haben wir eine unglaublich starke Konkurrenz. Weltweit geht nur ein Prozent der Detailhandelsumsätze auf unser Konto», verteidigt sich Amazon. «Unsere Aufgabe ist und bleibt, den Kunden den besten Preis zu bieten».

Amazon konkurrenziert andere Anbieter mit Eigenmarken

Den ersten grossen Ausgriff in neue Märkte tat Amazon 2017 mit dem Kauf von Whole Foods, dem damals führenden Anbieter biologischer Lebensmittel. Die Kartellwächter winkten die Übernahme durch, doch genau das war für Khan der Anlass, zu prüfen, warum die US-Behörden tatenlos blieben, während die EU-Kommission bereits ermittelte. Bedenklich war aus Sicht der EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager bereits dann, die immense Menge an Kundendaten sowie die Einführung von Eigenmarken, mit denen Amazon aussenstehende Anbieter auszustechen versuchte.

Diese Befürchtungen sind in den USA erst seit kurzem zum Thema geworden, und dies vor allem, weil Amazon nun auch den digitalen Werbemarkt aufzurollen beginnt. Noch beanspruchen Google und Facebook die Führung, doch ist Amazon bereits auf Rang drei vorgedrungen. Noch zieht Amazon erst vier Prozent der Werbung an sich, doch Bezos hegt grosse Expansionspläne.

Derzeit stellt Amazon Hunderte von Werbefachleuten ein, um einen im Vergleich zu Facebook und Google entscheidenden Vorteil auszunützen. Amazon verfügt über jederzeit aktuelle Kundendaten, die Aufschluss über das Konsumverhalten geben und deshalb für die Produktewerbung Gold wert sind. Dieser Vorteil erlaube es Amazon innert dreier Jahre, das Werbegeschäft zu verdreifachen, schreibt die Investmentbank Piper Jaffray. Mehr als das: Schon im Jahr 2021 soll die Onlinewerbung viel Gewinn abwerfen wie die Dienstleistungen mit der Internet-Cloud, wo Amazon derzeit weltweit die Nummer eins ist.

Jeder Klick kostet die Konkurrenz

Traditionelle Detailhändler haben fast keine andere Wahl, als auf Amazon zu werben, wollen sie eine bereite Käuferschaft ansprechen. Denn je mehr Eigenprodukte Amazon anbietet und bewirbt, desto mehr rücken die aussenstehenden Anbieter nach hinten. «Amazon beansprucht die besten Plätze. Das ist total unfair», sagt Jason Boyce, Chef des Inneneinrichtungshauses Dazadi. Ob er will oder nicht, so muss er bei Amazon kaufen. «Nur so finde ich Beachtung.» Jeder Klick auf seine Produkte kostet 2 bis 4 Dollar; Geld, das seinen Profit mindert und die Kassen von Amazon füllt.

Ein Mittel gegen die unersättliche Amazon mit dem alten Denken ist kaum möglich. «Amazon an sich ist nicht das Problem», sagt Khan, «die Anwendung des Gesetzes ist es.» Letztlich müsse Amazon wohl wie ein öffentliches Versorgungsunternehmen geregelt werden, um sicherzustellen, dass alle Anbieter zu fairen Bedingungen zur Onlineplattform Zugang haben.

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