Ein Start-up im Cannabisfieber

Seit drei Monaten verkaufen Hanfbauern aus ­dem zürcherischen Ossingen legal Cannabis zum Rauchen. Das Geschäft floriert schweizweit.

Dario Tobler im Gewächshaus in Ossingen: ­Das hier angebaute Cannabis ­enthält fast kein psychoaktives THC und ist ­darum ­legal.<p class='credit'>(Bild: Johanna Bossart)</p>

Dario Tobler im Gewächshaus in Ossingen: ­Das hier angebaute Cannabis ­enthält fast kein psychoaktives THC und ist ­darum ­legal.

(Bild: Johanna Bossart)

Liegt der süssliche Duft von Cannabis in der Luft, deutet das neuerdings nicht mehr unbedingt auf illegalen Konsum hin. Es könnte sich auch um Cannabis handeln, das ab 18 Jahren legal im Handel erhältlich ist. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat vergangenen August erstmals ein Cannabiserzeugnis als Tabakersatzprodukt eingestuft. Da der Gehalt des psychoaktiven Wirkstoffs THC unter einem Prozent liegt, gilt es nicht als Drogenhanf.

Das Cannabis der neuen Marke C-Pure gleicht in Optik, Geruch und Geschmack dem üblichen, verbotenen Cannabis. Bloss die Rauschwirkung bleibt aus. Der Clou: Mit dem tieferen THC-Wert steigt der Anteil von Cannabidiol (CBD). Während THC den «Flash» im Kopf verursacht, wirkt CBD beruhigend auf den Körper. In medizinischen Kreisen wird es deshalb als eine Art Wundermittel gehandelt.

24 Läden in der ganzen Schweiz verkaufen C-Pure bislang. Das Zentrum dieser kleinen Revolution, welche die Hanfszene derzeit aufmischt, ist ein Hof im zürcherischen Ossingen. Hier leben Dario Tobler, Geschäftsführer der Firma Bio-Can, und der Firmen- und Gelände­besitzer Markus Walther.

Umsatz im Millionenbereich

Tobler prahlt nicht mit der gelungenen Lancierung. Der gelernte Lebensmitteltechnologe sagt ganz in Managersprache: «Der Markt hat das neue Produkt gut aufgenommen.» Fügt aber an: «Ja, für uns ist das natürlich ein grosser Erfolg.»

Der 35-Jährige sitzt in der Küche eines ehemaligen Bauernhauses auf dem Hof, das als provisorische Firmenzentrale dient. Enthusiastisch erzählt er von den zwei Jahren von der Entwicklung bis zur Markteinführung von C-Pure. Und während er spricht, macht er sich einen Joint zurecht, völlig legal. «Am Anfang haben uns alle ausgelacht für die Idee, und jetzt sind ganz viele Mitbewerber in den Startlöchern».

Alles, was bei der Lancierung an Lager war, ist mittlerweile verkauft. Tobler will aus Konkurrenzgründen keine Zahlen in der Zeitung nennen. Darum nur so viel: Bio-Can hat mehrere Zehntausend Beutel à 10 Gramm ausgeliefert, mit einem Verkaufswert im siebenstelligen Bereich. In nur drei Monaten.

Jeder Dritte hat schon gekifft

Potenzielle Kunden gibt es viele. Gemäss dem neusten Schweizer Suchtmonitoring im Auftrag des BAG hat jeder dritte Befragte Erfahrungen mit Cannabis. Hinzu kommen die Gelegenheits- und täglichen Zigarettenraucher, also ein Viertel der Bevölkerung, sowie jene, die eher Cannabis als Tabak probieren würden.

THC-freies Gras ist für manchen Kiffer so absurd wie Bratwürste für Veganer. Doch wie im Fall von Kaffee ohne Koffein oder alkoholfreiem Bier besteht offenbar auch dafür eine Nachfrage. Natürlich spielte am Anfang die Neugier mit. Von den einen Konsumenten erfährt man aber, dass sie es wegen des Geschmacks rauchen, andere «strecken» damit normale Joints und verzichten so auf Tabak. Und ein Teil der Käufer sucht die Wirkung von CBD.

Rauchen bleibt ungesund

Ja, sagt der Cannabisforscher Sandro Cattacin, «CBD ist beinahe eine Art Wundermittel, dessen vielfältige Einsatzzwecke erst langsam entdeckt werden». Der Soziologe widmet sich an der Universität Genf den Themen Cannabis und Drogenpolitik. CBD wird beispielsweise zur Therapie der Verhaltensstörung ADHS oder bei Schlafstörungen verwendet. Demnächst wollen Cattacin und sein Team Experimente mit Alzheimerpatienten starten.

Anders als im medizinischen Einsatzbereich gibt es laut Cattacin noch keine vernünftigen Studien zum CBD-Konsum als Genussmittel. «Fest steht, dass von Cannabis ohne THC keine Suchtgefahr ausgeht», sagt er. «Der hohe CBD-Anteil wirkt beruhigend auf den Organismus, macht aber nicht physisch abhängig.» Denkbar sei höchstens eine psychologische Suchtwirkung, so wie es auch Menschen gebe, die süchtig nach Äpfeln werden.

Cattacin weist allerdings darauf hin, dass Rauchen der denkbar schlechteste Weg zur Einnahme von CBD sei. Insbesondere, wenn es im Gemisch mit Tabak geraucht wird. «Gesünder wäre beispielsweise das Inhalieren durch ein Verdampfgerät.»

Fast 50 Leute im Einsatz

Die Hanfpflanzen, die für C-Pure eingesetzt werden, wachsen bisher alle in den acht Gewächshäusern, die den Ossinger Hof säumen. Dreimal jährlich können die Pflanzen auf den 5000 Quadratmetern geerntet werden. Bio-Can und die ausführende Gärtnerei Blühauf beschäftigen zehn Angestellte. In Erntezeiten kommen bis zu 35 Mitarbeiter hinzu. Die 24 bisherigen Verkaufspartner sind grösstenteils Hanfläden, darunter sind aber auch eine Tankstelle sowie ein Tabaklädeli.

Nach Angaben des BAG führt derzeit bereits eine zweite Firma ein ähnliches Produkt ein. Die Bio-Can AG will ihren Vorsprung auf die Konkurrenz derweil ausbauen: Drei Monate nach dem Start vergrössert sie Angebot und Anbau gleichermassen.

Nach «Fedora 14» hat die Firma mit «Fedtonic» eine zweite Linie lanciert. Sie ist aufwendiger im Anbau, was sich auch im Preis niederschlägt. Hinzu kommen weitere Gewächshäuser. Seit kurzem verpflanzen die Hanfbauern in der Nähe Stecklinge auf einer weiteren Fläche, die nochmals eine halbe Hektare gross ist.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt