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«Ein starkes Land mit einer starken Währung»

Jean-Claude Biver zieht Bilanz zur Uhrenmesse Baselworld. Der Chef der Uhrenmarken Hublot, Zenith und TAG Heuer hat im Unterschied zu vielen Branchenkollegen Verständnis für die Aufhebung des Euromindestkurses.

Herr über drei Uhrenmarken: Nach Hublot richtet Jean-Claude Biver jetzt auch TAG Heuer neu aus.
Herr über drei Uhrenmarken: Nach Hublot richtet Jean-Claude Biver jetzt auch TAG Heuer neu aus.
Christian Beutler, Keystone

Wegen der Frankenstärke und den Krisen in China und Russland ist die Baselworld 2015 eher pessimistisch gestartet. Wie fällt Ihre Bilanz zum Messeschluss aus?

Man kann die Messe – verglichen mit den Weinen – als guten Jahrgang bezeichnen. Man muss sich allerdings darauf einigen, was gut heisst. Ist das ein Zuwachs von 18 oder drei Prozent? Ich selber meine, man darf von einem Zuwachs von gut zwei bis drei Prozent sprechen. Bei einem miserablen Vorjahr wäre dies natürlich nicht gut, aber in der Folge auf ein Rekordjahr können wir in der Branche wirklich zufrieden sein. Deshalb spreche ich von einer guten Baselworld 2015.

Und welche Prognose geben Sie für das ganze Jahr 2015 im Hinblick auf die Uhrenbranche ab?

Nicht schlechter als 2014. Da hatten wir ein Wachstum von 2,8 Prozent und ich sehe das ganzjährige Wachstum wiederum in dieser Grössenordnung. Wenn wir jedes Jahr um drei Prozent wachsen, ist das phänomenal. Wir hätten mit 2015 fünf Rekordjahre hintereinander. Da kann man vor der Branche nur den Hut ziehen.

Die Frankenstärke macht Ihnen nicht gross zu schaffen?

Auf den starken Franken haben wir ja bereits reagiert und unsere Preise angepasst. Es ist die Stärke der Schweizer Uhrenindustrie, dass sie auf solche Entwicklungen schnell reagieren kann. Wir sind es gewöhnt, unsere Strukturen stets den Gegebenheiten anzupassen und den ganzen Apparat so zu steuern, dass die Rentabilität stimmt.

Was hilft auch in dieser Situation?

Dass die Schweizer so fleissig sind. Es ist ein Volk, das bereit ist, für denselben Lohn zwei Stunden länger zu arbeiten. Und wir haben Behörden, die uns unterstützen. Das ganze Umfeld ist nach wie vor positiv und davon profitiert unsere Industrie.

Von der Nationalbank fühlen Sie sich nicht im Stich gelassen?

Die Nationalbank hatte gar keine andere Wahl. Jetzt sind wir am Ball. Wir müssen einige Preise erhöhen und indirekte Kosten senken. Einen Teil der Euroschwäche gleichen wir durch die Preiserhöhung aus und den anderen Teil müssen wir eben auch von unserer Marge abgeben. In zwei Jahren ist das vergessen und dann sind wir noch stärker. Seit den Achtzigerjahren entwickelt sich die Uhrenbranche sehr schnell. Doch man kann nur schnell und lange laufen, wenn man kein Übergewicht hat, so wie ich (lacht).

Andere Kollegen machen der Nationalbank aber trotzdem Vorwürfe?

Die Nationalbank kann nicht gegen die ganze Welt ankämpfen. Die Chinesen halten ihre Währung tief, die Amerikaner machen das seit Jahrzehnten. Als ich 1975 in dieser Industrie angefangen habe, war ein Dollar noch 3.50 Franken. Jetzt ist er bei 0.95. Heute ist die Währung eine Kampfwaffe. Der Euro wird am liebsten im Keller gehalten, um so der Wirtschaft zu helfen. Wir kämpfen seit Langem mit einem starken Schweizer Franken. Aber unsere Angestellten sind eben sehr rentabel, sie arbeiten acht Stunden am Tag und verstehen, wieso sie vier statt sechs Wochen Ferien haben. Wir sind ein reifes Volk. Unsere Abstimmungen zeigen, dass das Volk genau weiss, was es tut. Im Ausland würden viele Abstimmungen ganz anders ausfallen. Da wir ein starkes Land sind, haben wir auch eine starke Währung.

Wie sieht denn die Situation auf den wichtigsten Exportmärkten aus?

China ist noch schwach für Luxus­uhren, aber wir befinden uns sicher in einer Konsolidierungsphase. Dadurch wird ein Fundament erstellt, auf dem aufgebaut werden kann. Ich bin überzeugt, dass sich China in diesem Jahr verbessern wird. Dasselbe gilt für Russland. Die Situation ist besser als vor einem Jahr. Ein Einkäufer aus Wien hat mir gestern gesagt, wir haben wieder Kunden aus Russland. Vielleicht sind sie noch nicht in Zürich, aber sie fangen wieder an zu reisen. Amerika und Japan laufen und auch für Europa sind die Zeichen positiv.

Ein grosses Thema an der diesjährigen Baselworld war die Smartwatch. Sie wollen da mit Tag Heuer ebenfalls mitmischen. Weshalb?

Wenn ich noch bei Blancpain wäre oder auch beispielsweise bei Zenith, die zu unserer Gruppe gehört, würde ich nicht eine Smartwatch machen. Diese Marken leben das Konzept der Ewigkeit. Dieses Konzept darf nicht verwässert werden. Tag Heuer hingegen hat einen Einstiegspreis von 900 Franken. Das ist gar nicht so weit weg von den Preisen verschiedener Smartwatches. Wir müssen deshalb aufpassen, dass wir diesen Teil unseres Segmentes nicht verlieren, weil eine jüngere Generation von der Quarzuhr abspringt und sich für einen vielleicht leicht geringeren Preis eine Smartwatch kauft. Wir haben uns deshalb gesagt, wir springen auf diesen Zug auf. Aber nicht in irgendein hinteres Abteil, sondern direkt in den Führerstand zum Lokomotivführer. Da sehen wir auch, wohin die Fahrt geht.

Und wie sind Sie auf Intel und Google gekommen?

Wir haben uns gefragt, welches die Lokomotiven dieser Entwicklung sind, und stiessen auf die grossen Firmen im Silicon Valley. Apple, Microsoft, Google und Intel sind dort die Giganten. Mit Apple wollten wir keine Partnerschaft eingehen, da Apple eine eigene Smartwatch produziert. Deshalb haben wir bei Intel angeklopft und wurden dort als Luxusmarke gleich willkommen geheissen. Mit ihren Chips in einer Tag-Heuer-Uhr stossen sie jetzt auch in den Luxusmarkt vor. Intel hat uns Android als System empfohlen und deshalb sind wir dann zu Google gegangen und wurden dort ebenfalls freudig empfangen. So entstand diese Partnerschaft.

Aber bei Hublot und Zenith wird es keine Smartwatches geben?

Nein, wir können Ewigkeit und Obsoleszenz nicht vermischen. Das ist wie bei einer Lithografie und dem originalen Gemälde. Eine Lithografie ist gut, hat aber eine Auflage von vielleicht 500 Stück. Deshalb kostet das originale Bild auch hundertmal mehr. Marken wie Hublot und Zenith sind Originale und nicht Lithografien.

Als Chef der LVMH-Gruppe können Sie sich jetzt so richtig ausleben. Hublot steht für das Topsegment, Zenith für Mechanik und Tag Heuer für Innovation. Ein Idealfall für Sie?

Völlig richtig. Wir haben drei Marken mit einer jeweils völlig anderen DNA und einem anderen Preis­segment und drei verschiedenen ­Botschaften. Da kann der Kunde auswählen, welches für ihn die richtige Marke ist.

Tag Heuer haben Sie jetzt ganz offensichtlich verjüngt.

Im Logo von Tag Heuer steht: «Swiss Avant-Garde Since 1860». Wenn man Avantgarde sein will, muss man stets nach vorne schauen. Man darf sich nie einholen lassen. Mit der neuen Connected Watch machen wir einen Sprung in die Zukunft. Aber auch die ganze Kollektion und Kommunikation von Tag Heuer erfährt eine Evolution. Wir wollen Avantgarde bleiben. Wie sagt ein tibetisches Sprichwort: «Wenn du den Gipfel erreicht hast, klettere weiter.» Man darf nie glauben, dass man angekommen ist.

Ist Zenith der nächste Gipfel, den Sie stürmen wollen?

Ja vielleicht. Zenith wird jetzt ganz auf das El-Primero-Werk ausgerichtet. El Primero ist die zentrale Säule der Marke und eine Legende. Legenden sterben nie. Auch hier arbeiten wir nach dem Konzept der Ewigkeit.

Zurück zur Baselworld. Einmal mehr wurden die Infrastruktur und die hohen Hotelpreise von Ausstellern kritisiert. Teilen Sie diese Meinung?

Gehen Sie an eine Messe in Mailand oder New York. Besuchen Sie die Fashion Week in Paris oder London. Schauen Sie sich die Preise an. Es ist doch ganz normal, dass diese bei solchen Veranstaltungen sehr hoch sind. Wenn die Hotelpreise das einzige Problem der Uhrenbranche sind, dann haben wir keine wirklichen Probleme.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Baselworld weiterhin die Leadermesse der Branche bleibt?

Ich sehe für die Branche eine Gefahr darin, dass wir mit dem Salon de la Haute Horlogerie in Genf und der Baselworld in Basel zwei Messen haben, die zu verschiedenen Zeitpunkten stattfinden. Die Distanz zwischen beiden Messeplätzen spielt dabei für einen Ausländer keine Rolle. Er kann problemlos zuerst Basel und dann Genf besuchen. Heute, wo jeder mit seiner Zeit und mit seinen Mitteln sparsam umgeht, mag es jedoch arrogant erscheinen, wenn die Schweizer verlangen, dass die Besucher zweimal in zwei Monaten hierher reisen und manchmal über zwölf Stunden fliegen müssen. Es würde der ganzen Uhrenbranche viel helfen, wenn die Termine beider Veranstaltungen besser koordiniert werden könnten. Sonst laufen Genf wie Basel Gefahr, dass die Kunden eines Tages nicht mehr kommen.

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