«Ein Netz aus Lügen und Täuschungen»

Pharmainvestor Martin Shkreli wurde von vielen für seinen schnellen Aufstieg bewundert. Die Anklageschrift malt aber das Bild eines Mannes, der von Anfang an auf Trickserei baute.

Zahlte 5 Millionen Dollar Kaution: Martin Shkreli.

Zahlte 5 Millionen Dollar Kaution: Martin Shkreli.

(Bild: Twitter)

Stefan Eiselin@tagesanzeiger

Kurz nach 22 Uhr Lokalzeit meldete sich Martin Shkreli zurück. «Froh, wieder zu Hause zu sein. Danke für die Unterstützung», postete er am Donnerstagabend bei Twitter. Die 14 Stunden zuvor waren wohl die schwierigsten im Leben des selbsternannten Pharmamanagers und Hedgefonds-Gründers. Um 8.30 Uhr morgens hatte ihn das FBI in seiner Wohnung verhaftet. Shkreli drohen bis zu 20 Jahre Haft.

Shkreli wäre nicht Shkreli, wenn er die von den Bundesstaatsanwälten des Bezirkes Brooklyn dokumentierten Tatbestände der Täuschung von Anlegern und Hinterziehung einfach zugeben würde. «Nicht schuldig», plädierte er am Donnerstag bei der Einvernahme. Nach Bezahlung einer Kaution von 5 Millionen Dollar kam der 32-Jährige mit dem jungenhaften Gesicht wieder frei. Er musste seinen Pass abgeben und darf New York nicht verlassen. Eine grosse Strafe ist das nicht. Sein Luxusappartement in Manhattan liegt an privilegierter Lage und bietet Shkreli eine grandiose Aussicht.

Grandiose Aussicht: Blick vom Dach des Wohnhauses, in dem Shkreli wohnt. Bild: Twitter

Gordon Gekko mit Hip-Hop

Die Verhaftung hat Shkrelis Bewunderung in gewissen Kreisen keinen Abbruch getan. «Martin Shkreli, der coolste Mufucka des Planeten», tweetete ein Fan kürzlich. Der Sohn kroatisch-albanischer Immigranten inszeniert sich selbst gerne als Typ, der weiss, wie man Geld macht, zugleich aber das Leben zu geniessen weiss – in der Art einer neuen Generation. Shkreli trinkt teuren Wein und fährt schnelle Autos wie Wallstreet-Filmfigur Gordon Gekko. Er verehrt aber genauso harten Hip-Hop wie die Jungs aus den New Yorker Unterschichtsquartieren.

Die Anklageschrift zeichnet indes eine Karriere eines typischen Kleinkriminellen nach. Sie scheint schon sehr früh fast vollständig auf Unwahrheiten aufgebaut zu haben. Tricksereien waren keine Einzelereignisse, sondern der rote Faden im Geschäftsleben Shkrelis. «Ein Netz aus Lügen und Täuschungen», urteilen die Staatsanwälte.

Schwere Vorwürfe: Die Anklageschrift gegen Shkreli. Bild: US Attorney

Verluste, Verluste, Verluste

2006: Shkreli gründet Elea Capital. Mit dem Hedgefonds wettet er auf fallende Aktienkurse. Die Börsen steigen aber weiter. Schon 2007 türmen sich hohe Verluste auf. Seine Hausbank Lehman Brothers verlangt 2,3 Millionen Dollar zum Ausgleich des Finanzlochs. Shkreli kann gemäss Anklageschrift nicht zahlen und wird eingeklagt.

2009: Shkreli gründet MSMB Capital. Dieses Mal soll er die Investoren von Anfang an getäuscht haben, so die Staatsanwälte. So behauptete Shkreli, der neue Fonds verwalte 35 Millionen an Kundenvermögen. In Tat und Wahrheit soll er weniger als 700 Dollar in der Kasse gehabt haben. Shkreli legte Interessenten gemäss Anklageschrift gefälschte Performance-Ausweise vor. Das klappt. Er sammelt 3 Millionen bei Investoren ein.

2011: Bei Wetten auf fallende Kurse und anderen Spekulationen verliert MSMB 8 Millionen Dollar. Der Wert des Fonds betrug noch 58'000 Dollar, nachdem er dank dem Geld von Investoren einmal auf 1,1 Millionen gestiegen war. Trotz der Verluste schrieb Shkreli gemäss Anklageschrift an seine Anleger, der Fonds schreibe Gewinn. Wer seit Anfang an dabei gewesen sei, habe seinen Einsatz verdoppelt. Zu jener Zeit soll der Fonds aber bereits mittellos gewesen sein.

Das Geldvermehrungsvehikel versagt

2011: Shkreli gründet ohne Branchen-Know-how die Biotechfirma Retrophin und wird deren Chef. Die Firma spezialisiert sich auf Medikamente gegen seltene Krankheiten und notiert ihre Aktien an der Börse. So fliessen dem Unternehmen rund 540 Millionen Dollar zu. Das Unternehmen soll Shkreli als «persönliches Sparschwein» missbraucht haben, so die Staatsanwälte. Unter anderem zahlte er mit 11 Millionen aus der Firmenkasse enttäuschte Investoren von MSMB Capital aus. Dazu vereinbarte er als Chef von Retrophin mit diesen Investoren fingierte Beraterverträge.

2012: Während er bei MSMB Capital massive Verluste einfährt, sucht Shkreli Anleger für einen neuen Fonds, MSMB Healthcare. Er behauptet gemäss Anklageschrift auch dieses Mal, der Fonds habe 55 Millionen an Kundengeldern eingesammelt. Und er produziert erneut gefälschte Leistungsausweise. Dass ihn Merril Lynch wegen der Verluste bei MSMB Capital auf 7 Millionen verklagt, soll er verschwiegen haben. Um die Investmentbank vorübergehend ruhigzustellen, zahlt er ihr 900'000 Dollar aus der Kasse von MSMB Healthcare. Auch der neue Fonds versagt als Geldvermehrungsvehikel und schreibt tiefrote Zahlen.

Keine Ermüdungserscheinungen

2014: Im September entlässt Retrophin Mitgründer Shkreli und verklagt ihn wegen Fehlverhaltens.

2015: Shkreli zeigt keine Ermüdungserscheinungen. Im Februar gründet er die ähnlich aufgestellte Turing Pharmceuticals mit Sitz in New York und Baar ZG zusammen mit Ex-Mitarbeitern von Retrophin. Im September hebt er den Preis des Medikamentes Daraprim von 13.50 Dollar auf 750 Dollar an. Das Mittel wird im Kampf gegen Malaria und HIV eingesetzt. Die Preistreiberei löst weltweit Kritik aus. Shkreli scheint es zu geniessen. Im November übernimmt er die Biotechfirma Kalos Bios, die zuvor mitgeteilt hatte, sich aufzulösen, da entwickelte Wirkstoffe in Tests floppten. Der Kurs schiesst 70 Prozent in die Höhe. Auch da sind die Strafverfolger skeptisch. Der Deal wird ebenfalls untersucht.

Martin Shkreli, der coolste Mufucka des Planeten?

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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