Zum Hauptinhalt springen

Ein Glücksfall für Holcim

Wolfgang Reitzle hat mit dem Totalumbau von Linde und als Krisenmanager von Continental gezeigt, dass er als Konzernstratege höchste Ansprüche erfüllt.

Holcim-Verwaltungsratspräsident Wolfgang Reitzle an der GV in Zürich. Foto: Keystone
Holcim-Verwaltungsratspräsident Wolfgang Reitzle an der GV in Zürich. Foto: Keystone

Holcim-Präsident Wolfgang Reitzle scheint sich sehr sicher zu sein, dass die Aktionäre des Zementkonzerns am 8. Mai die Fusion mit Lafarge mit dem nötigen Zweidrittelmehr absegnen. Dies umso mehr, als der US-Fonds Harris Associates, der 6,4 Prozent an Holcim hält, dieser Tage ein Ja zur Fusion signalisierte. Anders ist kaum erklärbar, warum Reitzle dem russischen Zementzaren Filaret Galchew gestern lapidar mitteilen liess, sein Antrag auf Zuwahl in den Verwaltungsrat von Lafarge-Holcim komme zu spät. Ohne ein Wort des Bedauerns, ohne Hinweis, Galchews Antrag sei zu einem späteren Zeitpunkt willkommen.

Reitzle geht davon aus, dass neben Harris weitere US-Fonds mit Holcim-Paketen dem Deal zustimmen. Die Fonds gingen den Deal «ohne Emotionen» an, begründete er seine Zuversicht letzte Woche, als der designierte Chef von Lafarge-Holcim vorgestellt wurde. Reitzle hielt damals fest, wenn Harris für die Fusion stimme, könne der Zementzar «machen, was er will».

Neustart bei Linde

Der Ausgang der Abstimmung ist ohnehin nicht entscheidend. Reitzle macht sich zwar nach den jüngsten Verbesserungen zugunsten der Holcim-Aktionäre stark für die Fusion. Scheitert der Deal mit Lafarge jedoch, ändert sich für Reitzle bloss die Ausgangslage. Denn zum einen hat nicht er den Deal eingefädelt, sondern sein Vorgänger Rolf Soiron, der bis am 29. April 2014 den Verwaltungsrat von Holcim präsidierte. Zum anderen machten die erheblich eingetrübten Gewinnaussichten von Lafarge seit Ankündigung der Fusion vor Jahresfrist sichtbar, dass Holcim weit weniger auf den Deal angewiesen ist als die Franzosen.

Reitzles Erfolgsausweis belegt, dass Holcim mit ihm an der Spitze für beide Szenarien gut gerüstet ist. Als er bei der Besetzung des BMW-Chefpostens übergangen wurde, holte der damalige Ford-Chef Jacques Nasser den «besten Automann der Welt», um Jaguar, Lincoln, Aston Martin, Volvo und Land Rover zur Luxusgruppe auszubauen. Drei Jahre später wurde Nasser gefeuert und Reitzles kostspielige Wachstumsstrategie verlor den Rückhalt in der Zentrale.

Reitzle wagte einen Neustart bei Linde, wo er 2003 Chef wurde. Der Kurs des Mischkonzerns war auf ein Allzeittief knapp unter 23 Euro gefallen, der Börsenwert niedriger als das Eigenkapital. Angriffe von Heuschrecken drohten.

Alles auf eine Karte gesetzt

Der promovierte Maschinenbauer und Wirtschaftsingenieur setzte alles auf eine Karte. Der Firmensitz wurde nach München verlegt, die Sparten Kältetechnik und Gabelstapler für 4,3 Milliarden Euro verkauft – und Linde auf das hochmargige Geschäft Industriegase fokussiert. Die Erlöse halfen 2006, die Kosten für die Akquisition des britischen Industriegase-Konzerns BOC von 8,2 Milliarden Pfund aufzubringen.

Anders als die grössten Konkurrenten, Air Liquide und Air Products, beliess es Reitzle nicht dabei, Linde als hoch fokussierten, solide profitablen Spezialisten für Gase zu positionieren. 2012 folgte über zwei Zukäufe für gut 5 Milliarden Dollar eine Expansion im Wachstumsmarkt Medizinalgase. Linde stieg zum global aufgestellten Branchenleader mit 65'000 Mitarbeitenden und 17 Milliarden Euro Umsatz auf. Als Reitzle vor einem Jahr mit 65 altershalber bei Linde zurücktrat, war der Börsenwert in 11 Jahren von 4 auf 28 Milliarden Euro geklettert. Investoren, die bei Reitzles Amtsantritt Linde-Aktien kauften und hielten, haben damit eine jährliche Rendite von 17 Prozent erzielt, der Dax-30 brachte in dieser Zeit mit 10 Prozent im Jahr markant weniger. Reitzle sei ein «wahrer Glücksfall» gewesen, sagte Lindes Präsident an der Abschieds-GV.

Glück mit Reitzle hatte auch der Autozulieferer Continental, der ihn 2009 als Präsidenten des Verwaltungsrats an die Spitze setzte. Eine gewaltige Herausforderung für den talentierten Reformer, sollte er doch Continental nach monatelangen Machtkämpfen mit dem Hauptaktionär Schaeffler in ruhigere Bahnen lenken. Continental war hoch verschuldet, musste dringend milliardenschwere Kredite ablösen.

Sehr zustatten kam Reitzle nun die Erfahrung aus 26 Jahren in der Autoindustrie. Als Fertigungsspezialist stieg er 1976 bei BMW ein – und 1987 mit 38 Jahren in die Konzernleitung auf. Unter seiner Führung als Entwicklungschef wurde BMW zum global bedeutenden Hersteller, der 1992 erstmals mehr Autos produzierte als Mercedes. Reitzle machte sich bei BMW schon in den Achtzigerjahren für energieeffiziente Motoren stark.

Um den Schuldenberg von 10 Milliarden Euro abzubauen, den Continental mit dem Kauf des Autozulieferers VDO 2007 gemacht hatte, liess Reitzle den Konzern jahrelang auf Effizienz trimmen. Reitzles Ansage, Continental solle Bosch einholen, wurde in der Branche zunächst belächelt. Inzwischen rückt der Angreifer Bosch immer näher auf die Pelle. Konnte Bosch in den vergangenen fünf Jahren den Umsatz im Autogeschäft um 17 Prozent steigern, steigerte Continental den Umsatz um 35 Prozent. Wobei Bosch sich mit 2 Prozent Umsatzrendite begnügen musste, während Continental fast auf das Dreifache kam.

Schneller, schlanker, effizienter

Schneller, schlanker und effizienter will Reitzl auch Holcim machen, egal, ob künftig mit oder ohne Lafarge. Und dies als aktiver Präsident, der strategisch die Ziele vorgibt, die Verschmelzung von Firmen als Moderator leitet, im Management für «Erdung» sorgt. Sein Leistungsausweis spricht dafür, dass er auch im neuen Amt als Problemlöser mit Fingerspitzengefühl ein Glücksfall ist.

Viel Zeit für die Familie und für seine Leidenschaft Golf bleibt dem 66-Jährigen nicht bei der Doppelbelastung als Präsident von Continental und Holcim. Der passionierte Golfer ist seit 2001 mit der Moderatorin Nina Ruge verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter aus erster Ehe.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch