Ein Armutszeugnis für ABB

Einer der grössten Industriekonzerne der Welt muss sich mit einem Interimschef behelfen – weil der Verwaltungsrat versagte.

Der Verwaltungsrat hatte genug von seinem Führungsstil: Ulrich Spiesshofer – ehemaliger ABB-Chef. Foto: Keystone

Der Verwaltungsrat hatte genug von seinem Führungsstil: Ulrich Spiesshofer – ehemaliger ABB-Chef. Foto: Keystone

Peter Burkhardt@PeterBurkhardt

Seit Monaten machten Gerüchte die Runde, Ulrich Spiesshofer werde als Chef des Elektrotechnikkonzerns ABB abgesetzt. Gestern war es so weit. Aus der Sicht der Aktionäre war es höchste Zeit, denn für sie war die Ära Spiesshofer ein Misserfolg.

Er hat zwar mit drastischen Kostensparprogrammen, dem Verkauf schlecht laufender und dem Kauf zukunftsträchtiger Geschäfte die Profitabilität verbessert. Aber es ist ihm misslungen, die seit Jahren angekündigte Beschleunigung des Wachstums zu liefern.

So richtig Spiesshofers Absetzung ist, so schlecht hat sie der Verwaltungsrat gemanagt. ABB, mit 147'000 Mitarbeitern einer der grösseren Industriekonzerne der Welt, wird seit gestern auch operativ vom Verwaltungsratspräsidenten Peter Voser geführt, der als Interims-CEO eingesprungen ist.

Dem Verwaltungsrat war seit dem Herbst klar, dass er Spiesshofer loswerden will.

Eine solche Doppelrolle mag in Notlagen angebracht sein, etwa dann, wenn es zu einem Zerwürfnis auf der obersten Führungsebene kam und ein abrupter Führungswechsel unvermeidlich ist.

Wie aus Vosers Umfeld verlautet, war das aber nicht der Fall. Dem Verwaltungsrat war seit dem Herbst klar, dass er Spiesshofer loswerden will – angeblich, weil der straffe Führungsstil des Konzernchefs nicht mehr zur neuen Strategie passte, die im Dezember vorgestellt, aber einige Monate zuvor erarbeitet wurde. Sie sieht lange statt kurze Leinen für die vier Geschäftssparten vor. Dafür war Spiesshofer der Falsche.

Drei Grossbaustellen eröffnet

Trotzdem versäumte es der Verwaltungsrat, für einen reibungslosen Übergang zu sorgen und rechtzeitig die Nachfolgesuche einzuleiten. Voser mag es recht sein. Denn er wird als Interimschef einiges dazuverdienen. Und er hat mit Spiesshofers Absetzung Zeit gewonnen, um seinen eigenen Job zu retten. Doch für ABB ist die Übergangslösung inmitten einer turbulenten Zeit schlecht.

Der Konzern hat eben erst drei grosse Baustellen eröffnet: den Verkauf des Stromnetzgeschäfts, die Vereinfachung der Unternehmensstruktur und erneute Kosteneinsparungen. Sie werden ABB noch über Jahre beschäftigen. Und ganz zuoberst herrscht Unsicherheit, wie es weitergehen wird.

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