E-Patientendossier: «Viel komplexer als gedacht»

Swisscom und die Post wollen an Patientendaten mitverdienen. So einfach scheint das allerdings nicht.

Statt auf Papier sollen Diagnosen bald digital verfügbar sein. Foto: Keystone

Statt auf Papier sollen Diagnosen bald digital verfügbar sein. Foto: Keystone

Erich Bürgler@sonntagszeitung

Zwei Staatsbetriebe haben das grosse Geschäft im Gesundheitssektor gewittert. Die Post und die Swisscom sehen darin eine Möglichkeit, ihr teilweise wegbrechendes Stammgeschäft zu kompensieren. Dabei bekämpfen sie sich gegenseitig und investieren Millionen. Doch statt Erfolge im 70 Milliarden Franken schweren ­Gesundheitsmarkt zu vermelden, mussten die beiden Unternehmen ­zuletzt Rückschläge hinnehmen.

Swisscom und die Post wollen an Patientendaten mitverdienen. Sie positionieren sich mit jeweils unterschiedlichen Informatikplattformen für das elektronische Patientendossier (EPD). Damit sollen Patienten digital auf ihre Krankenakten zugreifen können. Diagnosen und Therapien sollen elektronisch gespeichert werden. Patienten können ihre Daten für Ärzte und Spitäler freigeben.

Swisscom verliert lukratives Zusatzgeschäft

Bei der Realisierung einer schweizweiten Lösung gibt es allerdings jahrelange Verzögerungen. Eigentlich hätten die Systeme schon 2018 bereit sein sollen, nun ist von 2020 die Rede. Swisscom und die Post kämpfen mit Problemen und hinken im Zeitplan hinterher. Die Swisscom liefert die technische Plattform für Axsana, eine vom Kanton Zürich und verschiedenen Verbänden im Gesundheitswesen gegründete Aktiengesellschaft, die den Aufbau und Betrieb von elektronischen Patientendossiers organisiert. Mittlerweile haben sich verschiedene Kantone Axsana angeschlossen. Neben Zürich gehören Bern und Zug dazu. Auch Spitäler aus anderen Deutschschweizer Kantonen sind Kunden. Das macht Axsana zu einem der wichtigsten Player bei der Einführung des Patientendossiers.

Doch die Staatsbetriebe haben sich das Geschäft im Gesundheitssektor offenbar einfacher vorgestellt. «Die Entwicklung des elektronischen Patientendossiers ist viel komplexer als gedacht. Alle haben das unterschätzt – auch die grossen Technikanbieter, die Swisscom und die Post», sagt Axsana-Geschäftsführer Samuel Eglin. Bei Axsana hat man nun reagiert und die Zusammenarbeit mit der Swisscom eingeschränkt. Ursprünglich war geplant, dass Swisscom auf der Axsana-Plattform neben dem Patientendossier exklusiv zusätzliche Dienstleistungen verkaufen darf. Vorgesehen waren beispielsweise Überweisungen von Patienten zur Therapie oder Anmeldungen zu Untersuchungen. Diese Services sollten für die Swisscom die eigentlichen Geldbringer im Projekt EPD werden und die Entwicklungskosten wieder hereinholen. Doch daraus wird nichts. Es habe sich gezeigt, dass solche Angebote aus einer Hand die Bedürfnisse «nicht zufriedenstellend abdecken und zu einer langen Entwicklungsdauer führen», schreibt Axsana in einer Information an Kunden.

Offensichtlich kommt die Swisscom mit der Entwicklung viel zu langsam voran. Das exklusive Zusatzgeschäft nimmt Axsana der Swisscom deshalb weg und öffnet es auch für andere Technikanbieter. Das Patientendossier droht damit für den Telecomanbieter zum Verlustgeschäft zu werden. «Die Swisscom wird ihre Entwicklungskosten für das Patientendossier wohl nicht vollständig refinanzieren können», sagt Axsana-Chef Eglin.

Kantone fordern Zusammenarbeit der Staatsbetriebe

Auch bei der Post läuft es nicht rund. Jahrelang hat der gelbe Riese in eine eigene Plattform für das elektronische Patientendossier investiert – vergebens. Im September hat die Post die eigene Lösung aufgegeben. Stattdessen setzt sie nun auf die Technik des deutschen Konzerns Siemens.

Die Post ist beim Patientendossier die grosse Gegenspielerin von Swisscom. Sie ist vor allem in Westschweizer Kantonen, aber auch im Aargau, Glarus und in Graubünden aktiv. Ex-Post-Chefin Susanne Ruoff hatte den Gesundheitsmarkt stets als wichtigen Innovationstreiber hervorgehoben. Nach dem Abgang Ruoffs stellt Post-Präsident Urs Schwaller das Gesundheitsgeschäft und andere Projekte auf den Prüfstand. Man müsse sich fragen, ob man weiterhin in teure Vorhaben investiere, die bescheidene Erträge abwerfen, so Schwaller. Weder die Post noch die Swisscom geben Gewinn- oder Umsatzzahlen zu ihren Aktivitäten im Gesundheitssektor bekannt.

Swisscom versucht sich schon seit Jahren im Gesundheitswesen – ohne sichtbaren Erfolg. «Swisscom Health hat innerhalb des Konzerns eine sehr kleine Bedeutung. Das Management spricht kaum darüber», sagt Andreas Müller, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank.

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Derweil drängen die Kantone, die die Digitalisierung der Patientenakten mit Steuergeldern unterstützen, auf eine Zusammenlegung der Aktivitäten von Post und Swisscom. Der Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger hält den Wettbewerb zwischen den Staatsbetrieben nicht mehr für sinnvoll. «Sogar die grossen Technikprovider Swisscom und Post haben enorme Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer EPD-Lösung. Ein Zusammenschluss der Aktivitäten würde die Kompetenzen bündeln und die Probleme verkleinern.»

Verschiedene Kantone führen laut Heiniger Gespräche über eine gemeinsame Lösung. Darunter seien auch Vertreter aus Genf und der Waadt. «Anfang 2019 werden verschiedene Kantone die Gespräche zum EPD vertiefen. Ein Konsens zu einer einheitlichen Lösung zeichnet sich ab», sagt der Gesundheitsdirektor. Auch Michael Jordi, Zentralsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz, sagt: «Wir wollen, dass das Patientendossier gemäss Zeitplan zur Anwendung kommt und funktioniert. Ein Zusammenschluss der Aktivitäten von Swisscom und der Post könnte dabei helfen.»

Die Swisscom zeigt sich von dieser Idee wenig begeistert. Die Entwicklung ihrer eigenen Plattform sei weit fortgeschritten. «Würden beide Plattformen jetzt zusammengelegt, würde die fristgerechte Einführung verunmöglicht», sagt ein Sprecher. Die Post antwortet auf die Frage eines möglichen Zusammenschlusses weniger abweisend: «Sollte sich dies abzeichnen, würden Post und Swisscom gemeinsam darüber informieren.»

Die Zeit für eine Entscheidung drängt. Laut einer aktuellen Studie ist die Schweiz bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens weit abgeschlagen. Länder wie Spanien, Israel und Portugal sind deutlich fortschrittlicher.

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