Diese US-Konzerne bestimmen fortan das Streaming-Angebot

Zwei US-Konzerne reagieren auf Apple TV+ und bestimmen mit Amazon, Disney und Netflix künftig auch das Angebot in Europa.

«Apple hat stets versucht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen»: Mit grossen Worten kündigte Apple-Chef Tim Cook den eigenen Streaming-Dienst an. Foto: Keystone

«Apple hat stets versucht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen»: Mit grossen Worten kündigte Apple-Chef Tim Cook den eigenen Streaming-Dienst an. Foto: Keystone

Walter Niederberger@WaltNiederberg

«Alles, was das Licht berührt, ist unser Königreich.» Das Zitat aus «The Lion King», der lukrativen Filmserie von Disney, beschreibt nicht nur den Erfolg des Hollywood-Unternehmens. Es steht auch für einen Konsumwandel, der mit dem Einstieg von Apple ins Streaming an globalem Schwung gewinnt. Die geballte Ladung von Film- und Videoangeboten wird auch Europa erfassen.

Wie sich das von amerikanischen Firmen dominierte Streaming auf die Qualität auswirken wird, ist noch offen. Doch schon jetzt glauben Medienexperten, dass die finanziell stärksten Unternehmen wie Apple, Disney und Amazon kleinere Anbieter zu Fusionen oder Übernahmen zwingen könnten. Dies deshalb, weil die Film- und Videoschätze der letzten Jahrzehnte ausserordentlich teuer sind und auch die Produktion neuer Inhalte hohe Kosten verursacht. Netflix etwa investiert allein dieses Jahr gegen 15 Milliarden Dollar in neue Serien und Filme, und Amazon dürfte für die Eigenproduktionen mehr als 16 Milliarden Dollar einsetzen.

Bildstrecke: Apples TV-Event

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Noch dominieren Netflix und Amazon mit 139 Millionen bzw. 97 Millionen zahlenden Kunden den Streamingmarkt. Doch neben Apple steigen in Kürze zwei weitere Konzerne in den Markt ein, die bereit waren, dafür rekordhohe Summen zu bezahlen. Der Telekomkoloss AT&T zahlte satte 85 Milliarden für das Medienunternehmen Time Warner, um sich dafür populäre Serien und Filme wie «Games of Thrones» und «Batman» zu sichern. Wie Apple hofft AT&T den alten Kundenstamm mit einem Streamingdienst an sich binden und finanziell die Stagnation des Kerngeschäfts wettmachen zu können.

Diese Pläne wollte sich der grösste Kabelnetzbetreiber des Landes, Comcast, nicht bieten lassen. Auch Comcast fürchtet um das Kerngeschäft, weil immer mehr Kunden den TV-Kabelanschluss kappen. Der Konzern beschleunigte aus Angst um die Konkurrenz von Apple das Streamingprojekt und startete bereits diese Woche – nicht wie geplant im November – einen zunächst rudimentären Dienst für fünf Dollar pro Monat. Apple TV+ dagegen dürfte gemäss Branchenkennern pro Monat 20 bis 30 Dollar kosten.

«Der Deal von Disney wird die ganze Unterhaltungslandschaft umkrempeln.»Michael Nathanson, Medienanalyst

Den grössten Sprung aber machte Disney. Der Hollywood-Konzern ist nicht für gewagte und ungewöhnliche Inhalte bekannt, sondern versteht sich als familienfreundlich und massentauglich. Firmenchef Robert Igner überlegte sich deshalb, die Filme auf Netflix zu verbreiten, entschied sich aber schliesslich dazu, eine Vollkonkurrenz zu starten. Dafür erwarb er für 71 Milliarden Dollar sämtliche Film- und Videorechte von Fox und machte Disney mit Klassikern wie «Die Simpsons» und «X-Men» auf einen Schlag zum global grössten Unterhaltungskonzern.

Der Entscheid, die Filme und TV-Serien nicht für Netflix oder Apple freizugeben, sondern auf einem eigenen Streamingkanal anzubieten, sei wegweisend, sagt der Medienanalyst Michael Nathanson. «Der Deal wird die ganze Unterhaltungslandschaft umkrempeln.»

Starten will Disney mit einer exklusiven «Star Wars»-Serie, doch will Igner erst in zehn Tagen bekannt geben, mit welchen neuen Angeboten er jüngere Konsumenten gewinnen will. Denn um sie geht es schliesslich. Bereits jetzt zapfen in den USA zwei Drittel der 24- bis 35-Jährigen Filme und Videos nur noch über Streamingkanäle an. In den USA bezahlen gemäss Statista auch 44 Prozent der Konsumenten für einen Streamingdienst, während es in der Schweiz erst 17,7 Prozent sind. Immerhin schalten sich schon 45 Prozent der 19- bis 25-Jährigen in der Schweiz bei Netflix zu.

Nutzer beginnen die Güte der Produkte anzuzweifeln

Tim Cook erklärte zu Wochenbeginn die Neuausrichtung von Apple als Service-Unternehmen mit grossen Worten. «Apple hat stets versucht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen», sagte er, «wir glauben zutiefst an die Macht der Kreativität.» Aber die aus Hollywood ins Silicon Valley aufgebotenen Stars hatten wenig Aufregendes zu präsentieren. Die Serie «The Morning Show» mit Jennifer Aniston, Reese Whiterspoon und Steve Carell ist ebenso leicht verdauliche Kost, wie das Revival einer Steven-Spielberg-Serie niemanden überrascht.

Was noch fehlt, sind innovative und spannende Angebote wie «House of Cards» oder «Orange Is the New Black», die Netflix erfolgreich gemacht haben. Cook muss erst noch beweisen, schreibt das Fachmagazin «Vanity Fair», dass er im Streaming qualitativ den gleichen Ansprüchen genügt wie für das iPhone.

Überhaupt noch nicht geführt ist die Diskussion darüber, wie sich die Verschmelzung von Hollywood- und Silicon-Valley-Firmen auf das globale Unterhaltungsangebot auswirken wird. Die Streamingdienste von Apple, Amazon, Netflix und Disney verfolgen weltweite Ambitionen, und das zu einem Zeitpunkt, an dem Nutzer die Güte der Produkte anzuzweifeln beginnen. Netflix etwa produziert derzeit mehr gewalttätige Serien denn je und wird deswegen zunehmend kritisiert. Gemäss dem Branchenblog «Cordcutting» gaben die Nutzer 2012 Netflix noch 4,2 von 5 möglichen Sternen, doch 2018 waren es nur noch 3,2 Sterne.

Immerhin scheint Netflix-Chef Reid Hoffman nun gegensteuern zu wollen. Er gab Martin Scorsese ein Budget von 100 Millionen Dollar, um seinen Traum eines Politthrillers («The Irishman») verwirklichen und vor drei Wochen abschliessen zu können. Und mit dem Sozialdrama «Roma» holte Netflix als erstes Streaming-Unternehmen überhaupt einen Oscar. Das ist die Vorgabe, an der die Rivalen gemessen werden.

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