Die unheimliche Macht von «Choc-Finger»

Seinen Übernamen verdankt Anthony Ward dem Vergleich mit dem Bond-Bösewicht «Goldfinger». Eben hat der mächstigste Händler im Kakaogeschäft sieben Prozent der jährlichen Ernte eingekauft.

Seinen Übernahmen hat er vom James Bond-Bösewicht «Goldfinger»: «Choc-Finger» Anthony Ward (links), Kakaoernte in der Elfenbeinküste (rechts).

Seinen Übernahmen hat er vom James Bond-Bösewicht «Goldfinger»: «Choc-Finger» Anthony Ward (links), Kakaoernte in der Elfenbeinküste (rechts).

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Der Mann bietet Stoff für Verschwörungsstorys. Kein Wunder trägt er – in Anlehnung an den James-Bond-Bösewicht «Goldfinger» – bereits den Übernamen «Choc-Finger»: Anthony Ward, 50-jährig, Brite und der wohl mächtigste Mann im Handel mit dem Schokoladen-Rohstoff Kakao. Auf Facebook gibt es bereits eine Gruppe mit dem Namen: «Let's Sink Anthony Ward («Choc Finger») and his greedy ilk» – zu Deutsch: «Lasst Choc-Finger und sein gieriges Gesindel untergehen.» Seinem Ruf hat Ward erneut alle Ehre gemacht, als er laut angelsächsischen Medienberichten bis Mitte Juli rund sieben Prozent der gesamten Kakaoernte eines Jahres, insgesamt 241'000 Tonnen, für rund eine Milliarde Dollar aufgekauft hat. Die Menge reicht aus, um fünf Milliarden Schokoriegel herzustellen.

Die Kakaomärkte befinden sich seither in Aufruhr. Konkurrierende Händler beschuldigen Ward, mit seiner Aktion den Kakaomarkt zu «cornern», das heisst mit einer Verknappung des Angebots den Preis des Rohstoffs künstlich hochzutreiben. Tatsächlich befand sich dieser Mitte Juli auf einer Höhe wie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr. Auf Blogs von Topökonomen wie Paul Krugman, Donald Marron und weiteren wird bereits heftig darüber debattiert, wie es einem mächtigen Händler allein möglich sein kann, durch seinen Grosseinkauf Profite zu generieren (siehe Infobox links).

Nicht der erste Coup dieser Art

Besonderen Grund zur Sorge haben die Schweizer, die weltweit für ihre Schokolade berühmt sind. In keinem Land der Welt wird ausserdem pro Kopf so viel Schokolade verspiesen wie hierzulande – pro Jahr rund zwölf Kilogramm. Steigt der Preis durch die Aktivitäten des Schokoladenkönigs an – wie Ward ebenfalls genannt wird – wird das süsse Vergnügen teurer.

Der jüngste Coup von Anthony Ward ist keineswegs sein erster auf dem Kakaomarkt. Auch im Jahr 2002 hat er fünf Prozent der damaligen Kakaomenge auf den Weltmärkten eingekauft, insgesamt 202'000 Tonnen. Sein Gewinn soll sich auf 40 Millionen Dollar belaufen haben. Dass solche Deals allerdings nicht immer profitabel sind, zeigt eine noch frühere Aktion von Ward. 1996 kaufte er sogar 300'000 Tonnen – zehn Prozent der damaligen Welternte. «Choc-Finger» hat darauf gesetzt, dass die Ernte in der Elfenbeinküste (das Land hat einen Anteil von 40 Prozent an der gesamten Kakaoproduktion) schlecht ausfallen wird. Doch die Ernte fiel prächtig aus, die Preise fielen und Ward musste seinen Kakao mit hohen Verlusten abstossen.

Ein Kakao-Nachrichtendienst sorgt für den Informationsvorsprung

«Choc-Finger» war bei dieser verlustbringenden Spekulation allerdings noch nicht selbstständig. Er leitete die Kakaoabteilung des legendären Rohstoffhandelshauses Phibro, das zur Investmentbank Salomon Smith Barney gehörte. Schon 1998 gründete Ward zusammen mit einem Partner sein eigenes Kakao-Handelshaus Armajaro. Der seltsame Name der Gesellschaft setzt sich aus den Namen der Kinder der beiden Gründer zusammen.

Mit Armajaro hat Ward einen eigentlichen Kakao-Nachrichtendienst aufgebaut. Jährlich sendet er seine Leute an die Elfenbeinküste, um den Verlauf der Ernte genau zu beobachten, zusätzlich hat er ein ganzes Netz von Wetterstationen aufgebaut, um die Bedingungen für die Pflanzen besser und früher als alle anderen zu kennen. Diesen Kenntnissen verdankt er seinen Gewinn im Jahr 2002. Er war genau darüber informiert, dass die Ernte in der Elfenbeinküste wegen kranken und alten Bäumen schlecht ausfallen würde. Ausserdem herrschte im Land ein Bürgerkrieg. Das trieb die Kakaopreise in die Höhe.

Bösewicht oder guter Prognostiker

Weder Medienberichte noch andere Kakaohändler sind sich darüber einig, welchen Umständen Ward vor allem seinen geschäftlichen Erfolg verspricht: Seinen profunden Kenntnissen des Kakaomarkts oder seiner Marktmacht. Sind es nur seine Kenntnisse, dann bedeuten die gigantischen Einkäufe nur, dass er wie alle anderen Händler auf eine künftige Entwicklung wettet. Ist es seine Marktmacht, dann beeinflusst er mit den Deals den Markt zu seinen Gunsten. Wahrscheinlich ist, dass seine Marktkenntnisse ihm zum Aufstieg verholfen haben und er heute zusätzlich auch von seinem Einfluss auf die Märkte profitiert.

Seit Wards Grosseinkauf Mitte Juli ist der Kakaopreis an der Londoner Börse (Liffe) wieder drastisch gefallen – von 2732 Pfund auf 2254 Pfund, was einem Rückgang von mehr als 17 Prozent entspricht. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass «Choc-Finger» dadurch Verluste erlitten hat. Möglicherweise hat Ward seinen Kakao bereits ausserhalb der Börse auf einen späteren Termin wieder verkauft. Oder er weiss mehr über die Entwicklung der kommenden Ernten. Fallen sie schlecht aus, wird «Choc-Finger» tüchtig Kasse machen. Für Schokoladenliebhaber wäre das aber eine schlechte Nachricht, die Süssspeise würde sich verteuern.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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