Die Sawiris: Zwischen Kumpanei und Opposition

Die Familie Sawiris hat gute Beziehungen zum Regime von Hosni Mubarak. Der Tourismusminister ist sogar Teilhaber bei Sawiris Firma.

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Arthur Rutishauser@rutishau

Beim gegenwärtigen Volksaufstand in Ägypten stellt sich die Familie Sawiris – sie ist die reichste im Land – mutig auf die Seite der revoltierenden Jugendlichen. Naguib Sawiris, Chef von Orascom Telecom, fordert sogar via Bloomberg die übrigen Unternehmer dazu auf, Stellung zu beziehen. Samih Sawiris, der in der Schweiz das Feriendorf Andermatt realisieren will, sagt: «Das Regime Mubarak hat die Jugend vergessen. Es kann doch nicht sein, dass man studiert und trotzdem nie einen Job kriegt. Es braucht einen radikalen Wandel.»

Aufbau eines Imperiums

Das sind erstaunliche Worte für die Vertreter einer Familie, die unter Mubarak nicht schlecht gelebt hat. Angefangen hat der steile Aufstieg der Familie Sawiris mit einer ökonomischen Katastrophe. 1960 verlor Onsi Sawiris, der heute pensionierte Patriarch der Familie, einen grossen Teil seines Geldes wegen der Verstaatlichungen unter Präsident Gamal Abdel Nasser. Frustriert wanderte Onsi nach Libyen aus und machte dort in der Bauindustrie ein Vermögen. In den Siebzigerjahren kehrte er zurück und baute sein Imperium unter Anwar Sadat wieder auf. Als dann Mubarak in den Achtzigern, nach der Ermordung Sadats, nach und nach die Wirtschaft liberalisierte, wurde Onsi Sawiris zum reichsten Mann Ägyptens.

Dann teilte er sein Reich unter seinen Söhnen auf. Es entstand eine Telecom-, eine Tourismus- und eine Baufirma. Die Söhne Sawiris’ führten sie so erfolgreich, dass heute laut «Forbes» alle zu den reichsten Leuten der Welt gehören.

Das ging nicht einfach so, denn Mubaraks Ägypten war, wie heute Russland, bestenfalls eine «gelenkte» Demokratie. Laut Stephan Roll vom Deutschen Institut für internationale Politik und Sicherheit passierte Folgendes: Im Februar 1998 kam es zu einem Treffen zwischen Mubarak und den 31 reichsten ägyptischen Familien. Mubarak machte den ägyptischen «Oligarchen» klar, dass sie nicht mehr einfach ihr Geld aus dem Land ziehen dürften, sondern investieren müssten. Ansonsten, so sagte Mubarak der Legende zufolge, müssten sie sich künftig mit dem Velo statt im Mercedes auf Ägyptens Strassen bewegen.

Also investierte etwa Samih Sawiris nicht nur in Hotels, sondern auch einmal in eine Armensiedlung bei Kairo: «Gewinnbringend», wie er betonte. «Ich habe mein Geld nicht aus Ägypten abgezogen, sondern ich habe etwas gemacht. Mein Ferienresort ist inzwischen eine Stadt geworden. Hätten alle Ägypter so viel investiert, wären wir heute reicher als Saudiarabien», sagt Sawiris. Um seine Projekte verwirklichen zu können, brauchte Sawiris allerdings immer wieder Land von der Regierung. «Mit Korruption habe ich persönlich nie etwas zu tun gehabt – obwohl es viele bei mir probierten.» Dass auf unterer Ebene in seiner Firma mal einem Beamten verbilligte Ferien angeboten wurden, das sei möglich. Doch Sawiris beteuert: «Geld zahlen, damit ich ein Projekt schneller durchbringe, das mache ich nicht. Wir sind so vermögend, dass wir extrem aufpassen müssen. Ich hatte schon öfter das Gefühl, mir würde eine Falle gestellt.»

Direkter Draht in die Regierung

Doch ganz so unproblematisch ist Sawiris’ Verhältnis zur Regierung nicht. Roll nennt als Beispiel die Beziehung zwischen Sawiris und dem Tourismusminister Zoheir Garana. Rund ein Jahr nach dessen Ernennung zum Minister übernahm Sawiris’ Touristikkonzern mit einem Aktientausch die Mehrheit am Touristikkonzern der Familie Garana. Durch den Tausch erhielten die Garanas drei Prozent von Sawiris Orascom Development. Geschätzter Wert gemäss Roll 56 Millionen Dollar (damals 80 Millionen Franken). Ein Bruder Zoheir Garanas’ sitzt seither im Verwaltungsrat mehrerer Tochtergesellschaften der Orascom – und Sawiris hatte einen direkten Draht in die Regierung. Wie genau die Liegenschaften bewertet wurden, ist nicht nachvollziehbar. Sawiris verweist aber darauf, dass er mit Garana seit längerem um eine Bewilligung für ein neues Tourismusprojekt ringe. Der TourismusMinister ist allerdings einer von drei Ministern, die das Land wegen Korruptionsverdacht nicht verlassen dürfen.

Gute Freunde

Interessant ist das Verhältnis der Sawiris-Brüder Naguib und Nassef zu Mubaraks Söhnen Gamal und Alaa. Man war so gut befreundet, dass man bei der Fussball-WM 1998 in Frankreich gemeinsam zu einem Match ging. Alaa soll mal ein gutes Wort eingelegt haben, als es um eine Mobilfunklizenz ging. Heute ist er Aktionär bei Orascom. Gamal wollte Nachfolger seines Vaters werden und gründete dazu einen Business-Club, bei dem Nassef dabei war. Die Sawiris gründeten zudem eine Stiftung mit Mubaraks Frau als Botschafterin. Sie nutzte das Geld der Sawiris, um öffentlichkeitswirksam Kinderheime zu eröffnen.

Auf die Frage, wie man denn die Krise jetzt lösen könne, sagt Sawiris: «Es braucht einen geordneten Übergang. Der muss zusammen mit Mubarak geschehen, denn nur er kann die Verfassung ändern. Damit werden im Herbst freie Wahlen möglich. Die Jungen sollen etwas Geduld haben, sonst versinkt das Land im Chaos.»

Tages-Anzeiger

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