Langenthal

«Die Produktion ist in Langenthal viel zu teuer»

LangenthalDer Baumaschinenhersteller Ammann verlagert 130 Stellen vom Standort Langenthal ins Ausland. Hans-Christian Schneider, Chef Ammann Group, erklärt im Interview, warum der Produktionsstandort zu teuer ist.

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Sie mussten Ihre Mitarbeiter informieren, dass es 130 Kündigungen geben wird. Ist das Ihr schlimmster Tag als Unternehmer?
Hans-Christian Schneider: Ganz bestimmt ist es einer der schwereren Tage, die ich als Unternehmer erlebe. Es gehört aber im Unternehmertum beides dazu: Man stellt Leute an und man muss Anstellungsverhältnisse beenden. Ich bin mit der Stadt Langenthal, der Region und auch den Menschen hier im Betrieb sehr verbunden. Sie können mir glauben, dass mir und der Gruppenleitung diese Entscheidung sehr schwer gefallen ist.

Sie verlagern praktisch die ganze Produktion ins Ausland. Gab es keine Möglichkeit, diese Kündigungen zu vermeiden?
Wir stellen hier in Langenthal Komponenten in relativ kleinen Stückzahlen her. Wir nennen diese Herzteile. Das benötigt viel Handarbeit. Der Standort Schweiz ist gerade für diese Art von Produktion sehr teuer, für uns ist er zu teuer. Durch die Verschiebung der Wechselkursverhältnisse kam zusätzlich Druck auf unser Unternehmen. Schliesslich hat sich die Nachfrage im Heimmarkt Europa verkleinert. Es ist unmöglich, mit unser Tätigkeit hier in Langenthal profitabel zu arbeiten.

Was sind die Gründe für den Abbau?
Der Hauptgrund für die Verlagerung sind externe Faktoren: Der starke Franken, die sinkende Nachfrage. Die Produktion ist hier in Langenthal seit langem defizitär. Und: Es ist keine Änderung in Sicht. Wir haben alles Denkbare unternommen, um weiterhin hier produzieren zu können.

Sie verlagern die Stellen zu Tochterfirmen nach Deutschland und nach Italien. Warum dorthin?
Die Produktionsstundenkosten sind an unserem Standort in Deutschland 30 Prozent tiefer als hier in der Schweiz, in Italien sogar 40 Prozent günstiger als hier in Langenthal. Wir haben in der Gruppenleitung alle möglichen Szenarien geprüft. Es gibt keinen anderen Weg um nachhaltig die Kosten der Produktion für die Herzteile zu senken.

Ende letztes Jahr wurden 37 Stellen abgebaut. Nun folgt wieder ein Abbau. Welche Zukunft hat der Standort Langenthal?
Der Standort Langenthal bleibt erhalten. Neben der Gruppen- und der Divisionsleitung bleiben Arbeitsplätze in der Fertigung besonders sicherheitsrelevanter, komplexer Komponenten. Langenthal ist zudem das Kompetenzzentrum für die wichtigsten Komponenten einer Mischanlage und hier wird auch in Zukunft die Anlagensteuerung entwickelt. Knapp 300 Arbeitsplätze bleiben bei der Ammann Schweiz AG in Langenthal erhalten.

Und diese Bereiche haben eine Zukunft in Langenthal?
Davon gehe ich als Unternehmer und CEO natürlich aus. Aber man muss sich immer wieder am Markt beweisen.

Welche Perspektiven hat der Oberaargau als Wirtschaftsstandort?
Ich bin von der Konkurrenzfähigkeit von Langenthal aber auch der Region Oberaargau überzeugt. Hier kann man wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn nicht firmenspezifische Faktoren wie die vorher genannten durchschlagen. Ich erinnere daran, dass wir bei der Ammann Schweiz AG und der Avesco AG zusammen knapp 1000 Arbeitsplätze in der Schweiz haben, davon rund 750 in Langenthal.

Wie viele Mitarbeiter werden die Kündigung erhalten?
Die definitive Zahl wird sich nach dem Konsultationsverfahren zeigen. Betroffen sind mutmasslich nur Mitarbeiter in der Produktion und produktionsnahen Bereiche. Details werden im Konsultationsverfahren geklärt. Für die Mitarbeiter ist dieser Schritt sehr hart, sie waren stets flexibel und zeigten immer grossen Einsatz, gerade auch in letzter Zeit.

«Betroffen sind mutmasslich nur Mitarbeiter in der Produktion und produktionsnahen Bereiche.»

Wie viele Unqualifizierte werden ihren Job verlieren?
Es wird sehr wahrscheinlich auch Unqualifizierte treffen. Wir werden im Rahmen des Sozialplanes Massnahmen vorsehen, die Härtefälle auffangen werden. Zudem werden wir ihnen Aus- und Weiterbildungen anbieten und sie bei der Stellensuche unterstützen.

Wird es auch Frühpensionierungen geben?
Das ist Teil der Diskussionen in den Konsultationsverhandlungen.

Eine grosse Entlassungswelle in diesem Ausmass sorgt für Unruhe beim Personal. Wie wollen Sie darauf reagieren?
Das ist wohl nicht zu verhindern. Unruhe kommt von Unsicherheit, und die wollen wir so bald wie möglich beseitigen. Wir wollen die Betroffenen auf jeden Fall vor den Sommerferien informieren, ob sie bleiben können oder nicht.

Warum ist die Marktsituation in Ihrer Branche so schwierig?
In Europa, bei unseren Hauptkunden, verzeichnen wir sinkende Marktvolumen. Strassen werden immer noch meistens durch den Staat gebaut. Und viele Staaten in Europa stehen seit der Finanzkrise unter Spardruck. Dies führt zu Einsparungen bei Infrastrukturprojekten und damit auch beim Strassenbau.

Sie bauten gezielt neue Märkte auf. Warum konnten Sie die Rückgänge auf diese Weise nicht kompensieren?
In diesen Ländern braucht man Anlagen mit unseren technischen Finessen teilweise gar nicht. Fakt ist aber auch: Wir können nicht mit Schweizer Kosten in diesen Ländern erfolgreich sein. Dazu kommen die Transportkosten. Es läuft darauf heraus: Wir müssen im jeweiligen Kontinent für den entsprechenden Kontinent herstellen. Mit diesem Schritt gehen wir näher zu unseren weltweiten Kunden.

Wie haben sich Umsatz und Gewinn in Ihrem Unternehmen in den letzten Jahren entwickelt?
Der Umsatz stagnierte. Den Gewinn haben wir als familiengeführtes Unternehmen noch nie veröffentlicht und das wird so bleiben.

Sie führen in sechster Generation ein Familienunternehmen. Wie reagierte die Familie auf die anstehenden Kündigungen?
Wir haben uns diesen Schritt nicht einfach gemacht und alle Optionen geprüft. Nach der Prüfung war uns aber klar, dass wir diesen Weg gehen müssen.

Steht man als Unternehmer mehr unter Druck, wenn man weiss, der Vater ist Bundesrat?
Nein, das hat miteinander gar nichts zu tun.

Sie stehen aber viel mehr im ­Fokus als andere.
Ich hätte auch sonst diesen Weg gehen müssen.

Sie hätten also alles gleichgemacht, auch ohne berühmten Vater?
Ja. In meiner Arbeit spielt es gar keine Rolle, ob mein Vater Bundessrat ist oder nicht. Ich verfolge mit unseren Mitarbeitern das gemeinsame Ziel, am Markt erfolgreich zu bestehen. Oder umgekehrt gesagt: Ich würde gleich entscheiden, auch wenn mein ­Vater nicht Bundesrat wäre.

Welche Rahmenbedingungen müssten in der Schweiz anders sein, damit Sie die Kündigungen hätten verhindern können?
Das Problem sind die zu hohen Kosten. Ich bin der Meinung, dass die Rahmenbedingungen in der Schweiz grundsätzlich sehr gut sind. Beispielsweise unterstütze uns die Gemeinde immer wieder bei baulichen Massnahmen. Wenn wir sie brauchten, bot sie eine schnelle Lösung an. Auch die Sozialpartnerschaft erleben wir hier als ausgesprochen kooperativ.

Also ist der Werkplatz Schweiz Ihrer Meinung nach nicht gefährdet?
Wir haben in der Schweiz eine der tiefsten Arbeitslosenquoten in ganz Europa. Es sieht so aus, als ob das so bleiben würde. Der Arbeitsmarkt Schweiz hat sich immer in der Art der Jobs verändert. Volkswirtschaftlich gesehen muss man diese Veränderungen zulassen, wir müssen modern, innovativ, beweglich bleiben. Es mag schwierig sein, das an einem Tag wie heute zu sagen. Aber es gibt Bereiche, die unter Druck geraten und sich transformieren müssen - wie eben unsere Branche. Dass es nun uns trifft, das beschäftigt mich als Firmenchef sehr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.05.2017, 17:18 Uhr

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