Die Mär vom faulen Arbeiter

Seit Jahren wird Homeoffice als Arbeitsmodell der Zukunft propagiert. Wirklich durchgesetzt hat es sich bisher nicht. Was sind die Gründe?

Ist der Mensch von Grund auf faul? Bankmitarbeiter macht Pause. (Archivbild)

Ist der Mensch von Grund auf faul? Bankmitarbeiter macht Pause. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Martin Sturzenegger@Marsjournal

Vielleicht arbeiten Sie heute von zu Hause aus? Dann gehören Sie zur Ausnahme. Gemäss einer aktuellen Umfrage lassen nur zwei Prozent der Unternehmen ihre Arbeitnehmenden standortunabhängig arbeiten. Weitere 16 Prozent lassen zwar keine Autonomie zu, kennen aber das mobile Büro als Bestandteil ihres Alltags. Beim grossen Rest herrscht strikte Büropräsenz. Auch am fünften Home Office Day, der heute stattfindet.

Das Umfragekonsortium aus Bund und Fachhochschulen befragte ausschliesslich Unternehmen, bei denen mobiles Arbeiten überhaupt möglich ist: 230 Firmen aus dem Dienstleistungsbereich sowie 193 Verwaltungen. Hochgerechnet betrifft dies eine Millionen Arbeiter in der Schweiz. Firmen mit vielen ortsgebundenen Tätigkeiten, etwa Baufirmen, wurden nicht berücksichtigt.

Arbeitnehmer wollen, aber können nicht

Was erstaunt, ist nicht unbedingt die hohe Rate der Anwesenheitspflicht. Im europaweiten Ländervergleich schneidet die Schweiz gar überdurchschnittlich gut ab. Auffallend ist jedoch die Divergenz zwischen Anspruch und Realität: 66 Prozent der Arbeitnehmenden wünschen sich ausdrücklich mehr Flexibilität am Arbeitsplatz. Auch die Firmen zeigen sich willig: Nur 10 Prozent geben an, dass Homeoffice für sie kein Thema sei.

Weshalb kann sich das Homeoffice-Modell dennoch nicht durchsetzen? Die Studienleiter nennen unter anderem Führungskräfte, deren antiquiertes Arbeitsethos zunehmend mit dem kulturellen Wandel auf dem Arbeitsmarkt kontrastiert. «Autonomie, Kompetenz und Eingebundenheit sind zentrale Motivatoren geworden», sagt Hartmut Schulze, Arbeitspsychologe an der Hochschule Angewandte Psychologie FHNW. Stattdessen scheinen einige Arbeitgeber noch in Kategorien zu denken, die der industriellen Zeit entstammen, als der Begriff «Faulheit» als Ausdruck für Verweigerung gegenüber den Arbeitspflichten gestanden habe. «Die Führungskräfte mussten Sorge tragen, dass die Beschäftigten pünktlich zur Arbeit antreten, sich genügend anstrengen und möglichst fehlerlos arbeiten», sagt Schulze.

Heute arbeiten jedoch rund 75 Prozent der Schweizer Beschäftigten im tertiären Sektor – schon längst entstand eine Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, die zunehmend komplexer und intellektuell herausfordernder geworden ist. «Anstelle von Kraft und Disziplin sind die Kategorien Leistung und Sinn getreten», sagt Schulze. Dies erfordere jedoch eine Abkehr vom alten «Demand and Control». Schlagworte wie «Zielvereinbarung, Feedback, Kommunikation und Vertrauen» stehen gemäss Schulze im Mittelpunkt eines modernen Arbeitsmodells – auch auf ausdrücklichen Wunsch der Arbeitnehmer: In der aktuellen Homeoffice-Studie wird die Fähigkeit zum Vertrauen als oberste Anforderung an die Chefs genannt.

Homeoffice: «Erst einmal komplizierter»

Jens Meissner hat dennoch Verständnis für den zögerlichen Wandel. Der Professor für Organisation und Innovation an der Fachhochschule stellt rationale Bedenken in den Vordergrund: «Homeoffice macht die Arbeitssituation erst einmal komplizierter.» Mehr Regeln und Koordination – diesen Umstellungsaufwand würden die Arbeitnehmer nur ungern in Kauf nehmen, da heute mehr denn je die Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund stehe. «Dass man mit Homeoffice und räumlich flexiblen Arbeiten mittelfristig erfolgreicher sein kann, erschliesst sich erst auf den zweiten Blick», sagt Meissner.

Vielleicht spielen aber auch tatsächlich Begriffe wie Faulheit und Misstrauen eine zentrale Rolle. Wenn sich eine Mehrheit der Arbeitnehmer für ein flexibles Arbeitsmodell starkmacht, heisst das noch lange nicht, dass sich jeder dafür eignet. Douglas McGregor legte 1960 mit der XY-Theorie den Grundstein für moderne Managementtheorien. Der ehemalige Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) kategorisierte Arbeitnehmer in zwei Menschentypen. X ist der Mensch, der von Natur aus faul ist: Weil er der Arbeit möglichst aus dem Weg geht, muss er von aussen motiviert werden. Im Gegensatz dazu steht Mensch Y, der aus eigenem Antrieb ehrgeizig ist. Zur Erreichung seiner Ziele auferlegt er sich strenge Selbstdisziplin und -kontrolle. Er sieht Arbeit als Quell der Zufriedenheit und hat Freude an seiner Leistung.

Machen es sich Schweizer Arbeitgeber zu leicht?

Die Schwierigkeit mit der Einführung moderner, flexibler Arbeitsmodelle geht gemäss Arbeitspsychologe Schulze auch auf hartnäckig sich haltende Menschenbilder zurück, die an das XY-Modell von McGregor anknüpfen. Man könne ja gut nachvollziehen, dass Menschen unter den Bedingungen des Taylorismus (Anm. d. Red.: ein Prinzip der genauen Prozesssteuerung von Arbeitsabläufen, das mit der aufkommenden Industrialisierung populär wurde) eine gewisse Arbeitsunlust zeigten und letztlich über externe Anweisungen überzeugt werden mussten. «Heute zeigt sich aber immer mehr», so Schulze, «zu welch hohen und kreativen Leistungen Menschen fähig sind, wenn sie sich über die Sache und die Themen und somit von innen her motivieren können.»

Der inzwischen verstorbene McGregor würde dieser Aussage beipflichten, empfahl er doch stets, dass in der Arbeiterführung von der Theorie Y – vom natürlich fleissigen Arbeiter – ausgegangen werden sollte. Vorgesetzte, die ihre Mitarbeiter nach Theorie X beurteilten, würden es sich oft zu leicht machen. Doch auch 50 Jahre nach McGregors Tod gibt es zumindest Grund zur Annahme, dass in den Schweizer Führungsetagen dieses Menschenbild noch immer existiert.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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