Die Homeoffice-Verweigerer

Zu Hause arbeiten, flexibel sein und damit noch Gutes tun: Homeoffice – heute wird der nationale Tag gefeiert – liegt im Trend. Die Euphorie teilen allerdings bei weitem nicht alle.

Der reale Austausch unter Arbeitskollegen zählt immer noch viel: Büro im Zürcher Kreis 5.

Der reale Austausch unter Arbeitskollegen zählt immer noch viel: Büro im Zürcher Kreis 5.

(Bild: Keystone)

Matthias Chapman@matthiaschapman

«Es ist wie beim Frauenstimmrecht, man kann doch nicht gegen seine eigenen Rechte sein», antwortet Barbara Josef, Projektverantwortliche bei Microsoft Schweiz, auf die Frage, ob es in ihrem Unternehmen auch Gegner des Homeoffice gebe. Im Prinzip hat sie ja recht. Denn mit dem Begriff Homeoffice wird ja nicht ein Zwang zur Heimarbeit, sondern einzig die Möglichkeit zur freien Entscheidung verbunden.

Und die freie Entscheidung, ab und zu von zu Hause aus zu arbeiten, treffen beim Homeoffice-Pionier Microsoft offenbar viele. So viele, dass Barbara Josef sagt: «Bei uns haben nur noch 10 Prozent der Mitarbeiter einen fixen Arbeitsplatz.» Ähnlich beliebt soll die Arbeit zu Hause beim zweiten Frontrunner in Sachen Homeoffice, Swisscom, sein. Dort hat mit 15'000 Mitarbeitern weit über die Hälfte der Belegschaft die Möglichkeit, den Bürotisch in den eigenen vier Wänden als Arbeitsplatz zu benützen. Wie viele genau davon Gebrauch machen, weiss Swisscom nicht. Aber: «Wir wissen aus Befragungen, dass die Leute im Schnitt 1,2 Tage im Monat zu Hause arbeiten», sagt Sprecherin Annina Merk.

Weniger zufrieden bei der Arbeit zu Hause

Trotz dieser vielen Homeoffice-Fans: Es gibt auch die anderen. Diejenigen, welche es entweder ausprobiert haben und zum Schluss gelangt sind, dass der Arbeitsplatz zu Hause keine gute Sache ist. Oder solche, die schon gar nicht erst auf die Verlockung einsteigen. Eine von ihnen ist Sabine Gysi. Die Journalistin schrieb jüngst in einem Blog-Beitrag: «Ich bin nicht der Homeoffice-Typ.» Zu Hause zu arbeiten, brauche deutlich mehr Selbstdisziplin «und somit Energie», so Gysi. Zudem sei sie während der Heimarbeit weniger zufrieden. Die Autorin schreibt vom Geräuschpegel, der stimmen müsse, von den «Sparringspartnern», die physisch in ihrer Nähe sein sollten, und vom Arbeitsraum, der nicht gleichzeitig ihr Frühstücksraum sein dürfe. Kurz: «Ich arbeite lieber und besser im Büro als im Homeoffice.»

Hätte Marissa Mayer Sabine Gysis Blog gelesen, würde sie sich bestätigt fühlen. Die Yahoo-Chefin gilt inzwischen als Mutter aller Homeoffice-Gegner. Diesen Ruf hat sie, seit sie Anfang Jahr die Belegschaft zurück in die Hallen des Konzerns beorderte und sämtliche Homeoffice-Projekte beendete. «Geschwindigkeit und Qualität leiden oft, wenn wir von zu Hause aus arbeiten», begründete die junge Chefin des US-Konzerns damals.

Eine Firma ist kein Konglomerat von Einzelkämpfern

Ähnlich äussert sich Benjamin Geiger, Chefredaktor der «Zürichsee-Zeitung»: Für die meisten Unternehmen würde sich eine Dezentralisierung – das ist für ihn Homeoffice aus Sicht der Firma – nicht auszahlen. «Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass dies der Produktivität und Qualität abträglich wäre», wie er jüngst ein einem Beitrag für das Branchenportal HR Today verlauten liess. Geiger argumentiert vor allem mit der Teamleistung, welche sich nur durch den persönlichen Austausch optimieren lasse. Videokonferenzen würden oft nicht helfen, und dass Menschen noch immer rund um die Welt reisten, würde beweisen, wie wichtig der persönliche Kontakt sei. Sein Fazit zur Heimarbeit fällt geradezu vernichtend aus: «Der Homeoffice-Vorstellung liegt eigentlich eine längst überholte Vorstellung zugrunde, die ein Unternehmen als Konglomerat von Einzelkämpfern definiert.»

Nichtsdestotrotz wird Homeoffice in der Schweiz noch einen weiteren Aufschwung erleben. So zumindest muss man Microsoft-Schweiz-Chefin Petra Jenner verstehen. «Flexible Arbeitsformen sind keine Modeerscheinung, sondern sind die Konsequenz von technologischen, gesellschaftlichen und demografischen Entwicklungen», erklärte sie jüngst in einem Interview mit Bernerzeitung.ch/Newsnetz. Und die Diskussion über Sinn und Unsinn von Homeoffice, welche das strikte Eingreifen von Yahoo-Chefin Mayer ausgelöst habe, komme «10 Jahre zu früh».

Das Potenzial in der Schweiz ist 14-mal höher

Tatsächlich scheint die Entwicklung in der Schweiz eher noch am Anfang zu stehen, das Homeoffice-Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft. Laut einer Studie der Universität St. Gallen wären rund 450'000 Menschen hierzulande in der Lage, einen Tag pro Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Allerdings würden das bis jetzt nur knapp 30'000 (sieben Prozent) nutzen.

Ob sich die Schweizer Arbeitswelt je diesen Maximalwerten annähert, wird sich zeigen. Noch geht der Trend nach oben. Die Stimmen derjenigen, die Homeoffice nicht wollen oder sich wieder davon abwenden, werden aber vermutlich ebenfalls zunehmen. In den USA setzt sich die Wissenschaft bereits intensiv mit den Auswirkungen des Homeoffice (Teleworking) auseinander. So kam zum Beispiel Timothy Golden vom Rensselaer Polytechnischen Institut in Troy im US-Staat New York zu einem überraschenden Schluss: Telearbeit sei nicht unbedingt eine Entlastung für Menschen, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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