Die Gewissheit des Ägypters

Warum ist Samih Sawiris so felsenfest davon überzeugt, dass er den Talgrund um Andermatt in eine Luxusferiendestination verwandeln kann? Weil er nüchtern kalkuliere, sagen jene, die ihn kennen.

Der Investor musste in Andermatt lernen, kompromissbereit zu werden: Samih Sawiris auf der baustelle (Archivbild).

Der Investor musste in Andermatt lernen, kompromissbereit zu werden: Samih Sawiris auf der baustelle (Archivbild).

(Bild: Keystone)

René Staubli

«Stellen Sie sich ein grosses Flugzeug beim Start vor», sagt ein ehemaliger Weggefährte von Samih Sawiris. «Im Cockpit blinken etliche Warnlampen, aber die Geschwindigkeit ist schon zu hoch, als dass der Pilot noch abbremsen könnte – in einer vergleichbaren Lage befindet sich Sawiris in Andermatt.»

Morgen Dienstag erklärt der Ägypter den Medien im Urner Bergdorf, warum er weitere 150 Millionen Franken aus seinem Privatvermögen einschiesst, die Aktienmehrheit der Andermatt Swiss Alps AG (ASA) übernimmt und im Urserntal ab sofort selber nach dem Rechten sehen will.

In den letzten Jahren wie Hiob vorgekommen

Einmal mehr werden sich Beobachter fragen: Glaubt Sawiris wirklich daran, in dieser Einöde rund 500 Ferienappartements und zwei Dutzend Villen bauen und mit Gewinn verkaufen zu können? Oder fürchtet er einfach nur, das Gesicht zu verlieren, wenn er angesichts der Probleme die Konsequenzen ziehen und seine Pläne begraben würde?

Der ehemalige St. Moritzer Kurdirektor Hanspeter Danuser berät den Ägypter seit geraumer Zeit. Dieser müsse sich in den letzten Jahren wie Hiob vorgekommen sein: der Absturz des Kerngeschäfts in Ägypten wegen der Revolution, die europäische Finanzkrise, das Kaderkarussell bei der ASA nach internen Turbulenzen, dazu die Verunsicherung potenzieller Käufer wegen der Zweitwohnungsinitiative und dem lange umstrittenen Ausbau des Skigebiets.

Sawiris – «ein Heiland»

Gleichwohl habe Sawiris immer gewusst, welche Trümpfe er in Andermatt in der Hand halte, sagt Danuser: die Lage mitten in Europa im reichsten Land der Welt mit der härtesten Währung. Die Möglichkeit, ein neues Dorf aufzubauen, «ohne die Fehler von St. Moritz, Zermatt und andern Orten zu wiederholen, die unter einem hohen Zweitwohnungsanteil leiden und mit Bausünden geschlagen sind». Danuser ist überzeugt: «Wenn einer diesen Rohdiamanten schleifen kann, dann Sawiris.»

Nicht alle sind von der Begabung des «Pharaos» gleichermassen überzeugt. Sawiris habe zu lange gemeint, in der Schweiz laufe alles so reibungslos wie in seinem Vorzeige-Resort El Gouna am Roten Meer, sagen ehemalige Angestellte. Die Wohnungen in Andermatt seien viel zu gross konzipiert und viel zu teuer angeboten worden. «Da wurde völlig am Markt vorbeigeplant.» Sawiris sei in dieser Phase zuweilen ausgeflippt, wenn man ihm widersprochen oder Aufträge nicht wunschgemäss ausgeführt habe; im ASA-Hauptquartier in Altdorf sei es zu heftigen Gewittern gekommen: «Da hat es böse gekracht, aber nachtragend war Sawiris nie.»

«Das Militär hatte sich zurückgezogen»

Allerdings habe er in der Schweiz lernen müssen, dass man bei Verhandlungen nur ans Ziel komme, wenn man kompromissbereit sei, «anders als in Ägypten, wo er seine Autorität ausspielen kann». Der neuen Situation habe er sich geschmeidig angepasst mit dem Effekt, dass ihm die Urner Politiker zunehmend vertrauten: «Manche sehen in ihm den Heiland.»

Heidi Z’graggen betreut in der Urner Regierung das Andermatter Dossier. Sie erinnert an die depressive Stimmung, die im Urserntal geherrscht habe, bevor Sawiris auftauchte. «Das Militär hatte sich zurückgezogen, Arbeitsplätze verschwanden – es fehlte an Visionen; die Gastronomie im Dorf war eher auf Soldaten als auf Touristen zugeschnitten, kaum mehr jemand hatte investiert.»

«Er überlegt, welche Chancen sich bieten»

Das etwas heruntergekommene Dorfbild habe Sawiris nicht irritiert, ganz im Gegenteil, sagt Z’graggen. Er habe mit Interesse vernommen, in welcher Blüte Andermatts Tourismus vor dem Ersten Weltkrieg stand. Damals fuhren die internationalen Gäste des Grand Hotel Bellevue in Pferdekutschen durch die Schneelandschaft, fischten im Sommer im Oberalpsee und bestaunten die künstlich illuminierte Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht.

Sawiris habe die schwierige Situation des Tals und der Bevölkerung als gutes Zeichen genommen. Aus dem Helikopter habe er vier oder fünf mögliche Standorte evaluiert, alles freiliegende Plateaus in der Umgebung von Andermatt. Für sein Resort sei aus raumplanerischen Gründen aber nur das Gelände des Waffenplatzes am Dorfrand infrage gekommen.

Damals und in den folgenden acht Jahren habe Sawiris «ziemlich cool» auf solche Vorgaben und Einschränkungen reagiert, sagt Z’graggen: «Er hört sich die Argumente an und überlegt, welche Chancen sich bieten – er ist nicht problemfixiert, sondern extrem lösungsorientiert.» Auch zur Bevölkerung konnte er sofort ein Vertrauensverhältnis aufbauen.

Letzte Chance, um eine Einigung zu erzielen

Die Urschner hatten etwas besorgt einen orientalischen Muslim erwartet. Was sie bekamen, war ein humorvoller, Deutsch sprechender koptischer Christ mit perfekten Umgangsformen. Bei aller Sympathie ist für Z’graggen jedoch klar: «Wie sich das Projekt Andermatt weiterentwickelt, hängt stark von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, dem Einsatz von Gemeinde und Kanton sowie dem persönlichen Engagement von Samih Sawiris ab.»

Wie Sawiris in Stresssituationen funktioniert, schildert Katharina Conradin. Die Geschäftsführerin von Mountain Wilderness wurde von Z’graggen Anfang 2013 zu einer Krisensitzung im geschichtsträchtigen Bannersaal des Rathauses in Altdorf aufgeboten. Die monatelangen Verhandlungen mit den Umweltorganisationen über die Ausgestaltung der Skiarena Andermatt/Sedrun schienen bereits gescheitert. Die Notübung war die letzte Chance, um eine Einigung zu erzielen, und viele der Beteiligten waren ziemlich nervös.

«Kompromissbereit, sachlich, feinsinnig»

«Sawiris war sehr unverkrampft», erinnert sich Conradin. In der mehrstündigen Diskussion, die bis in die Nacht hinein dauerte, habe sie immer wieder über ihn gestaunt. Zum Beispiel darüber, wie er schmunzelte, wenn man ihm eine geplante Skipiste strich. «So werden die Bahnen billiger und rentabler», habe er gefrotzelt. Sie habe ihn als «kompromissbereit, sachlich, feinsinnig, aber dezidiert erlebt», sagt Conradin, «es herrschte eine fast basarmässige Stimmung». Dabei zogen sich die Delegationen immer wieder in separate Räume zu Konsultationen zurück. «Wie Sawiris hinter verschlossener Tür mit seinen Leuten umgegangen ist», sagt Conradin, «kann ich natürlich nicht beurteilen.»

Zu jenen, die Sawiris von Anfang an begleitet haben, gehört der ehemalige Urner Nationalrat Franz Steinegger. Er organisierte an jenem sonnigen Wintertag den ersten Helikopterflug übers Urserntal. Sieben Jahre später trat er als Präsident der Andermatt Gotthard Sportbahnen AG zurück, weil er mit den Plänen zum schnellen Ausbau des Skigebiets nicht einverstanden war.

«Er hofft, El Gouna in den Alpen realisieren zu können»

Trotz aller Konflikte verliert Steinegger kein böses Wort über seinen Kontrahenten. Festgestellt habe er allerdings, dass Sawiris in jenen turbulenten Monaten «um Jahre gealtert» sei. Seit seinem Rücktritt verfolgt Steinegger die Entwicklungen aus der Distanz: «Man hofft, dass es auf der Nachfrageseite endlich klick macht, wenn in ein paar Jahren die sogenannt kritische Masse erreicht und ein guter Teil des Resorts gebaut ist», sagt er. Ob es so komme, sei Glaubenssache.

Wie alle andern Beteiligten hatte Steinegger beim ersten Treffen erwartet, dass sich Sawiris höchstens für die grosse Parzelle im Dorf interessieren würde, auf der einst das Grand Hotel Bellevue stand. Als er sagte, er brauche 800 000 Quadratmeter, um seine Pläne zu verwirklichen, besser noch 1 Million, sei die Überraschung gross gewesen. Nach kurzer Zeit sei klar geworden, welches Geschäftsmodell Sawiris verfolge: «Er hofft, El Gouna in den Alpen realisieren zu können.»

Militärgebiet, billiges Land

Das Unternehmen El Gouna hatte vor 20 Jahren mit einem Hafen und ein paar Ferienhäusern begonnen. Das Land – ein Stück Wüste am Meer – hatte Sawiris dem Staat zu einem Schleuderpreis abgekauft. Später kamen auf der verfügbaren Fläche von mehr als 35 Millionen Quadratmetern einige Hotels dazu. Sawiris baute im selben Tempo, wie er verkaufte. Es entstanden ein Flughafen, ein Krankenhaus, Sportstätten, ein Golfplatz, Schulen, Restaurants und Bars, viele zusätzliche Häuser und schliesslich je ein Campus der American University in Kairo und der Technischen Universität Berlin, wo Sawiris einst Wirtschaftsingenieurwesen studiert hatte.

Sawiris, heisst es in seiner Umgebung, suche nicht nach Investitionsmöglichkeiten. Er warte, bis man Projekte an ihn herantrage. So war es beim König von Jordanien, der sich ein Resort nach dem Vorbild von El Gouna wünschte (Tala Bay). Und so war es auch bei den Urnern, für die Raimund Kunz, ehemals Botschafter in Kairo, den Kontakt herstellte. Die Urner Regierung suchte einen Investor für ein Tourismusprojekt. Sawiris kam vorbei und realisierte: Andermatt am Gotthard, nicht gerade eine Wüste, aber weitgehend unbebautes Militärgebiet, billiges Land, Entwicklungsland. Und – wie in El Gouna und Tala Bay – keine lokalen Konkurrenten. Eines ist Sawiris heilig: Er will selber vom Mehrwert profitieren, den er mit seinen Urbanisierungsprojekten schafft.

Sawiris glaubt an das Luxusresort

Sawiris, so heisst es, habe in den 90er-Jahren ein Schlüsselerlebnis gehabt. Damals habe er sich als Unternehmer bei den Banken verschuldet. Als der Tourismus in Ägypten nach dem Luxor-Attentat von 1997 einbrach, habe er eine Bierbrauerei verkaufen müssen, um die Kreditzinsen zahlen zu können. Seither arbeite er vorzugsweise mit eigenem Geld. Davon sei so viel vorhanden, dass er auch Durststrecken überstehen könne, wie er sie jetzt erlebt. Die Familie soll Milliarden besitzen.

Sawiris' Vater Onsi sei eine Person von grosser Autorität, sagt Steinegger, der ihm in El Gouna begegnet ist. Der Patriarch hatte in Ägypten als Unternehmer ein Vermögen gemacht – und es unter Regierungschef Sadat wieder verloren. Er ging nach Libyen, um sich eine neue Existenz aufzubauen; unter Ghadhafi büsste er erneut alles ein. Zurück in Ägypten, schaffte er es ein drittes Mal. Nun wirft ihm der Staat Steuervergehen vor und hat ihn mit einer Reisesperre belegt. Die drei Söhne, die das Imperium des Vaters unter sich aufgeteilt haben, verschieben die Vermögenswerte sukzessive in den Westen.

Muss Samih Sawiris seinem Vater in Andermatt beweisen, was er kann? Zieht er das Projekt deshalb durch? «Sawiris glaubt in seinem Innersten, dass er das Luxusresort am Gotthard realisieren kann», sagt einer, der ihn viele Jahre kennt. «Sonst würde er keine weiteren 150 Millionen investieren – die Ruine würde ja nur noch grösser und Sawiris’ Gesichtsverlust auch.»

Tages-Anzeiger

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